Österreich 2.0
Binnen weniger Jahren haben sie die Schweiz überrollt. Mächtige Grüne Veltliner aus der Wachau, rote Burgenländer Cassisbomben und üppigste Süssweine. Doch nun ist die Weinbaunation Österreich dabei, sich neu zu erfinden: mit vergleichsweise leichten Terroirweinen voller Finesse.
Willi Klinger ist dafür zuständig, etwas zu sagen. Genauer gesagt – er soll den anderen viel erzählen über die Weine aus der Steiermark, jene aus dem Burgenland und natürlich die aus dem Weinviertel. Klinger, Chef der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft, redet diesmal in Zürich über die Erfolge von Austria-Tropfen im Allgemeinen und in der Schweiz im Besonderen. Er liebt es, von den Riesenweissweinen namens Smaragd zu schwärmen, die in der Wachau üppig wachsen (und die es nicht selten auf 15 Volumenprozente bringen). Er bekommt glänzende Augen, wenn es gilt, jene Rotweincuvées zu preisen, die eine fruchtige Fülle ungeahnten Ausmasses erreichen. Und er verneigt sich tief vor den Süssweinen vom Neusiedlersee, den mächtigen Trockenbeerenauslesen und Ausbrüchen, die sich schlotzig am Gaumen ausbreiten. Doch dann sagt Willi Klinger etwas, was die versammelten Fans der dicken Wuchtbrummen aus dem Nachbarland aufschrecken lässt. «Man sollte nicht die leichteren Weine vergessen.» Leicht? Erschrocken schauen sich Gastronomen, Sommeliers und Nur-Liebhaber an, die hundertfach ins Zürcher Kongresshaus geströmt sind, um sich wie jedes Jahr die Granaten auf den Zungen explodieren zu lassen. In diesem Moment ist es heraus. Im tiefsten Inneren ist Willi Klinger nämlich jemand, der die leichten, eleganten, finessenreichen Weine mindestens ebenso sehr mag wie die grossen, breitschultrigen Brüder. Doch ob «leicht» auch «elegant» bedeuten kann oder doch eher «dünn» heissen muss? Ob derlei Schlankheiten überhaupt zum Essen passen? Zwecks Beweisführung verlassen wir Willi Klinger, das Kongresshaus und Zürich. Wir fahren in Richtung Grenze. Auf der Suche nach dem neuen Wein-Österreich.
Beweis Nr. 1:
Veltliner, überwältigend.
Zugegeben, die leichten Weine sind nicht leicht zu finden im Designerkeller des Restaurants «Gupf», dem önologischen Aussenposten der Schweiz. Erstens stehen, liegen und hängen im Gewölbe viele zehntausend Flaschen und erschweren die Orientierung durch schiere Menge. Zweitens fallen aller Besucher Blicke erst mal auf ein 480 Liter Trockenbeerenauslese fassendes Glasungetüm. Auf die Fragen, wann denn die Monsterflasche geöffnet werden soll und wo die 2000 Menschen, die sich mit ihrem Inhalt vergnügen könnten, denn untergebracht werden sollen, weiss niemand eine finale Antwort. Zum Glück findet sich dann doch noch etwas kleiner Dimensioniertes, mit dem wir Willi Klingers These von den leichten Weinen zu bestätigen versuchen. Der Grüne Veltliner «Vinothekfüllung» 2002 von Emmerich Knoll ist nominell einer aus der Wachauer Smaragd-Kategorie, verfügt aber über «nur» 13,5 Alkoholprozente und ist wohl der funkelnste und geschliffenste Veltliner-Edelstein überhaupt. Ein jugendlicher Wein, der nicht opulent wirkt, sondern zart, nicht erschlagend, sondern animierend, getragen von der feinsten Säure, der wir seit langem begegnet sind. Wunderbar zu Kalbsmilken, zu Schwarzwurzelsuppe und Ricottaravioli, atemberaubend zum Kalbsragout. Finessenreicher Wein und Essen: Das scheint zu funktionieren!
Beweis Nr. 2:
Tiefe Keller in Langenlois.
Ist Knoll der einzige, der einen solchen Eleganz-Stil hinbekommt? Zugegeben, auf diesem Wachauer Fast-Perfektions-Niveau wird die Luft dünn. Aber gar nicht weit vom Loibnerhof der Knolls
entfernt soll es Musterbeispiele des neuen Stils geben, raunt man uns zu. Man führt uns oben auf dem Berg hinein in ein futuristisches Weinmuseum namens Loisium, durch allerlei effektvoll beleuchtete Gänge und Gewölbe. Plötzlich sind wir unten in Langenlois, im Keller des Weinguts Steininger und bekommen ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Karl Steininger hat sich nämlich auf Schaumweine spezialisiert, er versektet Riesling und Veltliner, sogar Traminer und Muskateller und in der roten Abteilung Cabernet Sauvignon und Zweigelt. Sein Paradestück aber ist wohl der Sauvignon blanc in der schäumenden Variante: stachelbeerduftig, knackig säurebetont, unglaublich fruchtig. Was die Steiningers anders machen als andere Winzer? Der Chef zuckt nur mit den Achseln. Vielleicht ist es die seit 1989 gesammelte Kohlensäure-Erfahrung? Vielleicht die Gelassenheit, mit welcher der Winzer, seine Frau und die drei Töchter mit der Vinifikation spielen (manchmal Biologischer Säureabbau, manchmal nicht)?
Beweis Nr. 3:
Steine im Leithagebirge.
Mit dem Barrique hat es Steininger nicht so, und vom kleinen Holzfass haben sich auch die Leithabergwinzer weitgehend verabschiedet. Wobei der Name Berg lächerlich ist für einen, der gewöhnlich in der Schweiz unterwegs ist. Nicht mal 500 Meter hoch ist der Höhenzug zwischen Wien und dem Neusiedlersee, aber er hat es in sich. «Es ist ein steiniger Boden», warnen Silvia Prieler, Martin Pasler und ein halbes Dutzend weiterer Leithabergwinzer und fahren das Salz-&-Pfeffer-Team nach oben. Steinig ist, wie sich dann herausstellt, masslos untertrieben. Dicke Felsbrocken liegen im Weinberg herum, man kann kaum drei Schritte gehen, ohne zu stolpern. Fast ein Witz, dass einer auf die Idee gekommen ist, hier oben Reben zu pflanzen! Nach der alpinen Rebenwanderung stärken wir uns mit einem extra aufgebauten Käse-Schinken-Buffet und erfahren mehr über die vermutlich spannendsten Terroirweine Österreichs. «Jedem Winzer ist selbst überlassen, welche Rebsorten in den Leithaberg-Weinen drin sind», sagt Silvia Prieler. Weissburgunder bei ihr, viel Chardonnay beim Kollegen Pasler. Fast alle weissen Leithaberg-Cuvées werden heute im grossen Fass ausgebaut, auch bei den roten wurde das Röstige reduziert. «Wir wollen weg von den Barrique- und hin zu den Terroirweinen», so Prieler. Das Ergebnis erinnert ein bisschen an Burgund, wirkt cremig und mineralisch zugleich und verführt dazu, uns schon um zehn am Morgen mit Pastete und Bauernbrot vollzustopfen: eine ungeheure Wein-Speisen-Harmonie.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 4/2009


