Die sublimen Weine
Winzerinnen arbeiten im Weinberg kaum anders als ihre männlichen Kollegen. Im Keller aber vermeiden sie fast immer die Holz- und Alkoholprotzerei. Frauenweine scheinen tatsächlich besonders finessenreich zu sein – falls der Autor nicht beim Verkosten von akuter Schwärmerei befallen wurde.
Ja, liebe Leser, ich muss Sie gleich am Anfang enttäuschen. Das Leben eines Weinjournalisten ist nämlich gar nicht so leicht, locker und beschwingt, wie Sie vielleicht glauben. Morgens, nach einem doppelten Brandy zum Frühstück, schon die Kisten mit Gratisweinen auspacken, mittags ein leichtes Mittagessen mit Champagner, danach ein bisschen Tralala-Verkosten und abends mit altem, natürlich geschenktem Bordeaux eine Sause feiern – von wegen. Na ja, um die reine Wahrheit zu schreiben: Ich kenne tatsächlich einen «Kollegen», der tatsächlich so, äh, «arbeitet»: Weinbrand statt Gipfeli inklusive. Für die grosse Mehrzahl der Getränkeschreiber ist diese Beschreibung allerdings komplett unzutreffend. Der gemeine Weinjournalist muss intensiv schuften, um über die Runden zu kommen, und das seriöse Degustieren ist auch sehr viel anstrengender, als Spasstrinker glauben. Das Allermühsamste aber ist das Aufspüren spannender Reportagethemen. Der tausendste Artikel über Kultwinzer X und Weinbauregion Y langweilt eben auch die treuesten Fans, und immer aufs Neue von den Vorzügen süsser Moselweine oder trockener Champagner zu schwärmen, ist ja auch nicht das Gelbe vom Ei.
Marjorie Gallet nutzt das Potenzial 100 Jahre alter Carignan-Reben voll aus.
Wie gut, dass es ein paar Frauen gibt, die im traditionell männlichen Winzer-Business reüssieren. Weiblicher Wein? Blonde Strähnen oder brünette Locken zwischen knorrigen Rebstöcken und knarzenden Fässern? Das kommt gut, erst recht – machen wir uns da mal nichts vor von wegen Chancengleichheit –, wenn die Winzerin auch noch ein Spürchen Attraktivität ausstrahlt. Ein paar Zeilen über die Damen im Rebengewerbe lesen Sie doch ganz gern, geben Sie’s ruhig zu! Nun, Sie müssen sich dann nicht auf
diese paar Seiten in Salz&Pfeffer beschränken, Sie können sich auch ein Buch kaufen. Der Weinautor Rolf Klein und der Fotograf Armin Faber haben monatelang Winzerinnen in ganz Europa besucht, ausführlichst porträtiert und am Schluss einen Bildband verfasst, der einiges hermacht für männliche wie für weibliche Leser.
Handwerk und Ambitionen
Während Sie nun vielleicht nachrechnen, wie hoch der Anteil der Frauenweine in ihrem Keller denn nun ist und ob sie sich schnell zur Lektürebegleitung eine Flasche heraufholen sollen, stelle ich mal folgende Hypothese auf. Weil sich die Wein-Weiblichkeit noch immer rar macht – zählen Sie mal auf Anhieb mehr als fünf Schweizer Winzerinnen auf! –, gibt es die Aufmerksamkeit der Journalisten, der Händler und der Käufer fast immer gratis. Da muss man, äh, frau sich keine Sperenzchen einfallen lassen. Neues Holz im Übermass? Amphorenwein? Ausgeflippte Zusammenpanschereien verschiedener Rebsorten? Warum denn, wenn es auf die bescheidene Art geht! «Da Frauen tendenziell eher weniger mit Technik am Hut haben als Männer, denke ich, werden sie sie auch weniger einsetzen», sagt die Bündner Winzerin Irene Grünenfelder. Die Lust am Sich-in-den-Vordergrund-Drängeln ist, wenn man die Sache genauer untersucht, bei Frauen in der Traubenbranche eh viel dezenter ausgeprägt als bei den Männern. Nun gut, es gibt eine immer sehr präsente Caroline Diel (mitverantwortlich für Wahnsinns-Riesling von der deutschen Nahe), es existiert eine zupackende Marie-Thérèse Chappaz aus dem Wallis, deren Rotweine mir, im Gegensatz zu den weissen Süssen, viel zu spröde-streng sind. Aber das sind Ausnahmen, die von den Frauen in der Traubenbranche gleich massenhaft widerlegt werden. Kann man sich denn wirklich jemand Bescheideneres vorstellen als Annatina Pelizzatti, die wortkarge Winzerin aus der Bündner Herrschaft, die nach dem Tode ihres Mannes ins kalte Wasser sprang? Höchstens Laurence Faller, jene geniale Weinmacherin aus dem Elsass, die auf Präsentationen immer ein bisschen deplatziert und schüchtern wirkt. Selbst Frau Grünenfelder wird man kaum einen Satz wie «Ich will an die Spitze» entlocken können. Allenfalls gibt die Jeninserin zu, dass sie sich von den ersten Misserfolgen vor mehr als einem Jahrzehnt nicht hat entmutigen lassen, sondern eher Energie sammelte für die nächsten Ernten. Von derlei Zurückhaltung freilich sollte sich niemand täuschen lassen und etwa auf mangelnde Ambitionen schliessen – ganz im Gegenteil.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 2/2009


