Ali, Hot-Dog-Verkäufer mit stoischer Ruhe
Weissbrot, Frankfurterwürstchen, Zwiebelsauce, Senf und Ketchup. «You want kraut?», fragt Ali und greift automatisch mit der Zange in den nächs-ten Behälter. «Yes, please», schliesslich macht das Sauerkraut den typischen New Yorker Hot Dog aus. Der Tourist tauscht seinen Dollar gegen den Imbiss und schlingt ihn in zwei Happen runter, während seine Freundin das Ganze filmisch festhält.
Die Essensstände gehören ebenso zum Strassenbild New Yorks wie die Skyscrapper und Yellow Cabs. Und sie haben sich parallel zum Wachstum der Stadt vermehrt. «Es ist nicht mehr wie früher», holt Ali aus, der seit 42 Jahren im Geschäft ist - länger als kaum jemand. An jeder Ecke winken die bunten Schirme, die an den mobilen Küchen angebracht sind, heute hungrige Passanten heran. 35 Hot Dogs, vielleicht vierzig, verkaufe er täglich, erzählt der 74-Jährige. «Es gab Zeiten, da warens zehnmal mehr.» Genug, um sich ein Häuschen auf Long Island zu leisten, den vier Kindern eine Ausbildung zu finanzieren und seiner Heimat Iran gelegentlich einen Besuch abzustatten.
Bis 1961 hatte Ali in der Region Aserbaidschan als Bäcker seine Brötchen verdient. Dann machte er sich mit seiner Frau auf zu neuen Ufern. In Amerika, dem viel gepriesenen Land, versprach er sich eine goldenere Zukunft. In seinem Metier konnte sich Ali allerdings nicht etablieren, weshalb er Chips und Nüsse für einen Unternehmer verkaufte, der kurz darauf Konkurs ging.
1968 übernahm Ali seinen ersten fahrbaren Stand und pries fortan original Frankfurterwürste für die Firma Sabrett an, die zusammen mit «Shofar» die meisten Stände leitet.
Der Schnellimbiss hatte sich bewährt. Zwar bietet er nicht die höchste Qualität, dafür den tiefsten Preis. Alle kehrten sie ein bei Ali – vom Mittellosen bis zum Geschäftsmann. «Heute sind es hauptsächlich Touristen», erzählt er. Bestimmt habe er Stammkunden gesammelt in den letzten Jahrzehnten? Ali winkt ab. Zu schnelllebig sei die Metropole, zu mannigfaltig ihr Angebot. Insbesondere an der Ecke Park Avenue/ East 47th Street, wo sich Ali seit zwanzig Jahren täglich installiert und mittlerweile auch Salzbrezeln, Getränke sowie seine persönliche Spezialität – Safranreis mit Hühnchen – offeriert.
Jeden Morgen steigt er in die Long Island Railroad, und an der Penn Station wieder aus. Nimmt die Subway an die 51 Strasse, wo er sein zwei auf ein Meter grosses Metallmobil in einem Parking eingemietet hat, und rollt es an den Platz, der ihm vom Gesundheitsdepartement zugewiesen worden ist. Ans Aufhören denkt Ali nicht. «Ich habe eine Familie zu ernähren», begründet er. Freundschaften mit der Konkurrenz hat er kaum geschlossen. Sie stammt aus aller Herren Länder wie etwa Octavian aus Rumänien, der seit 18 Jahren dieselben Würstchen eine Ecke weiter brät. Oder Mohammed aus Marokko, der eine Greencard gewonnen hat und auf eine Tellerwäscherkarriere hofft. «New York lässt keine Zeit für Familiäres zu», sagt Ali, ohne seine Wahlheimat missen zu wollen.
Mit stoischer Ruhe steht er bei jeder Witterung in Midtown Manhattan, sechs Tage die Woche, von 10 bis 16 Uhr. Und noch etwas anderes hat sich der gelassene Iraner in seiner blauen Schürze bewahrt: Seine Hot Dogs kosten nach wie vor einen Dollar, während die Konkurrenten den Preis in den letzten Jahren angehoben haben. Denn satt macht ein einziger heisser Hund nicht, weiss Ali, der sich zwischendurch selbst eine Wurst ins Brötchen klemmt.
Auch der Appetit des Touristen mit der filmenden Freundin ist noch nicht gestillt. Er bestellt sich einen weiteren Hot Dog, den Ali behände zubereitet, während seine Küche mit dem Qualm, den die Subway durch die Strassendeckel ausspuckt, um die Wette dampft. ■
Ausgabe 2/2010

