Rauchzeichen über Olten
Im «Salmen» raucht der geräucherte Fisch, im «Tiger» die Rauchwurst und in der Ferne der Kühlturm des AKW Gösgen. Nur Tabak raucht keiner mehr. Na ja fast. Im «Chübel» raucht es wie eh und je, und im Stadtrat rauchen deswegen die Köpfe. Obwohl der Kanton Solothurn rauchfrei ist, raucht es in Olten ganz schön gewaltig.
Auf den ersten Blick ist es im «Chübel», so nennen die Eingeborenen ihren «Rathskeller», wie immer. Da qualmt die Pfeife eines 85-jährigen Stammgastes, da diskutiert die Gauloise- und Bèret-Fraktion über «Die Liebe im Zeichen der Cholera», und da philosophieren zwei Gourmets über die Vorzüge von Hand geschnittenen Pommes Allumettes, in der linken Hand das Industriekartoffelstäbchen, in der rechten die Zigarre haltend. Alltag im «Chübel» eben, wenn da nicht der Hausherr wäre, der noch missmutiger als sonst durch sein Refugium stapfen würde.
Kein Wunder. Roger Lang ist soeben zum zweiten Mal verzeigt worden. «Dulden von gesetzwidrigen Handlungen im Betrieb», steht auf dem Inspektionsrapport des Gesundheitsamts des Kantons Solothurn. Dicke Post für Inhaber und Gastgeber Lang, der von Willkür spricht. Tatsache ist, dass Roger Lang Lücken in der Verordnung zum Schutz vor Passivrauchen aufgedeckt hat und auf seine Art dagegen protestiert. Die oberen Etagen seiner Liegenschaft hat Lang zur rauchfreien Zone erklärt, die beliebte Beiz im Parterre, kurzerhand zum «Fumoir». Punkt. «Völlig legal und nach Vorschrift», betont Lang. Die Obrigkeit sieht das anders. Der Fall ist hängig, und Roger Lang droht damit, das Parterre, durch den Einzug von Glaswänden in eine Nichtraucher- und in eine Raucherzone zu verwandeln, was den «Chübel» verschandeln würde. Höchste Zeit, dass Denkmalpflege, Stadtrat und Wirt mit konstruktiven Ideen zusammensitzen und eine Lösung finden, die Sinn macht und alle befriedigt. Wenn alles nichts fruchtet, will Lang den «Chübel» schliessen und die Liegenschaft an den Meistbietenden verkaufen. Ohne Interieur natürlich. Was dann? Roger Lang deswegen mit Wilhelm Tell zu vergleichen, heisst Friedrich Schiller nicht verstehen. Trotzdem. Die kantonale Verordnung zum Schutz vor Passivrauchen ist nicht durchdacht und deren Anwendung schlicht ein Ärgernis.
Übrigens. Erst letzten September hat Olten seinen legendären «Dampfhammer» verloren. Ohne Tabak, dafür durch Brandstiftung. Tatsächlich. Es raucht in der Stadt.
Im «Aarebistro» raucht es auch. Unter freiem Himmel, und nur bei schönem Wetter. Es raucht der Grill, es raucht das Publikum. Nichtraucher, die hier zu Passivraucher mutieren und Raucher, die ihre Rauchzeichen gen Himmel stossen, geben sich friedlich der Muse hin. Schön, nicht? Der sympathische Gastgeber Beni Nussbaumer hat Publikum und Grill gut im Griff und verwöhnt seine Gäste mit Krokodil, Känguru, Strauss und Zebra. Damit trägt er aktiv zur Verringerung des Ozonlochs bei, zumal die Darmgase der Rinder weitaus schädlicher sind als die von Krokodil & Co. Sowieso. Der gelernte Metzger schätzt beim Fleisch die Abwechslung. Zudem ist das exotische Zuchtfleisch reich an Vitaminen. Im Geschmack erinnert es an Kaninchen und Hühnchen, wobei beim Essen der Appetit hemmende «Jö»-Effekt ausbleibt. Im Gegenteil. Bei Krokodil sinken die Hemmungen zuzubeissen oder sie fangen erst richtig an. Wie auch immer. Nussbaumer trägt nach wie vor Turnschuhe, statt Krokodil-Lederschuhe – und für die Puristen hat es Bratwurst und Cervelat satt. Wer Vegetarier ist, freut sich am Knoblauchbrot und an anderen gesunden Dingen und schaut gebannt den vorbeiziehenden Fischen zu, die den Hobbyanglern entkommen sind und sich nun unter der alten Holzbrücke eine Pause gönnen und dabei nicht erkennen können, wie ihre panierten Artgenossen im «Aarebistro» als Fischknusperli verdrückt werden. Die Welt ist ungerecht.
