Stirb in Ruhe
1999 wurden in der Schweiz 39 Millionen Tiere geschlachtet, 2008 waren es bereits 55 Millionen. Einheimische Erzeugnisse genügen nicht. Fünfzig Prozent des konsumierten Rindfleischs wird importiert. Fleisch essen ist ein selbstverständlicher Teil unserer kulinarischen Prägung. Salz&Pfeffer porträtiert drei Schauplätze, an denen getötet wird. Denn ohne Töten geht es nicht.
«… wie der Hirsch auftaucht, sehe ich ihn, sehe, dass er gut ist. Der Richtige. Vielleicht hundert, hundertzwanzig Meter entfernt, schräg den Hang hinauf. Dann schiesse ich. Der Hirsch macht keinen Wank. Ich bin sicher, dass ich getroffen habe. Er bleibt stehen. Dann dreht er den Kopf, schaut in meine Richtung. Ich repetiere, schiesse zum zweiten Mal. Doch er rührt sich nicht. Jetzt geht er langsam weg, verschwindet. Jetzt kommen die intensivsten Gedanken, Gefühle. Man muss warten bis er ins Wundbett geht.
Nach 10 Minuten gehe ich ihm nach. Kein Schweiss, nur die Spuren, denen ich folge. Die Fährte führt mich zu ihm, hinten auf einem Wechsel hockt er am Boden. Ich gehe zu ihm und er hebt nochmals den Kopf. «Stirb in Ruhe» denke ich. Dann senkte er das Haupt. Wenn man ein Tier erlegt hat, hält man inne. Das Tier begleitet man in den Tod. Die Freude bewegt einen, es ist ein Erlebnis.
Dann setzt man sich daneben, gibt ihm den letzten Bissen, einen Tannenzweig in den Äser, ein anderes Zweiglein taucht man ins Blut, steckt es an den Hut als Zeichen, dass man Waidmannsheil gehabt hat. Dieser Hirsch war 140 Kilo schwer, ausgenommen. Die Innereien lässt man liegen für die Füchse und Krähen. Man deckt sie mit etwas Laub oder Zweigen zu. Am nächsten Tag ist nichts mehr da.»
Hans Baldegger ist Jäger. Im Vorstand des Patentjägervereins Appenzell, verantwortlich für die Ausbildung. Ein Spätberufener sei er, die Jagdleidenschaft packte ihn, als er die fünfzig bereits überschritten hatte. Seither vergeht allerdings kaum ein Tag, an dem die Jagd und ihre vielfältigen Aufgaben, den noch nicht ganz siebzigjährigen, ehemaligen Käser nicht auf Trab halten würde. Er kennt seine Tiere, verbringt Tage und Nächte damit, sie aufzuspüren, ihre Gewohnheiten zu lernen, ihren Wechseln nachzugehen. Hegeaufgaben, wie das Vorbereiten von Futter für die strengen Winter, Warnanlagen an den Strassen, Bestandesaufnahmen, Vereinsaufgaben. Jagd ist Politik, ist Naturschutz oder je nach Sichtweise Tierquälerei. Mord im Wald. Der Jäger tötet, rührt somit an einem grossen Tabu. Dieser Verantwortung wird man durch waidgerechtes Handeln gerecht. So kann er der Kritik begegnen. Jagen ist auch Ernte in einem bewirtschafteten Bestand. Einem Bestand an wilden Tieren.
Am Anfang war die Jagd. Die Jagd bestimmte das Leben der fleischfressenden Menschen seit Urzeiten. Der Erfolg beim Jagen war lebenswichtig, versorgte die Sippe mit Fleisch und Fellen. Der Mensch wurde zum jagenden Wesen, wurde selbst zum Raubtier, welches seine Beute schlug. Ob mit Fallen, Spiessen, Speeren, Pfeil und Bogen oder mit der Büchse, der Flinte. Jagd bleibt Jagd. Das Pirschen, das Lauern, das Aufspüren und Erlegen von Tieren ist von einem Nimbus umgeben und bewegt die Gemüter. Der Jäger lebt und handelt aus tief verwurzelten Traditionen heraus. Im Mittelalter reklamierte der Adel und die Kirche das Waidhandwerk für sich und es wurde auf Teufel komm raus gejagt. Die Tische der Herrschaft bogen sich in der Blüte der Feudalzeit unter dem Wildbret, derweil der leibeigene Bauer, der sich in der Schlinge einen Hasen gefangen hatte, damit rechnen musste, aufgeknüpft zu werden. Aus jener Zeit dürfte das alte, überlieferte Bild des Teufels im Jägergewand, der so manches Märchen bevölkert, stammen. Bis dann im 18. und 19. Jahrhundert die europäischen Wildbestände fast ausgerottet waren. Grosse Raubtiere, welche das natürliche Gleichgewicht der Wildpopulation sicherten, weil sie eben jagten, waren kaum mehr zu finden. Eine immer ausgedehntere und intensivere Landwirtschaft schränkte die Wildgebiete ein, die Strassen entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte zu eigentlichen Tierfallen. Heute werden in der Schweiz tausende von Tieren von Autos an- und überfahren, das sind fast ein Drittel der von der Jägerschaft erlegten Tiere.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 6/2009

