Appenzeller Stuben

Für einen Streifzug durchs Appenzeller Hinterland gibt es viele Gründe. Etwa die idyllische Landschaft, die urchige Herzlichkeit der Appenzeller oder aber die kulinarischen Geheimtipps, die man meist nur findet, wenn man den Dialekt der Eingeborenen versteht.

Text: Regula Lehmann/Fotos: Marcel Studer

Wer im Appenzeller Hinterland gut essen will, muss dazu nicht stundenlang über sieben Hügel wandern. Zu empfehlen ist es allerdings. Denn die idyllische Schneelandschaft des Appenzells ist einladend und wird nur noch übertroffen von den gemütlichen Appenzeller Stübli, wo man sich bei einer Siedwurst und einer guten Flasche Wein wieder aufwärmt. Kitschig? Nein, kitschig sind sie nicht, die Appenzeller. Aber urchig, jawohl. Und sie haben ein ganz besonderes Flair, ihre Gaststuben nach alter Tradition herzurichten und dem Gast das Gefühl zu geben, er sei willkommen. Vor gar nicht so langer Zeit versammelten sich die Männer noch zur Landsgemeinde, um ihren Willen kundzutun. Die Frauen hatten zumindest am Wahltag nichts zu sagen. Wobei gemunkelt wird, dass die Hausherrin dem wahlberechtigten Ehemann am Vorabend der Landsgemeinde das Wahlverhalten zu diktieren pflegte. Ja, die Appenzellerinnen haben es faustdick hinter den Ohren. Kein Wunder schwingen sie auch in zahlreichen Wirtschaften des Hinterlands das Zepter.



Sie zaubert die Teigwaren für die Älplermakkaronen noch selber und er hilft im Sommer beim Abwasch:
Maja und Konrad Jäger, Alpwirtschaft Blattendürren.

Die wohl jüngste Wirtin im Appenzeller Hinterland heisst Andrea Böhler. Sie ist 26 Jahre jung und führt das Restaurant Bären in Hundwil. Die muss man kennen lernen, hat es geheissen. Bereits vor der Türe, beim Eintreten, werden wir überrascht. Im Bären hält uns Bundespräsident Hans-Rudolf Merz höchstpersönlich die Türe auf. Er und seine Gattin haben soeben im Bären getafelt. Momol, hier muss es gut sein.

Wirtin Andrea Böhler empfängt uns mit einem breiten Lachen und Willkommensgrüssen in österreichischem Appenzellerdeutsch – das versteht nur, wer so schnell zuhören kann, wie sie redet. Und zu erzählen hat sie einen Haufen: über den Bären und seine 170 Jahre alte Geschichte. In den 80er-Jahren war er im Besitz vom Fernseh-Präsentator Philipp Flury, welcher durch die Sendung «Karussell» Bekanntheit erlangte. Für viel Geld machte er aus dem Bären einen Gourmettempel. Piekfein hätte es werden sollen, mit Schnickschnack und allem Drum und Dran. Unten richtete er einen Saal für das gemeine Hundwiler Volk ein, oben ein Stübli für die feinen Gäste aus der Stadt. Beide kamen nicht, dafür die Pleite
bereits nach fünf Monaten.

Seit 2004 geht es wieder aufwärts mit dem Bären. Damals wurde er von Christoph Reiser, Geschäftsführer der Organisation Hölzli, gekauft. Die Organisation vergibt Lehrstellen an Jugendliche, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Im Bären können sie nun eine Gastronomie-Lehre absolvieren. Zusammen mit den Jugendlichen renovierte Reiser die Gaststube sowie den Festsaal für über 140 Personen. Andrea Böhler stiess im Jahr 2007 zum Hölz-li und übernahm fortan die Leitung des Gastronomiebetriebs und die Verantwortung für die Lehrlinge.
 
