Dr. Gago hält Visite
Richtig gute Weine sind oft robuster, als die Skeptiker glauben. Wenn sie trotzdem nach einigen Jahren schlapp machen, liegt das eher am Korken oder an der Lagerung als am Rebensaft selbst. Die zunehmend undichten Zapfen auszutauschen, ist aber nicht ganz einfach – wenn man nicht gerade eine Korkklinik in der Nähe weiss.
Nennen wir ihn Jim. Und nehmen wir einfach mal an, dass er sich schon seit Jahren ernstlich Sorgen macht um seine kleinen Lieblinge. Vor fast drei Jahrzehnten kam der gebürtige Australier nach Deutschland, im Gepäck eine ganze Batterie an hochklassigen australischen Flaschen. Das Beste vom Besten der damaligen Zeit, vor allem die Spitzenweine aus dem Hause Penfolds. Ein paar lächerliche Scheinchen pro Bouteille hat Jim damals für die besten bezahlt, selbst der legendäre Grange – heute ein viele hundert Franken verschlingender Kulttropfen – war damals für gerade mal 11.50 Aussie-Dollar zu haben. Jim hat seine Schätze über all die Jahre gehegt und gepflegt, ein bisschen wohl als Heimweh-Gegenmittel, ein wenig als stille Reserve fürs hohe Alter. Doch dieses Alter, das schlug auch bei den Korken unbarmherzig zu. Einige wurden schon müde, andere waren irgendwann sogar ziemlich gebrechlich. Dass es nicht gut um die Edelflaschen stand, das konnte man ihnen immer deutlicher ansehen. Die Etiketten verblasst und vergilbt. Die Korken schon von aussen leicht verschrumpelt. Und am schlimmsten: der Füllstand der Flaschen schon ziemlich gesunken. War kurz nach der Abfüllung nur ein winziger Abstand von zwei oder drei Millimetern zwischen der Unterseite des Korkens und der Weinoberfläche zu messen, so hatte sich die Luft nach all der Zeit auf zwei, drei oder gar mehr Zentimeter ausgedehnt. Eine Lücke klaffte, Oxidation drohte. Und irgendwann beschloss Jim schweren Herzens, den Rettungsdienst zu rufen.
Kranke Korken, schlecht organisierter
Rettungsdienst
Wann Weinflaschen neu verkorkt werden müssen, hängt nicht nur am Alter der Flasche, sondern auch an der Qualität des Korkens und an der Güte der Lagerung. In trockenen Kellern halten die Rindenstücke nicht so lange durch wie in feuchten, werden mitunter schon nach ein paar Jahren müde, verlieren an Elastizität – und erlauben irgendwann das Verdunsten des Weines. Doch selbst bei perfekter Reifung ist oft nach 15 bis 35 Jahren eine Neuverkorkung angesagt: Lohnen tut sich so was natürlich nur bei Spitzenweinen. Allerdings wissen selbst die Besitzer hochwertigster Rotweine, grosser weisser Burgunder oder süsser Spezialitäten aus Sauternes, Porto oder von der Mosel selten, wo sie diese Prozedur ausführen sollen – Penfolds ist mit dem Recorking-Service allein auf weiter Flur. Offiziell verkorken auch die berühmtesten Bordeaux-Weingüter keine Flaschen neu. Und selbst wenn sich ein Winzer bereit erklären sollte: So einfach ist die Sache nicht, denn der Wein muss fachgerecht verkostet und aufgefüllt werden.
www.penfolds.com
Und Dr. Gago kam prompt. Ein bisschen Glückssache war trotzdem dabei,
denn der Rettungsdienst funktioniert vor allem für jene, die in
Australien wohnen oder ihr Domizil in der Nähe von London aufgeschlagen
haben. Die Recorking Clinic, die regelmässig von der australischen
Weinkellerei Penfolds eröffnet wird, ist auf Patienten vom fünften
Kontinent oder aus dem Vereinigten Königreich spezialisiert. Doch auch
der Rest der Welt muss nicht verzweifeln, sich allerdings hin und
wieder ein bisschen gedulden. «Auch in Zürich waren wir schon»,
erinnert sich Dr. Gago, der im richtigen Leben keinen akademischen
Titel trägt, sich gern einfach Peter nennt und als Chief Winemaker von
Penfolds fungiert. Im Oktober 2008 war es dann erstmals auch in
Deutschland so weit: Das Flaschenkrankenhaus kam nach Bayern. Um
ambulant verarztet zu werden, bedarf übrigens niemand einer
Krankenversicherung, auch private Rechnungen werden nicht geschrieben.
