Gefährliche Umstände zu Tisch
Es gibt Dinge bei einem Gastmahl, die zu beachten dem heutigen Gastgeber völlig fremd sind, oder von denen er auf das Unangenehmste überrascht wird, sollten sie plötzlich und unerwartet über eine Einladung zum Essen hereinbrechen. Oder kann es einfach sein, dass bestimmte Handlungen mittlerweile von unseren Tafelgewohnheiten ausgeschlossen wurden? Leonardo da Vinci hatte sich auf jede Eventualität vorbereitet und dazu auch einige schriftliche Notizen hinterlassen. Auf jeden Fall erwähnt der Zeremonienmeister am Hofe Ludovicos die korrekte Handhabung eines Mordes zu Tisch.
Wie setzt man Mörder und Opfer an den Tisch. Nun, auf jeden Fall nebeneinander, nicht wahr. Ob der Mörder nun links oder rechts des Opfers sitzen soll, hängt von der Art und Weise ab, wie dieser seine Kunst ausüben möchte. Wichtig ist es, zu beachten, dass die Konversation am Tisch durch die Ausführung des Mordes nicht übers Mass hinaus gestört wird. Man sollte dem Mörder nur einen kleinen Platz zur Verfügung stellen. Tatsächlich ist es so, dass der Hofmörder der Borgias, Ambroglio Descarte sein Ziel erreichen konnte, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Voraussetzung ist es natürlich das die Tischgesellschaft vorab nicht zu viel weiss, im Besonderen nicht die Person des Opfers, welche am meisten davon betroffen ist. Um den Kadaver und allfällige Blutflecken schnell zu entfernen, sollen vertrauenswürdige Helfer bereitstehen. Auch ist es Sitte, dass der Mörder sich ebenfalls von der Tafel zurückzieht. Es könnte ja Gäste geben, die sich jetzt an seiner Anwesenheit stören, und niemand möchte an seiner Seite sitzen. Doch damit das Mahl ungestört weitergeführt werden kann, soll der gepflegte Gastgeber einen Ersatzgast bereithalten, der die Lücke in der Runde schliessen kann. Er soll draussen warten bist der Moment gekommen ist und er sich an den freigewordenen Platz setzen kann.
Nicht immer war es auch für den Eingeweihten, den Zeremonienmeister und Organisator da Vinci einfach, den komplizierten Ränkespielen zu Hofe Rechnung zu tragen. Eine schwierige Situation entstand, als der Vorkoster Ludovicos, Sergio Canallati, plötzlich verstarb. Leonardo vermutete, dass ein verdorbenes Lebensmittel aus der Küche den Tod Canallatis verursacht hatte. Beschwerden der Verdauung bekämpfte Leonardo mit Lakritz oder in Wein gelöstem Safran. Im Falle Cannalatis kam aber jede Hilfe zu spät. Tatsache war es aber, das Ludovico Canallati aus anderen Gründen ersetzen wollte. Er liess diesen vergiften um an seine Stelle Gentio Ciccania zu berufen. Dieser war ein Meister seines Faches, ein epochaler Vergifter und nahm jeden Tag eine kleine Dosis Gift zu sich um seinen Körper daran zu gewöhnen. So konnte er vergiftetes Essen verkosten ohne Schaden zu nehmen. Mit diesem Gift durchwirkte Speisen sollten nun täglich dem unnützen, älteren Bruder Ludovicos, Giuliano, dem Fürsten von Mailand, vorgekostet von ebenjenem Ciccania, vorgesetzt werden. Ludovico gedachte dessen Titel zu erben. Da Leonardo über diese Intrige offensichtlich nicht informiert war, begann er eine Kampagne zur Kontrolle und Reinhaltung seiner Küche, damit die Lebensmittel und Speisen in einwandfreiem Zustand auf den Tisch kamen. Für das Gute, gegen das Schlechte.
Ausgabe 6/2009

