Kaufen Sie noch Bier?
Die Biervielfalt lebt, nicht nur in kommerziellen Klein- und Kleinstbrauereien, sondern zu einem tüchtigen Teil in den Küchen und Kellern von Herr und Frau Schweizer. Dort entstehen kleine Mengen Selbstgebrautes, für die Familienzusammenkunft, den Keglerabend oder das Grillfest. Eine Entwicklung mit grossem Zukunftspotential.
Eigentlich ist es ja witzig – alle jammern über die verschwundenen Brauereien. Dabei boomt die Biervielfalt. Bald in jedem zweiten Dorf wird im Feuerwehrhäuschen gemaischt und vergoren. Dutzende von Kleinstbrauereien sind entstanden. Genau das Gegenteil der Befürchtungen ist eingetreten: Über 280 Braustätten stehen im «Verzeichnis der steuerpflichtigen Inlandbrauereien». Allerdings sind in der Flut der «neuen Wilden» höchstens zwei Dutzend richtige Start-up-Brauereien. Der grosse Haufen dürfte aus Hobbybrauern bestehen. Quereinsteiger und «Internetbraumeister», die nach dem Prinzip «Trial and Error» brauen – Hauptsache «es macht Spass». Das Bier verkaufen sie höchstens dem Nachbarn. Bier für den Eigenbedarf ist nämlich steuerfrei. Aber natürlich tönt es einfach viel besser, wenn man als «richtige» Brauerei registriert ist. Auch wenn sich der Erfolg in Grenzen hält.
Schroten: Körner werden zu Malzschrot gemahlen.
Ist Brauen so einfach?
Woher kommen plötzlich diese vielen «Bierbrauer»? Aus gutem Malz ein
einfaches Bier zu brauen, ist tatsächlich keine Hexerei. Bereits vor
5000 Jahren brauten Menschen unter primitivsten Verhältnissen Bier.
Oder besser, ein aus Getreide gebrautes, alkoholhaltiges Getränk.
Ägyptische Priesterinnen, germanische Hausfrauen, mittelalterliche
Klosterbrüder – alle kannten das von Mutter Natur vorgegebene Rezept:
Getreide ankeimen lassen und wieder trocknen, zermörsern, im warmen
Wasser auflösen, warten, bis es zuckrig-süsslich wird; bis die Gärung
beginnt, ganz von selbst.
Was genau passierte, lag im Dunklen. Ein sauberes und gutes Bier zu
brauen, war in den Zeiten vor Thermometer, Chromstahl und Mikrobiologie
ein unsicheres Geschäft. Die Qualität war, gelinde gesagt, schwankend.
Und wenn’s dann wieder nicht klappte, vermutete man Hexenkult oder böse
Geis-ter. Brauen war Mystik pur. Viele Geschichten ranken sich um
schlechte Biere, schlechte Brauer, der Aberglaube war weitverbreitet:
Vollmondbier und der heidnische Sechszack-Stern auf dem Fass gegen
zaubermachende Geister. Oder Wurzeln und Kräuter mit Rauschgift-Wirkung
zur «Verbesserung» des Geschmacks. Bis die Klos-terbrüder 800 Jahre n.
Chr. die haltbarmachende Wirkung des Hopfens entdeckten. Es war der
Startschuss in eine nicht mehr endende Produkt-entwicklung bis zum
heutigen Bier. Mönche konnten rechnen und lesen. Sie schrieben das
erste Kapitel dieser Bier-geschichte. Und verdienten mit ihrem Bier
richtig viel Geld. Weil es besser und haltbarer war – und weil sie
Know-how weitergeben konnten. Aufgeschrieben in den Büchern. 13 Rezepte
kennt man aus dem alten Kloster in St. Gallen.
