Gemütlich, natürlich, kosmopolitisch

Die Architektur beeinflusst die Atmosphäre, die Kommunikation und somit den Umsatz eines Lokals. Momentan bestimmen drei Trends die Schweizer Gastro-Architektur, wie ein Streifzug durch Adelboden, Basel, Luzern und Zürich zeigt.

Text: Ariana Pradal


Foto: Nespresso

«Damit ein Gastronomiebetrieb erfolgreich ist, müssen vier Punkte zusammenspielen: Ess- und Trinkangebot, Service, Kommunikation und Architektur», fasst die Gastroberaterin Nicole Thurnherr aus Zürich zusammen, die für Unternehmen wie Autogrill und Le Pain Quotidien in der Schweiz tätig ist. Jeder der vier Punkte baut auf dem anderen auf und unterstützt das Gesamtkonzept, welches jedem gewinnbringenden Lokal zu Grunde liegt. So widerspiegeln die gegenwärtigen Gestaltungstrends die aktuellen Gastronomiekonzepte und umgekehrt. Die Zeit der extravaganten und exotischen Interieurs ist in der Schweiz wie im restlichen westlichen Teil der Welt vorbei – und dies seit geraumer Zeit. Ein Rückzugstrend, der sich auf Werte wie natürlich, lokal und gemütlich konzentriert, ist sowohl bei Einzelbetrieben wie auch in der Systemgastronomie zu erkennen. Wohlbehagen und Wohlbefinden heis-sen die Schlagworte der Stunde. Gäste sollen sich in einem Lokal wie zuhause oder bei Freunden zu Besuch fühlen – dies zeigt sich auch in der Ausstattung: gemütliche Sitzgelegenheiten, der Einsatz von Textilien aber auch bereits gebrauchte Möbel werden dafür eingesetzt.

Sogar globale Marken wie McDonalds und Starbucks täuschen an der Front Individualität vor, als ob sie wie das Café oder das Restaurant von nebenan ein Quartierlokal wären. Starbucks geht sogar so weit, dass bei ihren jüngst eröffneten Filialen alle wiedererkennbaren Merkmale der Ausstattung wie die Farbe Grün oder das Logo fehlen. Was die Kleinen seit jeher auszeichnet, ihre Verankerung in der Umgebung und die persönliche Note der Gastgeber, beginnen die Grossen zu imitieren. «Die grossen Brands haben gemerkt, dass sie mit ihrer Präsenz zu weit gegangen sind und dadurch ihre Attraktivität gesunken ist», erklärt der Gastroberater Peter Herzog aus Cham, der Bauherrschaften wie die Erbauer des Einkaufszentrums Westside bei Bern oder des Prime-Towers in Zürich berät und vertritt. «Sogar in der Systemgastronomie geht der Trend dorthin, dass Lokale eine Personifizierung bekommen. Gäste wollen einen Wirt oder eine Gastgeberin spüren», fügt Peter Herzog an. Was dies für die Individualisten in der Gastronomie bedeutet, ist heute noch nicht abzusehen. Klar ist, dass die Kleinen sich für die Zukunft etwas einfallen lassen müssen, um sich weiterhin von den Grossbetrieben zu unterscheiden. Aber ein lächelnder Wirt ist noch keine Erfolgsgarantie. Professionalisierung auf allen Ebenen wird für Einzelgastronomen wie auch für Ketten je länger je mehr unumgänglich.

Restaurant- und Barbesucher wollen sich aber nicht nur in einer guten Stube zu Gast wissen, sie wollen auch gesund essen. Diesen Anspruch stellen nicht mehr nur Ökofreaks, sondern ein breiter Teil der Bevölkerung – vor allem in urbanen Zentren. Das heisst, auch das Gipfeli am Morgen oder ein schneller Imbiss über Mittag sollen aus biologischen und/oder lokalen Zutaten bestehen und ohne Konservierungsstoffe auskommen. Dieser Paradigmenwechsel wird mit natürlichen Materialien, hellen Farben, schlichten Formen und viel natürlichem Licht auch in den entsprechenden Lokalen kommuniziert – Holz- und Steinoberflächen, Weiss- und Grüntöne eignen sich dafür wunderbar. In der Schweiz ist dieser Trend in der Gastronomie erst noch am Kommen. Die Engländer sind da bereits einen Schritt weiter, wie uns die beiden Unternehmen Dayles Ford Organic (www.daylesfordorganic.com) und Leon (www.leonres-taurants.co.uk) mit ihren Filialen zeigen. Neben einer hellen Ausstattung aus natürlichen Materialien setzen die Besitzer von Dayles Ford Organic in ihren Lokalen auf eine Vielzahl von Pflanzentöpfen unter und auf den Tischen und Theken. Aus diesen spriessen Blumen und Kräuter. Die Tische in ihrem Restaurant im Londoner Stadtteil Notting Hill verfügen sogar über einen eingelassenen, natürlichen Rasensteifen. Das Versprechen nach biologischen, natürlichen Produkten wird dem Gast somit sogar am Tisch als Teil der Innenausstattung vor Augen geführt.