Einige Besucher machen es den Fischen gleich und schwimmen vom «Aarebistro» mal schnell ins «Palmaares» rüber, wo Nussbaumers Geschäftspartner Daniel Peyer die «Badi» seit drei Jahren wieder zum Blühen bringt. Mit Palmen im Garten und einer Grünschnittdeponie, sprich einem Salatbuffet am Mittag. Von Donnerstag bis Samstag verwandelt sich das «Palmaares» in eine karibische Oase mit Sound aus der Konserve und Drinks aus dem Shaker. Gut besucht und sehr zivilisiert. Bei Sonnenuntergang und manchmal etwas später ist dann Schluss. Die Nachbarn. Wir verstehen.
«Der Bergdoktor». Martin und Silvia Frei in ihrer Höhenpartie «Tiefmatt».
Über der Aare thront die «Waadtländerhalle» mit Gastgeberin Rita Ledermann, die ihren legendären Vorgänger Alfred Grollimund, alias «Tiger», abgelöst hat. Ohnehin. Niemand geht in die Waadtländerhalle, sondern alle gehen in den «Tiger», essen Fleischkäse mit Spiegelei, laben sich an der Rauchwurst mit frischem Meerrettich oder probieren eine der zahlreichen Röstivariationen der Gastgeberin, die zugleich Köchin ist. Wer nichts essen, sondern mit Aussicht trinken will, steigt eine Treppe tiefer ins Café Vaudois zu Kurt Amrein. Auch schön. Das ganze Ensemble hat Charakter und zählt zu den ursprünglichsten Lokalen im Kanton.
Im «Salmen« kocht Daniel Bitterli eine marktfrische innovative Küche, die vorwiegend gefällt und überzeugt. Die Beiz ist wunderschön, wer sich hier nicht wohl fühlt, hat sonst ein Problem. Auch wenn das zuvorkommende Personal den Wein manchmal zu schnell einschenkt oder in ihrer Effizienz über das Ziel hinausschiesst und die noch nicht leeren Gläser vor dem letzten Schluck abräumt, lassen sich solche Banalitäten mit ein paar freundlichen Worten korrigieren. Nichts zu korrigieren gibt’s am zarten Bio-Entrecôte an einer delikaten Béarnaise-Sauce mit Frühkartoffeln und an den aromatischen Spargeln mit Biss. Schlicht perfekt, auch wenn ich mir zu diesem Klassiker lieber Frites «faites maison» wünsche, zumal ich weiss, dass die Schwiegermutter von Daniel Bitterli Belgierin und eine ehemalige Michelin-Sterne-Köchin ist. Und die Belgier gelten nun einmal als die Erfinder der Frites. Auf der Weinkarte hat es einen genialen Riesling, das «Piesporter Goldtröpchen», bei dem nur der Name abschreckt, nicht aber seine fantastische Restsüsse. Beim Roten ist es interessant, in der Region zu bleiben und sich an den herb- fruchtigen Sissacher Blauburgunder der Familie Wiedmer heranzuwagen. Fazit. Ich mag den «Salmen» und hoffe sehnsüchtig auf die im besten belgischen Pferdefett frittierten Pommes Frites.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 4/2009


