Die vielen Gesichter des Bordeaux

Bordeaux-Weine sind teuer, komplex und elitär: So das Vorurteil. Dass sie durchaus auch andere Facetten haben, davon handelt folgende Geschichte. Denn es sind nicht nur die grossen Schlösser und das bekannte Städtchen Saint Emilion, welche eine Geschichte wert sind, auch bei den kleinen Winzerfamilien finden sich Trouvaillen. Wären da nur nicht die komplizierten Bezeichnungen auf der Etikette, die Beziehung des Weins zu jungen Geniessern wäre etwas einfacher.

Text&Fotos: Regula Lehmann

Bordeaux-Tipps:

Zum Apéritif mit Snacks und pikanten Häppchen:
· Trockene Weissweine aus Entre-Deux-Mers
· Bordeaux Blanc
· Ein fruchtiger Rosé oder Clairet

Rote unkomplizierte Weine, die jung sind und bereits schon ein Jahr nach der Ernte hervorragend schmecken, eignen sich für spontane Anlässe.
Dazu serviert werden unkomplizierte Gerichte und pikante Snacks. 
· Bordeaux AOC
· Bordeaux Supérieur AOC
· Cru Bourgeois

Grosse Weine zu festlichen Mahlzeiten und gehaltvollen Speisen:
· Zur Vorspeise, hellem Fleisch und Fisch: Weisser Graves
· Hauptspeise, rotes Fleisch und Wild: Médoc und Saint-Emilion
· Zum Dessert: Weisse Süssweine

Cécile Verdier, die Winzerin auf dem Château Brethous, begrüsst mich herzlich vor ihrem Anwesen. Fast hätte der Chauffeur die Abzweigung hin zur kleinen, versteckten Nebenstrasse verpasst, die auf ihr Land führt. Das Château Brethous liegt in Camblanes et Meynac, am östlichen Garonne-Ufer in der Appellation Cadillac Côtes de Bordeaux. Es passt aber nicht in das Klischee der Bordeaux-Schlösser: Kein Turm, kein Schlosspark und keine Zierbrunnen. Wir befinden uns vor einem Haus ähnlich einem Schweizer Landhaus, ein zweistöckiges, langgezogenes Gebäude, weiss getüncht mit roten Fensterläden.  Nebenan liegen die Produktionshallen, wo in grossen Beton-Tanks die Maische gärt. Ein sympathisches Familienunternehmen, weit weg von nobel oder elitär. Ein «Château» muss in Bordeaux eben nicht zwangsläufig ein Schloss sein, sondern ist schlicht der Ausdruck für Weingut.

Rund 15 Hektaren Land bewirtschaftet Cécile Verdier. Auf dem hügeligen Gelände an den Ufern der Garonne kultiviert sie hauptsächlich Merlot, Cabernet Franc und Cabernet Sauvi-gnon. Das Château Brethous hat sie im Jahr 1998 von ihren Eltern übernommen und ist seither für die gesamte Weinproduktion verantwortlich, von der Pflege der Reben bis hin zur Flaschenabfüllung. In Zukunft will sie biologisch produzieren und stellt ihre Landwirtschaft seit zwei Jahren nach strengen Regeln um. «Das gibt am Anfang zwar erheblich mehr Arbeit auf dem Feld und auch in der Administration, wirkt sich langfristig aber garantiert auf die Weinqualität aus», ist die Winzerin überzeugt.

Die Region Cadillac Côtes de Bordeaux ist nicht so weit bekannt wie das Médoc, die Graves oder Saint-Emilion, dennoch produzieren die dort ansässigen, oft kleinen Betriebe, wunderbare Weine zu interessanten Preisen. Um ihr Image zu stärken und ihre Ressourcen zu bündeln, haben sich die Weinbauern der Ortschaften Castillon, Blaye, Cadillac und Francs zu einer Union zusammengeschlossen und treten nun gemeinsam als Côtes de Bordeaux an die Öffentlichkeit. Damit haben sie ein grösseres Werbebudget und bessere Chancen, neben den riesigen, berühmten Schlössern in Bordeaux wahrgenommen zu werden.

Ein Bordeaux-Wein darf ausschliesslich im Département Gironde produziert werden,  welches sich auf 105 km von Norden nach Süden und 130 km von Osten nach Westen erstreckt. Die Region beherbergt zahlreiche Mikroklimate und Bodengegebenheiten, die den Trauben ihren spezifischen Charakter verleihen. Das Anbaugebiet wird von den beiden Flüssen Garonne und Dordogne klimatisch beeinflusst und teilt sich in 57 Appellationen (geschützte Herkunftsgebiete) auf. In ganz Bordeaux finden sich rund 11000 Châteaux. Nebst den rund 300 bekannten und hochpreisigen Schlössern handelt es sich bei den anderen um kleine oder mittlere Betriebe.

Sicherlich wäre es falsch zu behaupten, Bordeaux sei ein einfacher Wein. Um ihn zu verstehen, braucht es einiges an Wissen, und um das Etikett zu interpretieren schon fast ein Lexikon. Das hängt mit der langen Geschichte dieses Weins zusammen, mit den zahlreichen unterschiedlichen Anbaugebieten und den tausend Regeln, welche einen Wein erst zu einem Bordeaux machen. Ein günstiger Bordeaux muss aber kein schlechter sein. Denn die vielen Kontrollinstanzen sorgen dafür, dass die Qualität «en général» hoch ist.

Meine Bordeaux-Reise führte mich nicht nur zu kleinen Familienunternehmen, sondern ebenso zu grossen Häusern wie dem Château Brane-Cantenac aus der Appellation Margaux. Das Gut ist in Besitz der fünften Generation und wird hauptsächlich von Angestellten betrieben. Anlässlich der Weltausstellung in Paris im Jahr 1855 wurde es, wie auch andere zu jener Zeit berühmte Châteaux, klassifizert und erreichte die zweite von fünf Positionen. Dies hat sich bis heute nicht geändert und deshalb darf das Château Brane-Cantenac seinen Wein «Deuxième Cru» nennen.

Das Gut umfasst rund 65 Hektaren Anbaufläche, hauptsächlich Kieselboden. Ganzer Stolz sind die 45 Jahre alten Merlot-Rebstöcke, denn das Alter bestimmt die Qualität und nicht zuletzt den Flaschenpreis. Einige Gärtanks sind hier gar aus edler Eiche gefertigt statt aus Zement oder Stahl. Aus welchem Material ein «Cuve» sein muss, ist hierzulande eine Glaubensfrage. Im Château Brane fasst ein Cuve die Maische parzellenweise, damit die Traubenernte verschiedener Lagen nicht vermischt werden. Für die Assemblage, welche hier übrigens vor dem Eichenfassausbau gemacht wird, ist unter anderen die Mexikanerin Maria Martinez Ojeda zuständig. Die 26-jährige Önologin mit der feinen Nase versteht das Philosophieren über die Weine, schmeckt die Feinheiten heraus und weiss genau, in welche Richtung sich die Weine in den Flaschen mit den Jahren noch entwickeln werden. Jeden Montag verkostet sie den Wein aus den Eichenfässern. Barrique für Barrique entnimmt sie einen Schluck Wein, riecht daran, schmeckt ihn und prüft die Assemblage auf Fehler, Reifegrad und Bouquet – an den anderen Wochentagen übernehmen ihre Kollegen diese Aufgaben.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 1/2010