Im Inneren des Luzerner Bistros LUZ vermischen sich verschiedene Zeitzeugen der letzten hundert Jahre zu einem gemütlichen und jugendlichen Ganzen.

Foto: Dolmus Architekten

Den dritten vorherrschenden Trend in der Gastro-Architektur kann man als kosmopolitischen Stil bezeichnen. Meist definiert sich dieser über eine zeitgenössische und elegante Formensprache, die für sich selbst steht und visuell nicht oder eher selten an den Ort anknüpft. Wenig Bezug wird zur Geschichte des Baus, der vorherigen Nutzung, zur Stadt oder Landschaft gesucht. Das Interieur strahlt eine zurückhaltende Gediegenheit aus und könnte genauso auch anderenorts umgesetzt worden sein. Der kosmopolitische Stil verströmt eine neue Art von Bürgerlichkeit. Diese machen sich sowohl Einzellokale wie auch branchenfremde Brands zu Nutze, um ihre Identität weiter im Markt auszudehnen. Darin sind vor allem die internationalen, italienischen Labels führend: Der Modezar Giorgio Armani besitzt Cafés und Bars in mehreren Metropolen und das Fashionduo Dolce & Gabbana den Treffpunkt «Gold» an der Piazza Risorgimento in Mailand, der über Bar, Bistro, Restaurant und Gourmetladen verfügt (www.dolcegabbana.it/gold) – alle Lokale tragen natürlich die international erfolgreichen Handschriften der Maestri.

Auch in der Schweiz sind diese drei Haupttendenzen gemütlich, natürlich, kosmopolitisch anzutreffen. Zum Teil in einer reinen, öfters aber in einer kombinierten Form. Gehen wir zu Besuch zu je zwei Lokalen, die das Spannungsfeld des jeweiligen Trends aufzeichnen.

Alpine und urbane Gemütlichkeit

In Adelboden, gleich oberhalb des Dorfzentrums, befindet sich das Parkhotel Bellevue. Das Haupthaus des Hotels wurde 1931 von den beiden Interlakner Architekten Urfer & Stähli im Stil der Moderne gebaut. Die Basler Architekten Buchner Bründler haben ab 2005 im Auftrag der Hotelierfamilie Richard den Betrieb in zwei Etappen umgebaut.
Die Forderung der Gastgeber nach «zeitgenössischer Gemütlichkeit» lösten die Architekten mit «Alpine Chic» ein. Im Erdgeschoss verwandelten sie das rustikale Stübli und die Scotchbar zu Gunsten einer offenen Gastrozone mit Speisesaal, Bar und Lounge. Der Speisesaal erhielt wie einst grosse Panoramafenster, es wurden Zwischenwände entfernt und so ein durchlässiger Raum geschaffen, der von den lichten Esstischen zur Bar aus brüniertem Messing bis nach hinten in den stilisierten Wald mit den Loungeplätzen, einem Cheminée und gedämpftem Licht reicht. Vor den stilisierten Baumwänden, die auch als durchlässige Raumtrenner funktionieren, hängen Leuchten aus Messing, die mit waagrechten Schlitzen versehen an Tannenzapfen erinnern. Mit ihrem Entwurf in diversen Braun- und Goldtönen bringen die Basler die vor den Fenstern liegende spektakuläre Landschaft – nach der sich vor allem Urbaniten sehnen – samt Lagerfeuer auf abstrakte und elegante Weise ins Haus.
www.parkhotel-bellevue.ch
www.bbarc.ch