«Man muss sich nur anmelden», erklärt Gago das Verfahren, «und kann da
so viele Flaschen mitbringen, wie man will – wir erheben keine
Gebühren.» Einzige Voraussetzungen sind Alter und Farbe der Kranken.
Bei ganz jungen Penfolds-Weinen geht man einfach automatisch davon aus,
dass sie keine Behandlung nötig haben. Wer allerdings rot ist und 15
Jahre oder mehr auf den Schultern hat – also mindestens Jahrgang 1993
aufweist –, der wird ohne Ansehen der Person, pardon, des Etiketts
untersucht. «Es muss aber kein Grange sein», schmunzelt Gago, der sich
längst eine Schürze angezogen hat und die Instrumente bereitlegt.
Der Jungbrunnen sprudelt
Jim hat die Gelegenheit wahrlich genutzt. Kartonweise hat er seine
Kellergreise in den Wagen umgebettet und ist ins bayerische Frasdorf
gefahren, eine knappe Autostunde von München entfernt. Rotweine der
mittleren Preiskategorie und hochwertige Grange-Raritäten stapeln sich
nun in der hell erleuchteten Klinik, die schon seit dem frühen Morgen
in den Domizilen eines bayerischen Weinhändlers geöffnet hat. Doktor
Peter Gago ist nicht allein aus Australien angereist, er hat noch
seinen Assistenzarzt und eine ganze Kohorte an Pflegern und Schwestern
mitgebracht. Einige reichen den Angehörigen der Patienten Kaffee und
Brezel zwecks erster Stärkung, die anderen kümmern sich um die Kranken.
Sorgfältig werden die alten Metallkapseln von den Flaschenhälsen
geschabt, die brüchigen Korken mittels einer Kombination verschiedener
Zieher und Zangen herausgebröselt. Dann naht jener Akt, den man in
einem ganz normalen Krankenhaus als Anamnese bezeichnen würde. Der
Doktor stellt fest, ob der Patient überhaupt noch am Leben ist, ob eine
Operation Sinn macht oder man nicht lieber gleich wieder zunähen, äh,
zustöpseln sollte. «Wir probieren jeden Wein», sagt Peter Gago, «und
entscheiden, ob wir ihn neu verkorken oder nicht.» Sieche Tropfen
bekommen einen weissen Punkt aufs Etikett gepappt und werden zwar
verkorkt, aber nicht mehr zertifiziert. Die ganz toten, die von einem
verseuchten oder einfach völlig undichten Korken (oder auch nur dem
Zahn der Zeit) dahingerafft wurden, können sich gegen zwei weisse
Punkte nicht wehren. So gekennzeichnet gelten sie als jenseits von Gut
und Böse. Der Besitzer darf sie zwar wieder mitnehmen und – so er denn
unbedingt will – austrinken, kann den Wein aber auch an Ort und Stelle
beerdigen respektive entsorgen lassen. Doch für alles, was zwar
ergraut, aber sonst noch rüstig ist, tritt der Notfallrettungsplan in
Kraft. Aus allen Richtungen des Raumes eilen dann Helfer herbei, und
die Infusionen werden bereits vorbereitet. Doch Achtung:
Breitbandantibiotika werden hier nicht verabreicht, und
Billigmedikamente kommen schon aus Prinzip nicht zum Einsatz. Wenn
Peter Gago zur Spritze greift, dann befindet sich in dieser genau jener
Wein, der sich auch in der Flasche aufhält – allerdings in seiner
jeweils jugendlichsten Variante. «Wir füllen immer mit dem aktuellen
Jahrgang auf», erläutert der Chefarzt die individuelle Behandlung. Also
kommt ein Schuss vom 2003er-Grange zum leicht ergrauten, aber immer
noch erstaunlich süffigen 1964er. Als Panscherei bezeichnen dies nur
Ignoranten, die Kenner sprechen lieber von einer Frischzellenkur. Nach
der Transfusion erhält der Patient noch einen Spritzer Schwefeldioxid,
der vor weiterer Oxidation schützen soll – und dann entlässt Dr. Gago
den bereits Genesenden mit einer Formalie. Auf die Flasche klebte er
ein Echtheitszertifikat, das besagt, wann und wie der Wein geöffnet und
neu verkorkt wurde. Die Unterschrift des Australiers darf nicht fehlen,
bevor sich die Krankenschwestern um die letzten Kleinigkeiten kümmern.
