Im Niemandsland

Tschad, Frankreich, Schweiz, Kanada, Honduras, Brasilien, Kuba, Südkorea, Italien, Türkei, Bali, Indonesien, Madagaskar oder Nepal. Claudio und Françoise Caccia haben sich dreissig Jahre lang rastlos um die Welt gekocht. Nun scheinen sie endlich Ruhe gefunden zu haben, im Niemandsland über dem Tessin.

Text: Tobias Hüberli/Fotos: Marcel Studer

Claudio und Françoise Caccia lernten sich in den Achtzigerjahren in Genf kennen. Der Tessiner Koch und die französische Direktionsassistentin reisten fortan von Kanada über Brasilien, Jakarta oder Frankreich durch sämtliche Kontinente. Während dreissig Jahren kochte Caccia für unzählige Hotels, Restaurants und Privatpersonen. In Lateinamerika und in der Südsee eröffneten die beiden Gourmet-Restaurants, welche sie mit Gewinn verkauften und das Geld auf Reisen wieder verpulverten. Seit vier Jahren betreiben Claudio und Françoise im Blenio-Tal das höchstgelegene Grotto Europas.

1. Teil: Das Abendessen

Im Sturmschritt und mit zwanzig Minuten Verspätung rauschen Claudio und Françoise Caccia ins Restaurant Ospizio in Olivone, hoch oben im Blenio-Tal, wo wir uns zum Abendessen verabredet haben. Claudio trägt seinen Schnurrbart wie ein preussischer General und ähnlich zackig verschlingt er die aufgetischte Tessiner Fleischplatte. Nur den Merlot lässt er stehen. «Alkohol ist gefährlich, vor allem für einen Koch.»

Geboren und aufgewachsen ist Claudio Caccia in Mendrisio. Während der Schulzeit zeigt er ein Talent für Zahlen, worauf ihn sein Vater prompt zu einer Banklehre verdonnert. Aber das Büro ist nichts für Claudio, er hängt eine Kochlehre an. «Kochen hat mich fasziniert, aber ich wählte den Beruf vor allem, weil man damit reisen konnte.» Das Tessin ist viel zu klein für den Unbändigen. Mit 22 Jahren geht Claudio nach Genf um bei den grossen Hotelgruppen Anschluss zu finden. Er kocht im Hotel Intercontinental und im Hotel Bristol – und in Genf trifft er auch die Frau, die ihn fünfundzwanzig Jahre lang über sämtliche Kontinente begleiten wird. Françoise ist Französin, Direktionsassistentin und hat keine Ahnung von der Gastronomie, aber sie ist genauso verrückt wie er.

«Es war eine ganz andere Zeit, die Wirtschaft boomte, jeder hatte Geld, nichts schien unmöglich», erzählt Claudio. Mit dem Rucksack reisen sie nach Kanada, Claudio nimmt eine Stelle in Florida an, gleichzeitig erhält er ein Angebot für ein Restaurant in Brasilien. Per Bus, Zug und Autostopp gelangen sie nach Florida, Claudio beginnt zu kochen. «Es war ein Luxusrestaurant, dreissig Köche standen in einer Reihe, der Teller lief durch die Reihe, bis er fixfertig am Pass ankam.» Fliessbandarbeit wie in einer Autofabrik. Claudio steht am Saucier-Posten, aber nur zwei Monate lang. Dann packen die beiden ihre Sachen und reisen quer durch das bürgerkriegsgeschüttelte Zentralamerika der Achtzigerjahre, bis nach Brasilien. Aus dem Restaurant wird dann nichts, aber Claudio ergattert sich eine Chefkoch-Stelle im Hotel Intercontinental in Rio de Janeiro. Er ist 25 Jahre alt.

Das Kaminfeuer im Ospizio wärmt unsere Rücken. Inzwischen steht ein Filetto di Manzo mit Eierschwämmen und Risotto auf dem Tisch und vor mir erzählt ein fünfzig Jahre altes Paar, bunte Geschichten aus einem rasanten, rastlosen Leben. Zurück in Rio: die Geschäftsleitung informiert Claudio nach zwei Monaten, dass seine 16-köpfige brasilianische Brigade zuviel Kochwein verbraucht. Claudio öffnet fortan im Economat jede Flasche Kochwein und schüttet Salz rein, zwei Jahre lang. Der Kochweinverbrauch nimmt schlagartig ab. «Rio ist unglaublich aufregend, ich arbeitete bis 2 Uhr morgens und danach gings mit Françoise ab in die Disco.» Auch die gefährliche Seite der Stadt lernen die beiden kennen. Eine Gestalt aus der Unterwelt will, dass Claudio in der Schweiz Häuser kauft, mit seinem Schweizer Pass und brasilianischem Drogengeld. «Es wäre ein Leichtes gewesen, Millionär zu werden, aber es gibt eine Linie, die überschreitet man nur einmal», so Claudio. Er lehnt ab. Aber die neuen «Freunde» lassen keine Ruhe, kommen uneingeladen zu ihnen nach Hause und veranstalten laute Feste. Claudio und Françoise ziehen weiter.

Es folgen Aufenthalte in Jakarta, Bali, Kanada, Südamerika, Madagaskar, Nepal, Kuba, Südkorea, Europa oder Tschad. Die zwei führen ein Leben auf der Überholspur, jenseits jeglicher Normalität. «Ich glaube nicht an die Sicherheit im Leben.» Geld sparen ist ein Fremdwort, wenn die Kohle alle ist, fängt Claudio wieder an zu kochen. In Südkorea bricht er den Arbeitsvertrag und verlässt die Hotelgruppe Intercontinental vorzeitig. Der Grund: die Hälfte seiner koreanischen Köche ist aus Protest gegen das ausländische Hotelmanagement in den Hungerstreik getreten. Claudio schickt mit der verbleibenden Crew täglich 5000 Teller, während die streikenden Köche in der Küche medizinisch versorgt werden müssen. In Honduras eröffnen Claudio und Françoise ihr erstes Gourmetrestaurant, bringen es zum Laufen und verkaufen es mit viel Gewinn, später in Tschad versuchen sie das Gleiche, und verlieren fast ihr ganzes Hab und Gut.

Was treibt einen dazu, sein ganzes Leben auf Achse zu sein? «Ich fühle mich eingeengt, wenn ich mich in einer stabilen Lebenslage befinde», erklärt sich Claudio. Immerhin leben die beiden seit vier Jahren (Rekord) in Dötra, einer Alp unter dem Lukmanier-Pass, 1800 Meter über Meer. Das tönt schon fast stabil. «Dötra ist eine andere Welt, du wirst es morgen sehen, das Tessin hört bei 1200 Meter auf, alles was höher liegt, ist Niemandsland.»

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer
.

Ausgabe 1/2009