Am Berg der Wahrheit
Es gibt sie noch, die Häuser, deren Mauern Geschichten in sich tragen, die man nie oder nur bedingt darin vermutet. Geschichten von ausdauernden Wirten, hochwohlgeborenen Gästen, von Anarchisten und geheimen Kriegstreffen. Salz&Pfeffer hat vier Geschichten von vier Schweizer Gaststätten aufgestöbert.
Alice Senn-Berchtold, Bärenwirtin a. D. und Zeitzeugin.
Der Monte Verità, der Berg der Wahrheit, ist ein Wahrzeichen von Ascona, welches in bestimmten Kreisen bis heute als einer der wichtigsten Orte des Aufbruchs, der Veränderung und der kulturellen Entwicklung des 20. Jahrhunderts gilt. Ein Ort der Kraft, ein Ort, wo struppige Weltverbesserer der Sonne entgegen tanzten, wo ein richtiger Baron über Nazigold stolperte, wo sich die mondäne Gesellschaft zur Mitsommernachtsfeier traf, wo das Mäzenatentum blühte und weltberühmte Kunstwerke entstanden und gezeigt werden bis heute.
Am Anfang war die Idee einer besseren Welt und einer neuen Lebensart. Einige deutsche Idealisten, die weniger von materiellen denn von ideellen Problemen bedrängt wurden, entdeckten den Kraftplatz ob Ascona. Freie Partnerschaften, fleischlose Kost, Musik, Tanz, Kultur in jeder und neuer Form standen auf dem Programm. Man grub eigenhändig, nackt und bärtig den Garten um. Erste Holzhütten entstanden auf dem Hügel Monescia, der erst später den Namen Monte Verità erhielt. Freigeis-ter verschiedenster Provenienz trafen und versammelten sich dort, Anarchisten, Bohèmes und Künstler, Dichter und Philosophen. Grosse Namen! Unterwegs auf den uralten Spuren der Frage nach dem Sinn des Lebens.
Aber schon bald zerstritten sich die Gründer, das Gelände wurde zum Verkauf angeboten und einer, der gerade in einer Lebens- und Sinnkrise steckte, erlaubte sich den Scherz, die Hälfte der geforderten Verkaufssumme zu bieten. Baron Eduard von der Heydt erhielt den Zuschlag fast ungewollt. So kam ein vermögender Bankier und Weltbürger 1926 in das kleine Dorf am See. Er verkehrte mit dem exilierten deutschen Kaiser in Holland, war Mitglied der NSDAP, Geldverwalter der deutschen Abwehr und Freund von Nazigrössen, Kunstsammler und Mäzen. Eine etwas zwielichtige Gestalt einer Jetset-Welt in Krieg und Frieden. Doch ein Macher war er. Er stellte oberhalb von Ascona eine ganze Welt auf die Beine, die den braven Tessiner Seebewohnern eher unheimlich war. Ein exklusiver Ort, wo sich Industrielle und Politiker der deutschen Gesellschaft tummelten. Unter seiner Regie und mit seinem Geld entstand das Hotel auf dem Berg der Wahrheit, im damalig revolutionären, topmodernen Bauhaus-Stil.
Der Zweite Weltkrieg bremste die Aktivitäten, das Hotel musste zeitweilig schliessen, der Baron widmete sich vermehrt obskuren Bankgeschäften, die ihm später ein Ermittlungsverfahren der Schweizer Behörden bescherten. Man vermutete, dass ein Goldschatz auf dem Berg versteckt war. Nazigold! Von der Heydt wurde in einem fragwürdigen Prozess freigesprochen. 1964 verstarb er und vermachte Park, Kunstsammlung und Hotel dem Kanton Tessin mit der Auflage, die kulturelle Bedeutung zu erhalten und zu pflegen. Der Kanton kam dieser Aufgabe nur bedingt nach. Man wusste nicht so recht, was anzufangen mit dem Nachlass des Bankiers. Das Hotel war in den roten Zahlen, Projekte wurden zerredet und dann, 1989, befreite sich der Kanton von der Verantwortung, eine Stiftung wurde gegründet, welche die 75000 Quadratmeter mit Bauten, Park, Wald und Maus übernahm. Die ETH Zürich, zu 40 Prozent an der Stiftung beteiligt, führte ab und zu Seminare durch, doch noch immer kam das Ganze nicht richtig in Schwung. Dann kam 2002 ein neuer Direktor und mit ihm Konzepte, Ideen und … wie es sich für diesen Ort gehört, ... eine «neue Utopie für den Berg».