Ein nagelneuer Zapfen der besten Qualität wird aufgesetzt, die
Metallkapsel drübergestülpt, und nach dem Abschluss der Behandlung
erinnert allenfalls das nicht mehr ganz jugendliche Etikett daran, dass
es sich hier um einen gesund gepflegten Veteranen handelt.
Penfolds-Weine sind in der Schweiz erhältlich u.a. bei der Barossa Weinhandels AG (8596 Scherzingen, Tel. 071/686 88 44, www.barossa.ch, info@barossa.ch) sowie bei Coop. Dort steht zwar kein Grange in den Regalen, doch ist das Penfolds-Kultgewächs auf Nachfrage sehr wohl erhältlich (der 1999er kostet aktuell 320 Franken). Deutlich günstiger und auch nicht schlecht, sondern im Gegenteil ziemlich würzig und lang: der 2004er-BIN-389, eine rote Assemblage aus Cabernet Sauvignon und Shiraz (Syrah), erhältlich für 43.50 Franken. Und Barossa beweist seinen Kunden auch, wie gut Penfolds-Weissweine schmecken können: Der 2005er-Yattarna Chardonnay ist ein ungeheuer dichter, mineralischer, leicht nach Toffee duftender Spitzenwein, der selbst mit vielen burgundischen Grands Crus mithält (89 Franken).
Leberkäse statt Krankenkost
Bald ist Jim nicht mehr der einzige Besucher der Korkklinik, auch
andere Sammler aus ganz Deutschland haben sich eingefunden. Um die
Mittagszeit sind die Behandlungstische mit mehr als 100 Patienten
gefüllt. Ärzte und Pfleger arbeiten im Akkord, während die Besitzer mit
sorgenvollem Blick in der Ecke hocken und bayerischen Leberkäse in
süssen Senf tauchen. «Wir haben seit 1991 in all unseren Korkkliniken
mehr als 90000 Flaschen behandelt», fasst Peter Gago zusammen. Am
Schluss der Zwölf-Stunden-Schicht zieht das Ärzteteam Bilanz. Insgesamt
20 Angehörige lieferten an diesem Tag 247 Patienten in der Korkklinik
ein, darunter als ältesten einen – noch lebendigen. − 1955er-Grange.
Die Doktoren befanden 197 Flaschen für sehr gut, füllten sie also mit
neuem Wein auf, verkorkten sie und gaben ihnen ein Zertifikat mit auf
den weiteren Lebensweg. Für 44 Kranke fiel das Urteil weniger
erfreulich aus: Sie wurden mit einem weissen Punkt markiert und sollten
in naher Zukunft ausgetrunken werden. Und lediglich bei drei Flaschen
musste der Totenschein ausgestellt werden: Ihr Inhalt war in einem
dermassen schlechten Zustand, dass keine Rettung mehr möglich war. Jim
hatte unter dem Strich Glück. Ein paar seiner Patienten haben zwar die
lange Lagerung nicht überlebt, aber einen ganzen Kofferraum voll hat er
in perfektem Zustand wieder mit nach Hause nehmen können. Bis zum Rand
des Korkens aufgefüllt und mit der begehrten Unterschrift des
Chefönologen veredelt. Für solche Raritäten ist bei Versteigerungen oft
wesentlich mehr zu erlösen, als für unbehandelte Penfolds-Altweine
fällig wird. Ein Bombengeschäft also für Jim und die anderen Besucher
der Klinik: Der Wert ihrer Sammlungen dürfte sich binnen weniger
Stunden verdoppelt oder verdreifacht haben – und bis sie wieder mal in
die Recorking Clinic müssen, werden viele Jahre vergehen … ■
Ausgabe 8/2008


