Hinter den Geleisen
Dort, wo Zürich einmal Italien war und wo es heute all das zu kaufen gibt, was eine Grossstadt anzubieten hat. Dort, wo sich Nationalitäten zum bunten Gemisch vermengen und wo die Polizisten zu viert auf Streife gehen. Dort schauen die Gebrüder Beffa auf 80 Jahre Gastgewerbe zurück. Es ist in der Familie geblieben.
Die gepflegten, unauffällig eleganten Männer mit den Lachfältchen im Gesicht, mit den gleichen hellblauen Augen hinter ähnlichen Brillen, strahlen Gesundheit und Selbstvertrauen aus. Sergio und Emilio Beffa, am gleichen Tag im Oktober 1943 geboren, sind seit 47 Jahren im Geschäft, seit 1982 leiten sie die Geschicke der Beffa Gastronomie. Wir sitzen im Aargauerhof an der Ecke Langstrasse/Hohlstrasse. Ein heller, angenehm renovierter Gastraum, dezente Geschäftigkeit. 10 Uhr morgens.
Sergio Beffa: Hier hat alles angefangen.
Salz&Pfeffer: Hier im Aargauerhof?
Emilio Beffa: Am besten fangen wir mit dem Grossvater an. Emil Hauenstein senior. Der war ursprünglich aus dem Aargau. Später wurde er hier in Zürich erster Adjunkt der Stadtpolizei. Er wohnte gegenüber. 1922 kaufte er dieses Haus, den Aargauerhof.
Sergio Beffa: Er war bei der Polizei und seine Frau betrieb einen Hutladen. (Zeigt nach hinten) Dort, wo jetzt die Bar ist.
Emilio B: Das war der Emil senior, auf den Junior kommen wir noch.
S&P: Der Name Emilio wurde in der Familie weitergegeben?
Emilio B: Bis zu mir, unsere Söhne heissen anders, es ist aus der Mode gekommen.
S&P: Sie sind nicht der Junior?
Sergio B: Nein, der Emil junior ist der Sohn vom Polizeiadjunkten. Der übernahm das Geschäft 1928. Das war unser Onkel.
Der Senior hatte fünf Kinder, eben den Emil, dann zwei Töchter Klara und Elisa, davon war die Elisa unsere Mutter, dann gab es noch den Ernst und ein kleiner Fritz starb im Kindesalter.
S&P: Das klingt gut deutschweizerisch. Woher kommt die italianità?
Emilio B: Wir sind Tessiner. Der Grossvater hatte Militärdienst in Airolo geleistet. Dort lernte er unseren Vater kennen und holte ihn nach Zürich. Zum Arbeiten. Im Aargauerhof, wo der Emil junior wirtete. Da hat auch unsere Mutter serviert. Dort lernten sie sich kennen.
Sergio B: Und nachdem sie ein Paar wurden, sind sie in den Tessin gezogen. Wir sind in Lugano geboren.
S&P: Und der Vater Beffa war auch ein Gastwirt?
Sergio B: Gar nicht. Seine Mutter hatte eine kleine Wirtschaft in Airolo, wo sie für die Soldaten Suppe verkaufte. Zehn Kinder waren es dort in der Familie. Der Vater war Elektriker, machte seine Lehre hier in Zürich. Später im Tessin war er Monteur bei der PTT.
S&P: Habt ihr eine gastgewerbliche Ausbildung gemacht?
Emilio B: Nein, wir machten beide eine kaufmännische Lehre.
Sergio B: Und sind bis nach der Lehre in Lugano geblieben. 1962 holte uns der Onkel Emil nach Zürich. Er hatte selbst keine Kinder. Die Wirtefachschule bezahlte er, damit wir bei ihm einsteigen konnten.
Emilio B: Wir machten alles. Wir haben gekellnert und in der Küche geholfen, am Buffet. Man musste alles kennenlernen, wenn es sein musste, konnten wir auch ein Kotelett wenden. Aber Köche waren wir nie.
Sergio B: Ich sage immer der Aargauerhof ist die Filiale der «Räuberhöhli», eine Beiz für einfache Leute. Der Grossvater, der Emil senior, hatte auch noch andere Häuser. An der Josefstrasse, den Eisenhof an der Gasometerstrasse und in den Markthallen am Limmatplatz hat er auch gewirtet. Es war alles ein Familienbetrieb. Ist es übrigens bis heute.
