Ein anderer Weg
Nicolas Stamm und Serge Schaal haben erreicht, was viele im Elsass für unmöglich hielten. Nämlich ein hochdekoriertes Gourmet-Lokal, das ohne Familientradition, ohne Mittagsservice und ohne dreissigköpfiges Küchenheer auskommt. Ein Interview mit zwei Mutigen.
Nicolas Stamm (36) wurde in Strassburg geboren. 1991 absolvierte er die Ecole Hotelière in Strassburg und arbeitete danach bei Spitzenkoch Jean Schillinger in Colmar. Seine dreijährige Militärzeit bestritt Stamm als Privatkoch von Staatspräsident François Mitterrand in Paris. Nach dem Militär, inzwischen 24 Jahre alt, eröffnete er ein Restaurant im elsässischen Hagenau. Sechs Monate später kam der gelernte Umweltingenieur Serge Schaal (38) dazu. Schaal fungierte fortan als Geschäftsführer, Chef de Service und Sommelier. Von der Familie Haeberlin ermutigt, kaufte das Duo im Jahr 2000 das Restaurant La Fourchette des Ducs in Obernai. Im Februar 2002 erhielt Stamm als jüngster Koch Frankreichs einen Michelin-Stern. 2005 kam der zweite Michelin-Stern dazu, 2007 wurde das Fourchette des Ducs zudem in der prestigeträchtigen Vereinigung «Les grandes tables du monde» aufgenommen. Nicolas Stamm beschäftigt insgesamt nur gerade vier Köche.
Salz&Pfeffer: Nicolas Stamm, wie wird man Privatkoch von François Mitterrand?
Nicolas Stamm: Damals war die
Armee in Frankreich noch obligatorisch. Während der Musterung sah mein
Vorgesetzter in meinen Akten, dass ich bereits für grosse Häuser
gekocht hatte und schickte mich nach Paris. Dort gab es ein
Auswahlverfahren unter verschiedenen Köchen, die dann für die Minister
kochen sollten. Ich hatte das Glück und kam zum Staatspräsidenten, aber
nicht in den Palais d’Elisée, sondern in sein Privathaus.
S&P: Hat Sie François Mitterrand persönlich ausgewählt?
Stamm: Ja, das hat er.
S&P: Wollen Sie mir von dieser Zeit erzählen?
Stamm: Nicht wirklich, er war damals bereits schwer erkrankt, das ist nichts für die Öffentlichkeit.
S&P: Was haben Sie für Mitterrand gekocht?
Stamm: Meist einfache Sachen
aus guten, französischen Produkten. Aufwändig kochte ich eigentlich
nur, wenn er Staatschefs zu sich nach Hause einlud. Mitterrand hatte
ein Faible für Tauben und andere Vögel. Er war stolz auf die
französische Gastronomie und hatte viel Respekt für französische
Küchenchefs. Das ist heute leider nicht mehr so.
S&P: Konkret?
Serge Schaal: Als sich Frankreich gegen Amerika und den Irakkrieg stellte, wurde auch unsere Gastronomie geächtet.
Stamm: Es gab eine
internationale Kampagne, die aufzeigen sollte, dass man ausserhalb von
Frankreich besser isst. Natürlich speist man auch in anderen Ländern
sehr gut, aber dafür muss man unsere Gastronomie nicht verunglimpfen.
S&P: Hat Sie das getroffen?
Stamm: Wirtschaftlich nicht, wir haben nicht viele amerikanische Gäste,
aber es ist schade, dass unser kulturelles Erbe wegen der Politik
missbraucht wurde.
Jakobsmuscheln mit Artischocken-Kompott an Agrume und Vanille
S&P: Man sagt, dass Sie
heute eine Vorreiterrolle übernehmen, wie sie früher das Haus Haeberlin
in Illhäusern innehatte. Sehen Sie das auch so?
Stamm: Von einer Vorreiterrolle
im Vergleich mit Haeberlin sind wir weit entfernt. Aber wir haben
bewiesen, dass man es im Elsass auch in die Elite-Gastronomie schaffen
kann, ohne Sohn eines grossen Kochs zu sein.
S&P: Konkret?
Stamm: Schauen Sie, noch vor
zehn Jahren wäre ein Restaurant wie das Fourchette des Ducs völlig
undenkbar gewesen. Für eine Sterneküche brauchte man mindestens 80
Plätze, eine riesige Brigade und musste mittags geöffnet haben. Serge
überzeugte mich aber damals, einen anderen Weg zu gehen.
Schaal: Nicolas ist im alten
System ausgebildet worden und war drauf und dran, dem klassischen Weg
zu folgen. Chefkoch, grosse Brigade, Sommelier, Maître d’hôtel und so
weiter. Aber all das hätte zuviel gekostet. Ich kam nicht aus der
Gastronomie und verstand nicht, wieso es nicht auch anders gehen
sollte, mit einer kleinen Struktur, wenig Plätzen und nur einem
Abend-Service.
S&P: Wie reagierte die Elsässer Gastronomie auf Ihr neues Konzept?
Schaal: Es wurde viel geredet.
Es hiess, wir betreiben das Restaurant nur zum Spass. Viele gaben uns
höchstens sechs Monate. Ich selbst hatte keine Zweifel, aber ich musste
schauen, dass Nicolas nicht zuviel mit anderen Köchen redete, sonst
hätte er das Selbstbewusstsein verloren.