Ein halbes Jahr später gewann Reiser den Spitzenkoch Eric Dufeu für seinen Bären. Dieser bringt eine schöne Referenzliste aus dem Jägerhof und dem Maximilian, St. Gallen mit. Die Liebe brachte den gebürtigen Franzosen aus der Bretagne in die Ostschweiz. Und es ist auch die Liebe zu den guten Produkten, den saisonalen Gemüse und Früchten, welche ihn jeden Tag zu Höchstleistungen antreibt. Dufeu setzt im Bären auf eine fantasievolle und ehrliche Küche. Halbfertige Tiefkühlprodukte kommen ihm nicht in die Pfanne. Wenn immer möglich liefert der angeschlossene Betrieb «Gartenbau Hölzli» die Salate und Gemüse, und das Fleisch stammt grösstenteils vom eigenen Bauernhof in Wolfertswil.

Wir setzen uns in die gemütliche Gaststube an die massiven Holztische, die schlicht aber schön mit Tischläufern gedeckt sind. Dann kosten wir eine Terrine vom Hüttenkäse im Räucherlachsmantel, serviert mit Blattsalaten für 13 Franken, sowie Filet von der Seezunge mit Sesamkruste, serviert mit Nüsslisalat und Balsamicolack für 14 Franken. Beides schmeckt so vielversprechend wie es klingt. Danach gönnen wir uns eine Saltimbocca-Roulade vom Appenzeller Alpschwein, serviert mit Griesspolentaspitzen und frischem Gemüse (32 Franken), und Medaillons vom Rinds-entrecôte an Forestièresauce dazu Kartoffel-Trüffel-Gratin und Marktgemüse (34 Franken). Die Krönung sind die Desserts, die man am besten allesamt durchprobiert.

Der Bären brummt und geniesst einen guten Ruf. So gut, dass schon Bundespräsidenten dort ein und ausgehen. Die erste Zeit war pickelhart, da noch niemand an den Erfolg glaubte. Damals verkaufte das Bären-Team manchmal in einer ganzen Woche nur einen einzigen Kaffee. Doch das war einmal. Das Restaurant Bären ist nämlich längst kein Geheimtipp mehr, und es lohnt sich, frühzeitig einen Tisch zu reservieren.

Das Appenzeller Hinterland ist reich an guten Restaurants, die man aber erst mal finden muss. Viele liegen ausserhalb der Dörfer auf einem Hügel, meistens mit grandioser Aussicht über die verschneite Landschaft. Eine Perle punkto Ausflugsrestaurants ist das Restaurant Blattendürren ausserhalb des Dorfes Urnäsch. Die Wirtschaft ist der Ausgangspunkt für ausgedehnte Schneeschuhwanderungen und Hundeschlittentouren. Die Chefin, Wirtin und Köchin Maja Jäger vesteht es, ihre Gäste zu verwöhnen und dies erst noch mit einer hausgemachten Bauernküche, wie man sie nur noch selten findet. Sie ist eine nimmermüde Tüftlerin und ist ständig auf der Suche nach regio-nalen Produkten – dies schon seit Jahrzehnten. Das schmeckt man denn auch. Die Teigwaren für ihre Älplermakkaronen mit Apfelmus stellt sie noch selbst her. Jawohl. Und die Siedwürste, die sie dazu serviert, sind reich gewürzt und lecker. Zur Jagdzeit bringt ihr Mann Konrad schon mal einen Hirsch nach Hause, von dem Maja alles zu verwerten weiss. Besonders stolz ist sie auf den Wildhackbraten mit Selleriepüree. Für den Winter empfiehlt sie aber eher ein Raclette oder Fondue mit hausgemachtem Essiggemüse. Während unserem Besuch treibt Konrad die Rinder zur Tränke, die er im Winter für seinen Sohn hütet. Im Sommer, wenn die Gäste scharenweise in die Blattdürren strömen, hilft er seiner Frau beim Abwasch. Und im Herbst ist er selbstverständlich mit dabei, wenn sein Sohn das Vieh ins Tal treibt, mit einem waschechten Alpabzug und Trachten. «Wir leben die Traditionen noch, deshalb kommen die Gäste von Auswärts so gerne zu uns», sagt Maja. Recht hat sie, sagen wir, und weiter so, liebe Maja.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 1/2009