Das ist heute anders. Bier hat über die Jahrtausende eine erstaunliche
Entwicklung gemacht: vom säuerlichen Zufallsprodukt bei Hägar dem
Schrecklichen zum elegant verpackten Industrieprodukt. Bier ist heute
brillant-glänzend, hat feinporigen Schaum, milde Bittere und schmeckt
immer etwa gleich. Und richtig viel Geld machen damit fast nur noch die
Grossen.
Genau da begann der Weg zurück, zum Selberbrauen. Standardisierte
Produkte sind verleidet. Man will zurück zu den Anfängen. Man will es
selber machen. Alte Rezepte sind in. Bei Konfitüre, Sirup, Saft, der
Wurst vom Metzger – und beim eigenen Bier. Individualität ist angesagt.
Wissen, was man isst und trinkt. Hopfen aus dem Garten, anders sein,
mein Bier, mein Geschmack. Bewegungen wie Slow Food oder Bio oder Pro
Spezie Rara haben das Bewusstsein für «kleine» Lebensmittel geweckt.
Der «Protest-Schrei» der Biertrinker, denen man «ihre» Brauerei
wegfusioniert hatte, tut das seinige dazu («dann brauen wir halt
selber»). Die Brauer realisieren den Trend mit Verblüffung – und
zunehmender Begeisterung. Heimbrauer sind Werbeträger fürs Produkt. Sie
stören zwar mit dummen Fragen, tragen aber den Biervirus in neue Kreise
hinein.
Kochen: Beim Kochen wird die Würze mit Hopfen gewürzt.
Dieser Film läuft nicht nur bei uns. In den USA, Kanada, Australien,
England sind zehntausende am Selberbrauen. «Google» findet unter
«Homebrew» 7500000 Einträge, in deutscher Sprache immerhin 12500
Seiten. Amazon schlägt unter «Homebrewing» 200 Bücher vor. Darunter so
spannende Titel wie «Brewing for dummies» oder «What would Jesus
brew?». Passen Sie darum gut auf, wenn Sie jetzt weiterlesen: der
Biervirus geht um. Er ist ansteckend. Vielleicht gehören Sie auch bald
zum Kreis der Heimbrauer.
Wer braut denn selber
Auf die Idee, selber zu brauen, kommen die meisten Einsteiger, meist
übers Produkt! Der Freund serviert eine Flasche «Selbstgebrautes». Und
erklärt dazu Machart und Bierstil. Nach dem Motto: «Einen Weinkeller
hat jeder» brilliert er mit den neuen Kenntnissen. Und lädt gleich ein,
das nächste Mal doch mitzuhelfen.
Ansteckend ist Heimbrauen aber nicht nur wegen dem gemeinsam gebrauten
Bier. Sondern weil es gesellig, kontaktfördernd und gemütlich ist! Man
hat zwar immer etwas zu tun – und trotzdem genug Zeit zum Reden, den
nächsten Schritt zu diskutieren, etwas zu kochen und zu essen. In
professionellen Brauseminaren bleibt nebenbei genug Zeit für sachliche
Informationen rund ums Thema Teambildung. Vereine und Firmen haben
darum Selberbrau-Seminare längst als Gruppenevent entdeckt. Und immer
mehr Gastronomen machen daraus den Betriebsausflug mit
Weiterbildungseffekt: Wer selber gebraut hat, weiss, was Bier ist und
wie man darüber spricht.
Es sind bestimmt einige hundert wenn nicht tausend Teilnehmer, welche
sich jedes Jahr ins Heimbrauen einführen lassen. Viele kommen wieder
zurück. Mit neuen Freunden, dem andern Verein. Der Virus wirkt.
«Hausbrauerei»
Zum Anfang reichen Küche und eine oder zwei, grosse Pfannen,
Kunststoff-Gärfass, notfalls auch Pet-Flaschen, Thermometer, Platz im
Kühlschrank für den Biervorrat, Malzschrot, Hopfen, Hefe. Warenkosten
pro Liter ca. 1 Franken. Plus ein Rezept mit Anleitung.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 2/2010

