Das geniale Chaos

Text: David Höner

Dieses Jahr widmen wir die letzte Seite dem Universalgenie Leonardo da Vinci, welcher nicht nur Katapulte erfand und Bilder malte, sondern 1482 auch als Bankettmeister am Hofe von Mailand wirkte. Die Konstruktionszeichnungen seiner Küchengeräte sowie Leonardos gastronomische Berichte sind im Buch «Notas de cocina de Leonardo da Vinci, la aficiòn desconocida de un genio», Verlag Temas’de hoy, in Buenos Aires publiziert worden.

Bild oben: Die mechanische Schlachtmaschine von Leonardo da Vinci.

Die grosse Rübe wollte Leonardo zum Auftakt des Galadiners «Nacht der Sterne» jedem Gast auf den Teller legen. Darauf eingeschnitzt sollte das Konterfei seines Arbeitgebers und Gönners Ludovico prangen. Da Köche aber selten auch Bildhauer sind, tummelten sich bald auch eine Schar von Künstlern und Bildhauern in der Küche des Fürsten.

Damit wurden die Bedingungen, unter denen die Köche und Helfer zu arbeiten hatten nicht besser. Während sich im Speisesaal die Gäste drängten, hörten sie befremdliche Geräusche aus der angrenzenden Küche. Explosionen, da das neue System die Herdfeuer mit Schiesspulver anzuzünden nicht ohne heftige Geräuschemissionen vonstatten ging, Schreie, Peitschenknallen  Knarren und Rattern der Maschinen, und Muhen von Ochsen. Einer der Beauftragten Ludovicos, welcher monatlich seine Berichte zum Geschehen am Hof ablieferte, war beeindruckt.

«Die Küche von Maestro Leonardo ist ein Chaos. Sollte das Ziel die Ökonomisierung der menschlichen Anstrengungen sein, so wurde das Gegenteil erreicht. Die Arbeit, welche früher von 20 Köchen erledigt wurde, wird in der neuen Arbeitsteilung von Hundert nicht erledigt. Zahlreiche Neuerungen sind gefährlich, so dass einige der dort beschäftigten Angestellten sich in Rüstungen kleiden müssen um sich vor den Schlägen und Unberechenbarkeiten der grossen Hack und Schneidemaschinen  zu schützen. Die undichten Wasserleitungen, von denen wahre Kaskaden von heissem und kaltem Wasser über die Herumgehenden niederstürzen, haben den Boden in einen See verwandelt. Die automatischen Besen und Schaufeln, die von Ochsen durch die Räumlichkeiten gezogen werden, müssen von zwei Leuten beaufsichtigt werden. Einer nur um die Ausscheidungen der Tiere wieder aufzuwischen, welche von den neuartigen Maschinen nicht erfasst werden. Die automatische Holzzufuhr zu den Öfen ist nicht zu stoppen, man ist damit beschäftigt überzähliges Holz wegzustapeln, wozu auch zwei Leute eingeteilt wurden. Die riesigen Ventilatoren drücken den Rauch nach unten und fachen die Feuer unnötig an. In diesem katastrophischen Gewimmel drehen Ochsen und Pferde ihre Runden um die mechanischen Geräte  anzutreiben.
Während meines Besuches waren die Schlachter damit beschäftigt, eine Kuh aus der mechanischen Schlachtmaschine zu befreien wo sie sich verklemmt hatte, und ihre Flüche mischten sich mit den verzweifelten Schreien des verletzten Tieres. Der Lärm ist unbeschreiblich, dazu kommt das Rasseln der Trommeln, die Musiker spielen ihre Maultrommeln wie Ertrinkende
die damit um Hilfe rufen möchten. Alles in allem glaube ich nicht, dass die Küche von Meister Leonardo unserem Herrn Ludovico viel Vergnügen bereiten könnte.»

Anmerkung: Eine gigantische Maschine zum Schneiden und Hacken von Kresse geriet während der Vorführung auf einem Feld vor Mailand gänzlich ausser Kontrolle und tötete drei Gärtner sowie sechs Mitglieder des Küchenpersonals. Diese Maschine wurde später mit Erfolg gegen die Invasionstruppen aus Frankreich eingesetzt.

Ausgabe 3/2009

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