In Luzern gleich beim Bahnhof befindet sich das Bistro Luz der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV). Das ehemalige Billethäuschen hat das junge Luzerner Architekturbüro Dolmus in Zusammenarbeit mit dem Büro Jäger Egli Architekten aus Emmenbrücke saniert und in ein lichtes sowie unkompliziertes Bistro verwandelt. Als Erstes galt es die Statik des 1907 von Emil Vogt entworfenen Holzpavillons wieder herzustellen und den Bau gegen Hochwasser zu schützen. Eine Wanne aus Beton, die vom Boden bis unter die Fenster reicht, dichtet das Lokal im Inneren nun gegen einen Notfall ab. Die Fassaden haben die Architekten mit grossen Bogenfenstern durchgehend geöffnet, so dass man von der Strassenseite durchs Lokal aufs Wasser sieht. Diese Bogenfenster gab es bereits im Pavillon, doch neu durchsetzen sie die ganze Gebäudehülle. Als Gast wähnt man sich dadurch fast wie auf einem Schiff. Hinzugekommen ist über dem Wasser eine schmale Terrasse, die etwa 60 Sitzplätze bietet. Im Inneren ist der hundertjährige Zweckbau noch immer spürbar. Man sieht die Dach- und Holzkonstruktion – nichts wurde verkleidet. Ein frei im Raum platzierter Betonkörper nimmt alle Funktionen wie Technik und Toi-letten auf. Den Gastraum haben Dolmus Architekten zu etwa 90 Prozent mit nicht mehr genutzten Möbeln der SGV möbliert. Dies ergibt ein sympathisches und jugendliches Interieur wie in einer Studenten-WG, in der Tische und Stühle meist zusammengewürfelt sind. Drei grosse, vom Dach hängende Leuchter krönen den Raum visuell und tauchen ihn in regelmässiges Licht.
www.luzseebistro.ch
www.dolmus.ch

Der Klassiker und der Newcomer des gesunden Schlemmens

In Zürich gilt das Restaurant Hiltl seit jeher als der Ort für vegetarisches und gesundes Essen. Über Jahre ging man dorthin, weil das Essen schmeckte und die Selbstbedienungsauslage zu verführen vermochte – was nicht fürs Interieur galt. Dieses wirkte verstaubt und stand im Gegensatz zur herzhaften und vor allem für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Kost. Diese Diskrepanz zwischen Architektur und Angebot haben das jetzige Wirtepaar Marielle und Rolf Hiltl mit dem im Jahr 2007 fertig erstellten Umbau aufgehoben. Dieser wurde in Zusammenarbeit mit Oberholzer & Brüschweiler Architekten aus Küsnacht sowie der Innenarchitektin Ushi Tamborriello aus München durchgeführt. Das vergrösserte Lokal bietet eine überraschende Vielfalt an Raumstimmungen, die sich an der ebenso diversen Gästeschar und Nutzung (Bar, Lounge, bedientes und unbedientes Restaurant) orientiert. Die abwechlungsreiche Innenausstattung reicht von der opulenten Sitzgelegenheit unter einem klassischen Lüster bis zum zeitgenössischen Barhocker unter einer Leuchte im Stil der 70er-Jahre. Entstanden ist ein gemütlicher und bunter Stil- und Nutzungsmix, der das Restaurant ins 21. Jahrhundert führt und gleichzeitig die traditionellen Strukturen des Hauses bewahrt. Hiltl hat es mit seinem Umbau geschafft, gesunde und vegetarische Kost dermassen als Lifestyle zu etablieren, dass sich diesem nicht einmal Fleischliebhaber entziehen können.
www.hiltl.ch
www.wodb-arch.ch
www.tamborriello.de 

Dass gesunde Ernährung und schnelle Verpflegung kein Widerspruch sind, macht das junge Unternehmen Not Guilty vor. In seiner ersten Filiale beim Bahnhof Oerlikon – im Erdgeschoss eines Neubaus untergebracht – setzt der Erfinder des Konzepts, Roland Wehrle, auf tägliche Frische. Doch der Quereinsteiger geht noch einen Schritt weiter als andere Anbieter von gesundem Essen: Die Herkunft der Produkte ist oft Bio und womöglich Fair Trade. Die Gerichte bestehen allesamt aus natürlichen Zutaten und die Verpackungen sind mehrheitlich biologisch abbaubar. Die frischen Suppen, Salate, Säfte und Tees lassen sich also mit gutem Gewissen geniessen.
Die jugendliche, minimale und doch leicht augenzwinkernde Innenausstattung ist auf den urbanen Menschen ausgelegt, der seinen Zmittag oder Kaffee, ohne lange zu verweilen, einnimmt. Entworfen hat das Interieur das Büro Zachleder Design & Architektur aus Zürich in enger Zusammenarbeit mit Roland Wehrle. Eingerichtet ist der Raum übersichtlich und zweckmässig. Akzente setzen der Boden aus massiver Eiche, der Natürlichkeit vermittelt, die weisse Farbe von Wänden und Möbeln, die für Unschuld und Ehrlichkeit steht, und das Rot im Logo mit Engelsflügeln und im Schirm der Leuchten, das Leidenschaft kommuniziert. Im Frühsommer dieses Jahres soll in Oerlikon die zweite Not-Guilty-Filiale im Airgate eröffnet werden. Roland Wehrle dazu: «Im neuen Lokal sollen unsere Werte noch besser kommuniziert werden – auch in der Innenausstattung. Diese wird trotz gleichen Elementen mehr Wärme ausstrahlen.»
www.notguilty.ch
www.zachleder.ch 

