Langweiliger Einton

Der Schweizer Biermarkt hat turbulente Jahrzehnte hinter sich. Das Bierkartell und die fast vollständige Übernahme renommierter Schweizer Brauereien durch internationale Konzerne haben tiefe Spuren hinterlassen. Zeit für eine Gegenwartsanalyse des Schweizer Biermarktes.

Text: Martin Wartmann/Zeichnungen: Max Spring

Wir Schweizer haben weder als Bierkenner noch als Biertrinker oder Bierbrauer einen besonders guten Ruf. Wir trinken weniger als unsere Kollegen in Deutschland, England, Tschechien oder den USA (57 Liter pro Kopf anstatt 80 – europäischer Durchschnitt). Und wir trinken sehr langweilig, eintönig. Die «Stange» ist nach wie vor die bekannteste Schweizer «Biermarke» und macht fast 75 Prozent des Umsatzes in der Gastronomie aus. Die ehemals stolzen Schweizer Brauereibesitzer haben ihre Flaggschiffe der nationalen Brauindustrie beim ersten Hauch von freiem Wettbewerb fluchtartig verlassen und an ausländische Konzerne verhökert. Wahrlich kein Ausweis von Können, Mut und Unternehmertum.

Es ist deshalb auch kein Wunder, dass Bierkompetenz in der Schweizer Gastronomie ein Fremdwort ist. Das Thema «Bier» kommt weder in der Warenkunde noch im Verkaufskurs vor, allenfalls in der Betriebswirtschaftslehre unter dem Thema «Finanzierung». Wie viel Geld die Brauerei für einen Exklusivvertrag zahlt ist nach wie vor wichtiger als wie das Bier schmeckt oder was sich der Gast allenfalls noch wünschen könnte.

Das könnte eine Spätfolge des Bierkartells sein, welches den Schweizer Biermarkt während Jahrzehnten beherrschte. Das Kartell funktionierte nach dem Motto «so viel wie möglich, so einfach wie möglich, so teuer wie möglich» und einzig nach den Vorstellungen der Brauer und Wirtepräsidenten.
Diese Marktabsprachen verhinderten Innovationen und Viefalt – solange bis Heineken mit der Coca-Cola-Logistik den Markt von hinten aufrollte und sich mit Calanda-Haldengut wesentliche Marktanteile aufkaufte. Es war der grosse Schock für den Vorstand der Schweizer Bierbrauer, als plötzlich ein holländischer Staatsbürger als Vertreter von Calanda-Haldengut am Tisch sass. Danach gings schnell, für viele Brauer viel zu schnell. Denner holte mehr und mehr deutsche Billigbrauer in die Schweiz, der Import boomte. Feldschlösschen übernahm Cardinal und Hürlimann, Carlsberg schnappte sich 2000 den Feldschlösschen-Konzern. Die Zahl der Braustätten schrumpfte innert kurzer Zeit von etwa 45 Betrieben im Jahre 1990 auf 24 Betriebe im Jahre 1998.

Nach dem Untergang von Feldschlösschen, Cardinal, Hürlimann, Löwenbräu, Warteck, Haldengut und wie sie alle hiessen, entwickelte sich bei den Schweizer Biertrinkern plötzlich so etwas wie eine Brauerei-Bewusstseins- und Protestbewegung. Dutzende von Neugründungen waren die Folge: Wädi-Bräu, Back&Brau, Turbinen-Bräu, Unser Bier. Sie waren die Antwort auf die Dominanz der internationalen Brauereikonzerne mit ihren komplizierten Verflechtungen rund um den Globus. Die Neugründungen wurden durch Privatplatzierung von Brauereiaktien bei den biertrinkenden Kunden finanziert. Eine wahre Subkultur von Bierfans trifft sich heute regelmässig auf den diversen bunten Generalversammlungen der Kleinstbrauer. Bei Wurst und Bier wird die «Dividende vernichtet» und über die bösen «Grossen» gewettert. Der Trend hält an. Über 254 Braustätten stehen im «Verzeichnis der biersteuerpflichtigen Inlandbrauereien» der eidgenössischen Zollverwaltung. Dutzende von Mikrobrauereien dampfen irgendwo in einer Garage oder Scheune vor sich hin. Aktien sammeln von Kleinstbrauereien wird zum Hobby. Der «Wert» ist durch die flüssige Dividende gesichert. Die Geschichten der vielen Kleinen und ihrer Brauer interessieren Medien und Konsumenten mehr als die Fernsehwerbung der Leader. Sie berühren das Herz, sie sind fassbar und sympathisch und bringen neues Leben in die Bierlandschaft. 

Der Schweizer «Bierkuchen» ist mit rund 4.36 Mio. Hektoliter im internationalen Vergleich mickrig. Davon sind erst noch etwa 0.8 Mio. Hektoliter Importbier. Dreiviertel der verbleibenden 3.5 Mio. teilen Carlsberg und Heineken unter sich auf.  Für die drei überregionalen Brauereien (Schützengarten, Locher Appenzell, Granador) bleiben etwa 10 Prozent Markt-Anteil. Ein Dutzend traditionelle gewerbliche Regionalbrauereien in Baden (Müller), Schaffhausen (Falken), Interlaken (Rugen), Rebstein (Sonnenbräu), Einsiedeln (Rosengarten), Schwanden (Adler), Gossau und Bern (Egger und Felsenau) streiten sich um 5 Prozent Marktanteil, hauptsächlich in der Gastronomie. Und am Schluss bleibt für den ganzen bunten Haufen an
«neuen Wilden» noch ein winzig kleines Volumen, vielleicht
30–40000 Hektoliter mit etwa 10 Mio. Franken Marktwert.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 1/2009

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