«Willkommen im Paradies» lautet das Motto unter der Leitung von Claudio Rossetti, der vom Kurator bis zum Hoteldirektor eine ganze Palette von gastgeberischen Aufgaben in sich vereinigt. Ein Museum entsteht, die bestehenden Kunstwerke, Anlagen und Bauten müssen sorgfältig renoviert werden. Im Park ist ein Rundgang angelegt, das Restaurant bietet ein internationales Angebot mit leichtem Schwerpunkt vegetarischer Kulinarik, ein Forum für Menschenrechte, für Visionen, für Begegnungen wurde ins Leben gerufen. Das Hotel ist in Betrieb, private Gäste können empfangen werden, Kongresse, Seminare finden statt. Nicht nur das kulturelle Erbe soll gepflegt werden, sondern Raum für weitere Entwicklungen wird gegeben. Ein Zitat von Peter Amendt, einer von einigen Leitsätzen: «Nur wer die Wurzeln kennt, weiss um die Kraft der Zweige.»
Wer heute eines der grosszügigen Zimmer bezieht, geniesst eine atemberaubende Sicht auf den Lago Maggiore, auf die beeindruckenden Berge. Der poetische Ausdruck «trunken sein von Licht» bekommt hier eine buchstäbliche Bedeutung. Und man versteht, warum der alte Hügel Monescia sich zum Monte Verità wandelte und heute auch noch den Beinamen Monte Visione erhalten hat.
In Stein gehauen – Andeer
Wer sich mit dem Fahren von Motorrad oder Oldtimer so richtig Vergnügen machen will, und wer dafür eine Strecke sucht, die sowohl landschaftlich als auch strassentechnisch etwas zu bieten hat, der sollte sich die alte Route über den San Bernardino vornehmen. Man kann es sich einrichten, dass man zur Mittagszeit in der Gegend von Andeer ist, dort «wo’d Stras de Boge macht», beim Gasthaus Rofflaschlucht. Einladend. Zum Mittagessen empfiehlt sich eine Forelle. Und wenn man nicht draussen sitzt, sondern in der «hölzigen» Gaststube, dann merkt man bald, dass es hier nicht Alltägliches zu erfahren gibt. Zum einen sind da die schon fast abstrakt anmutenden, geschnitzten Helgen an der Wand, die eine Geschichte von Fels und Wald und Wasserfall erzählen, zum anderen erspürt die Hand das Tischtuch, welches sich in seiner Konsistenz so anders anfühlt. Selbstgewoben! Und wer genau schaut, der sieht jetzt auch die Hinweise zum Wasserfall.
Der Rasthof Rofflaschlucht an der Alpentransversale geriet nach Eröffnung der Eisenbahnlinie durch den Gotthard im Jahre 1882 in arge geschäftliche Schwierigkeiten. Bis zu dieser Zeit bewirtete die Familie Melchior bereits in der zweiten Generation die Säumer und Reisenden auf dem Weg nach Italien. Und mancher Säumer versoff hier das verdiente Geld, bis der Pfarrer von Andeer die misslichen Verhältnisse im Rasthof anprangerte. Aber eben, mit den Geschäften ging es bergab, Schmalhans war Küchenmeister. Die Armut in der Gegend wuchs und es kam so weit, dass die Gemeinde auswanderungswilligen, jungen Leuten die Reise nach Amerika bezahlte. Der Wirtesohn Christian Pitschen Melchior nutzte die Gelegenheit, mit seiner Frau wanderte er aus nach New York. Die Eltern blieben. Man hatte keine grossen Hoffnungen sich wiederzusehen.