Kosmopolitischer Stil im Unikat und im System

Confiserien sind traditionsreiche Institutionen. In fast jeder Schweizer Stadt gibt es ein Stammhaus, das von Einwohnern und Auswärtigen mit dem Ort in Verbindung gebracht wird. In Basel heisst diese Institution: Bachmann. An bester Lage zwischen Rhein und Marktplatz am Blumenrain vis-à-vis vom frisch sanierten Hotel Trois Rois gelegen, verfügt die Confiserie über ein herrschaftliches Haus im Stil des Historismus. Der Familie Bachmann war klar, dass es an der Zeit war, das traditionsreiche Haus ins Heute zu überführen. Zwei Anliegen lagen den Besitzern am Herzen: 1. das Lokal musste heller und transparenter werden und 2. die Eingriffe sollten wieder vermehrt eine jüngere Kundschaft anziehen und die Stammgäste zugleich nicht vergraulen.
Der Umbau wurde im 2009 vom jungen Architekturbüro HHF aus Basel durchgeführt. HHF haben einen Entwurf vorgelegt, der dem Geschäft ein frisches, elegantes, aber auch ungewöhnliches Gesicht verliehen hat. Ungewöhnlich ist dieses, weil es in seiner Farb- und Materialwahl in Weiss, Schwarz und Chromstahl eher an eine Bar als an ein traditionelles Café denken lässt. Es ist ein kühles und zurückhaltendes Ambiente, in dem erst die ausgestellten Köstlichkeiten und die Gäste mit ihren Kleidern Farbakzente setzen.
Die Architekten verweisen bei ihrem Entwurf auf italienische Bars, die oft mit einer metallenen Theke ausgestattet sind, an der man stehend seinen Kaffee mit einer Brioche oder einem Panino einnimmt. Besitzer und Architekten wollten Plätze anbieten, die für schnelle Besuche und von Gästen, die alleine unterwegs sind, genutzt werden – denn die Gewohnheiten der Cafégänger haben sich geändert.
www.confiserie-bachmann.ch
www.hhf.ch

Ebenfalls auf klare und zeitgenössische Eleganz ist die Corporate Architecture der Nespresso-Boutiquen ausgelegt. Gab es vor zehn Jahren erst eine solche Boutique, sind es heute in der Schweiz bereits 18 und weltweit um die 200. Verkaufte der Hersteller in seinen Läden zu Beginn vor allem die Kapseln und Maschinen für seinen portionierten Kaffee, hat er heute sein Konzept ausgedehnt. In den Lokalen soll nicht nur eingekauft, sondern auch verweilt werden. Denn dies bindet den Kunden an die Marke und durch die verlängerte Aufenthaltszeit hat dieser die Möglichkeit, den Käufern und Kaffeetrinkerinnen ihre Werte und neuen Produkte zu kommunizieren. So muss die integrierte Kaffeebar nicht als Gastrobetrieb reüssieren, sondern vor allem das Label Nespresso stärken. Entworfen hat die Corporate Architecture der französische Architekt Francis Krempp. Diese umfasst viel dunkles Holz für Boden und Wände, braune Ledersessel sowie grossflächige Glaspanele, die hinterleuchtet und mit Fotos von Produkten und Kaffeebohnen versehen, die Welt des Kapselproduzenten vermitteln. Genau wie bei den Modelabels erkennt man eine Nespresso-Boutique bereits von weitem – egal, ob sie sich nun in Südkorea oder in der Schweiz befindet.
www.nespresso.com

Ausgabe 2/2010

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