Asociación Santa Marianita und die Freude am Eigenen
Es ist ein kleiner Platz, an dem es von der Papeterie über den Mechaniker zur Bäckerei und dem Videoverleih alles gibt, was ein Stadtviertel braucht. Seine Besonderheit: Er verwandelt sich Nacht für Nacht in ein Zentrum kulinarischer Köstlichkeiten, die im Stehen konsumiert werden. Verschiedene mobile Küchen bieten Gerichte, die das Herz eines jeden Quiteños höherschlagen lassen. Die «Fritada», das traditionelle fritierte Schweinefleisch mit «Llapingachos» – gebratene mit Frischkäse gefüllte Kartoffelklössen. «Caldo de gallina», das Suppenhuhn mit Kartoffeln und Gemüse, «Tripa mishci», gegrillte Fettdärme mit «Aji», der kalten Sauce aus Baumtomaten, scharfem Chili, Zwiebeln und Zitronensaft. Blutwurst, in der Kohl und Reis gleich mit enthalten sind. «Pinchos», Grillspiesse mit Wurst, Zwiebeln, Rindfleisch und grünen Peperoni. In Fett gebackene süsse «Empanadas». In Milch und mit Erdnüssen gekochte Kartoffeln mit «Cuero», Schweineschwarte, gegrillte Maiskolben, fritierte Fische, «Morocho», das dicke Getränk aus Mais mit Zucker und Milch. Die «Guatita», eine Suppe, opulent wie ein Eintopf mit Kutteln, Kartoffeln und Erdnusssauce, bestreut mit frisch gehacktem Koreander. Die Preise sind günstig. Für 1.50 amerikanische Dollar hat man reichlich gegessen. Es ist die kulinarische Welt der Sierra, der ecuadorianischen Anden mit ihren Einflüssen aus der indigenen und spanischen Küche. Die Auswahl ist gross und der Andrang auch. Hier der Geschäftsmann in Anzug und Krawatte, der Bauarbeiter mit seiner Familie, das Jüngste auf dem Arm, die anderen am Rockzipfel der Gattin, der junge Hip-hopper mit seiner Clique, das Liebespärchen, welches sich auch im Gedränge fest an den Händen hält. Eine elegante Mittvierzigerin bestellt aus dem Auto heraus, ein älterer Herr löffelt seine Suppe am Strassenrand. Um den Platz herum drängelt sich der Verkehr, hupen Taxis, dröhnen Busse. Kinder flitzen hin und her, Flammen schlagen hoch von den Holzkohlegrills, Dampf steigt aus Töpfen und Pfannen. Die einen drängeln sich vor, die anderen suchen den Weg aus der Menge, die gefüllten Schalen und Teller aufeinandergetürmt, balancierend. Es ist sieben Uhr abends. Nacht am Äquator.
Seit drei Generationen haben die Frauen von La Floresta hier für sich und ihre Familien einen Zusatzverdienst aufgebaut. Seit über 50 Jahren gibt es diese Essstände in La Floresta und die Gäste kommen mittlerweile aus der ganzen Stadt. Auch Touristen, doch sie fallen nicht auf im Gewusel der Einheimischen, sind eher scheu im Umgang mit dem Angebot. Es braucht etwas Erfahrung, um sich zurechtzufinden, man muss wissen, was man will. Seit zehn Jahren hat der Verein Santa Marianita de la Floresta auch eine juristische Form. Davor lagen viele Jahre einer nachbarschaftlichen Vereinigung, welche ohne Statuten und Regeln funktionierte. Sie wurden vertrieben von den Behörden, kehrten zurück, wurden gebüsst und man wollte ihnen den öffentlichen Grund verweigern. Auch Tränengas und Strassenkämpfe kommen vor, in der Historie der kochenden Mütter. Sie hatten den Status fliegender Händler, heute gelten sie als «Mercantes autonomos». Kochen ist Frauensache im nach wie vor traditionellen Rahmen der ecuadorianischen Gesellschaft. So sind auch die Mitglieder der Asociación mehrheitlich Frauen.
An einem guten Abend kann ein Stand zwischen 200 und 300 Dollar Umsatz bringen. Davon bleiben dem Betreiber nach allen Abrechnungen vielleicht 40 Dollar als eigener Verdienst. Kein schlechter Taglohn in Ecuador, auch wenn der Tag viele Stunden hat.
Öffnungszeiten:
Täglich von 18 Uhr bis Mitternacht. Ausser Heiligabend, Silvester und Karfreitag 24. Mai: Tag der Schutzpatronin Santa Marianita mit Tanz, Quartierorchester und Feuerwerk:
Adresse:
Avenida de los conquistadores y Ladron de guevara.
Barrio la Floresta, Quito/Ecuador
Ausgabe 1/2010