Emilio B: Der Grossvater kaufte Häuser zum bewirtschaften, nicht zum spekulieren.
S&P: Ein Betrieb nach dem andern?
Emilio B: Onkel Emil war da sehr aktiv. Zwischen 1930 und 1940 hat er weitere Betriebe dazugenommen. Angefangen hat er mit dem Eichhörnli an der Nietengasse, das Haus gehört immer noch zu uns, auch wenn wir nicht mehr selber darauf wirten. Während des Zweiten Weltkrieges kam Onkel Toms Hütte an der Rotwandstrasse dazu. Dort wird gut gekocht, etwas teurer. 1948 das Blockhaus an der Schifflände. Dann kam das Gambrinus an der Langstrasse, der Rheinfelder und «de Bluetig Duume» im Niederdorf.
Sergio B: Der Name wurde von einem Journalisten gegeben, damals noch in der «Tat» der Migros-Zeitung. Aber die genauen Hintergründe weiss ich nicht mehr.
Emilio B: … 52 kam der Hardhof, 57 der Bahnhof Wiedikon, 64 das weisse Kreuz. Emilio junior war der Aufbauer.
S&P: Ihr betreibt Gasthäuser, in denen das Essen erschwinglich ist. Was steckt dahinter?
Emilio B: Wir bleiben gut und günstig. Heute ist es etwas schwieriger geworden, aber wir achten darauf, im unteren Preissegment zu bleiben. Klar, die Arbeiterbeiz gibt es heute kaum noch … diese Ära ist vorbei. Es ist auch eine soziale Aufgabe, das Gastgewerbe.
Sergio B: Mein Onkel sagte immer, schau wie der Büezer antreten muss und zuletzt bekommt er nicht mal den Lohn.
S&P: Und der «Chreis Cheib» ist Euer Zuhause?
Emilio B: Wir, die wir hier leben, haben uns vielleicht auch unwissend richtig bewegt, sind mitgegangen mit den Leuten, den Bewegungen. Deshalb passierte auch nie etwas. Auch bei Krawallen nicht, unsere Häuser und Betriebe sind zum Beispiel kaum versprayt.
Sergio B: Wir haben die Türen nie zugemacht, sondern geschaut, dass es irgendwie geht.
Emilio B: Wir haben uns immer mit Anstand und Respekt verhalten. Das Milieu hat uns in Ruhe gelassen. Schutzgelder oder so etwas kennen wir höchs-tens vom Hörensagen. Aber wir haben uns auch nie mit dem Millieu eingelassen, wir haben nicht an Prostituierte vermietet, sind seriös geblieben.
S&P: Was sollte sich ändern im Kreis vier?
Emilio B: So einfach ist es nicht mit dem Millieu, das geht nicht einfach weg. Ich habe 37 Jahre lang hier gewohnt. Wir sind quartierkundig.
Sergio B: Ich auch, an der Rotwandstrasse. Was soll mit «em vieri» passieren. Jetzt hat man eine grosse Polizeipräsenz. Das ist zwar gut. Doch manchmal hätte man doch lieber etwas weniger.
S&P: Ist es krimineller als früher?
Emilio B: Eigentlich nicht, aber es gibt schon Sachen, heute ist es brutaler. Aber eben für die, die involviert sind. Man muss sich raushalten, sauber bleiben, bestimmt bleiben, nicht korrupt sein. Das geht.
Sergio B: Es war immer ein unruhiges Quartier mit den Gewerkschaften, den Demonstrationen, dem Drogenbetrieb und so weiter, aber wir hatten nie Probleme.
Emilio B: Unser Grossvater und auch der Onkel waren noch wahre Patriarchen, die im Viertel hoch angesehen waren, was sie sagten, wurde respektiert, man gehorchte. Alle! Es war eine andere Zeit. Der Patron war der Patron.
Emilio B: Ich bin früher mit den Einnahmen auf die Post gegangen und habe eingezahlt. Das wusste jeder und es passierte nichts. Es gab einen Respekt und gibt ihn bis heute.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 2/2010