Stamm: Ich wollte immer nur
Koch sein, und wenn einer sagte, ich nehme meinen Beruf nicht ernst, so
war das wirklich schwierig. Das Gewicht der alteingesessenen Elsässer
Spitzenköche ist nicht zu unterschätzen. Aber nach dem ersten und ganz
sicher nach dem zweiten Stern, musste ich niemandem mehr etwas beweisen.
S&P: Sie sagen, der Michelin-Stern hat Ihr Leben verändert. Wieso?
Stamm: Absolut. Ich denke, alle
anderen Führer sind weniger wichtig. Wenn ich 19 Gault-Millau-Punkte
habe oder das Maximum in einem anderen Gastronomieführer, ist das schön
für das Selbstvertrauen, die Gäste aber interessiert das nicht. Ein
Michelin-Stern aber verändert alles. Der erste Stern war
zukunftsweisend für unser Restaurant und hat unser Leben auf den Kopf
gestellt.
S&P: Können Sie das beschreiben?
Schaal: Ein Restaurant ohne
Sterne lebt hauptsächlich von den Stammgästen. Aber auf unserem Niveau
kann man von den Stammgästen alleine nicht mehr leben. Wir brauchten
den Stern, um auch eine andere Kundschaft anzuziehen.
S&P: Das heisst, Sie schrieben während zwei Jahren rote Zahlen und hofften auf einen Stern?
Schaal: Genau so ist es.
Deshalb wird es für junge Köche auch immer schwieriger, eine
Gastronomie auf diesem Niveau aufzubauen. Sie haben ganz einfach das
Geld nicht, um solange durchzuhalten. Das ist schade, weil es so nur
den Söhnen von grossen Köchen vorbehalten bleiben wird, in die
Luxus-Gastronomie einzusteigen.
La Fourchette des Ducs,
6, rue de la gare, 67210 Obernai
Tel. 0033 (0)3 88 48 33 38
Fax 0033 (0) 88 95 44 39
Mittags geschlossen.
S&P: Woher hatten Sie soviel Geld?
Stamm: In dem kleinen Lokal in
Hagenau verdienten wir gutes Geld, damit konnten wir den Anfang
überleben. Wir riskierten es einfach, wenn es schief gegangen wäre,
hätte ich eine Stelle als Chefkoch angenommen und die Schulden
zurückbezahlt. Geld bedeutet mir nicht viel, darum hatte ich auch
nichts zu verlieren.
S&P: Gault Millau ist in der Schweiz allgegenwärtig, wie sieht das in Frankreich aus?
Stamm: Die Veröffentlichung des
neuen Gault Millau in Frankreich ist kein Ereignis, es interessiert
niemanden. Im Elsass gab es einen kleinen Artikel im Lokalblatt. Für
junge Köche wie mich ist der Gault Millau in Frankreich schwierig zu
verstehen. Ich bin übrigens auch nicht darin aufgeführt.
S&P: Reden wir von Ihrer Küche.
Stamm: Ich arbeite mit ganzen
Produkten. Die Molekularküche hat die Küche im Ganzen weitergebracht,
aber ich fühle mich darin nicht wohl. Schauen Sie den Teller an (siehe
Seite 18). Jakobsmuscheln, Artischocken und Trüffel, Meer und Erde,
mehr ist da nicht. Ich denke, meine Küche ist klassisch aber modern
interpretiert.
S&P: Die Gourmet-Küche
braucht teuerste Produkte von teilweise aussterbenden Tierarten. Wieso
halten die Köche diesem Trend nicht Gegensteuer?
Stamm: Es ist wie mit einem
Schneider, der am liebsten mit seltenen Federn und teurem Kaschmir
arbeitet, weil das am meisten Freude macht. Aber Sie haben natürlich
Recht. Das Hauptproblem sind sicher die Fische und Meerestiere, da
findet eine klare Ausbeutung statt. Ich verzichte darum symbolisch auf
mediterranen Thunfisch oder auf Seeigel.
S&P: Nicht aber auf Jakobsmuscheln oder Langusten. Wieso konzentrieren Sie sich nicht mehr auf heimische Produkte?
Stamm: Ich hätte kein Problem
damit, meine Küche hauptsächlich mit regionalen Produkten wie Elsässer
Tauben oder in naher Zukunft sogar mit Lachs aus dem Rhein zu
gestalten. Lebensmittel mit kurzen Transportwegen sind immer am besten.
Leider findet man im Elsass momentan noch nicht genügend Produkte, die
meinen Qualitäts-Massstäben genügen.
S&P: Sie scheinen sich perfekt zu ergänzen. Der Koch und der Chef de Service mit Buchhalterqualitäten. Gibt es auch Konflikte?
Schaal: Allerdings, meistens,
wenn er zu teure Sachen einkauft. Ich will nicht zu teuer werden.
Unsere Gäste sind keine russischen Milliardäre, sondern normale
Menschen, die sich eine Freude machen. Wir sind kein billiges Lokal,
gerade deshalb muss ich aufpassen, dass Preis und Leistung in einem
vernünftigen Verhältnis stehen.
S&P: Was bedeutet Ihnen Luxus?
Schaal: Luxus interessiert mich nicht. Was ich an meinem Beruf liebe, ist die Kunst und das Handwerk auf dem Teller.
Stamm: Wir arbeiten in einem
luxuriösen Ambiente. Aber ich will nicht, dass mich der Luxus im
Inneren berührt und wichtig wird. Wir arbeiten nicht für Luxus, sondern
für die Kunst. Eine Kunst, die zwar etwas kostet, aber viel Freude
bereitet. ■
Ausgabe 8/2008