Christian verdingte sich als Diener, begleitete seine Herrschaft bis zu den Niagarafällen und dort, das Heimweh nach den Bergen wird das seine dazu getan haben, kam ihm die Idee, den Wasserfall zuhause in der Rofflaschlucht Touristen zugänglich zu machen. Es dauerte noch einige Jahre, bis das Geld für die Heimfahrt gespart war, und dann dauerte es sieben harte Winter, in denen Christian die Zukunft in den Fels sprengte. 8000 Mal sprengte er, 8000 Sprenglöcher bohrte er von Hand, bis die Galerie durch den Fels geschlagen war, bis zum Wasserfall und unter diesem hindurch. Unter dem Rhein notabene. Natürlich fehlte es nicht an Mitbürgern, die das ganze Vorhaben als «Spinnerei» abtaten, und die wenigsten teilten die Vision des Gastwirtes der nicht «lugg» liess. 1914 war der Felsenweg eine Tatsache, war das, was er bis heute geblieben ist, ein schmaler Steg in einer tosenden Schlucht, zum Staunen. Doch der Grosse Krieg war nicht tourismusfördernd, kaum erholte sich die Welt von dieser Katastrophe und es wieder ein wenig aufwärtsging, geriet Europa zum zweiten Mal in den Mahlstrom eines Weltkrieges. Doch das Gasthaus Rofflaschlucht blieb bestehen, drei weitere Generationen Melchiors führten den Betrieb.
Im Winter ist zu, Tischtücher werden gewebt, notwendige Renovierungen ausgeführt. Das Gut an der steinernen Brücke, dessen zentraler Teil bereits seit 1639 besteht, ist mit der Zeit gegangen. Warmwasser wird heute mittels Solarzellen aufbereitet, eine Holzschnitzelheizung sorgt für umweltfreundliche Wärme, eine eigene Wasserver- und entsorgung besteht. 1989 kam dann auch die Anerkennung von aussen. Die Felsengalerie wurde als Tourismusweg Roffla für national bedeutsam eingestuft. Ein kleines Hausmuseum erinnert an dessen Entstehung.
11 Zimmer führt das Hotel Rofflaschlucht, die Übernachtungsgebühren sind moderat, die Zimmer schön und heimelig und wer dort übernachtet, darf den Felsenweg gratis begehen. Für den eiligeren Motorradfahrer, der den Wasserfall doch noch anschauen möchte, bevor er weiterbraust, ist ein kleiner Obulus fällig. Im Restaurant gibt es, neben der anfangs erwähnten Forelle, Hausspezialitäten vom Biorind oder eine ganze Palette von Röstivariationen. Die Wirtin und der Wirt sind persönlich anwesend. Doris und Fluregn Melchior-Lanicca wirten seit 1995 in der fünften Generation. Drei Kinder hat die Familie und es scheint, als ob die Nachfolge gesichert ist.
Noblesse oblige – Solothurn
Eine Krone ist etwas Besonderes und schmückt bekanntlich adelige Häupter. So wie die Krone in Solothurn die Altstadt schmückt, seit pilgergrauen Vorzeiten. Damals war sie noch eine Pinte und Solothurn vor allem ein Wallfahrtsort. Dem Dom schräg gegenüber lag das Haus, bereits 1418 Herberge mit Wirtschaft, Stallungen. Unterkünfte für Mensch und Tier.
Es gibt viele Berichte und Dokumente aus der Geschichte Solothurns die Ross und Reiter benennen. Oder Wirte und Gäs-te. Die Besitzer der Krone waren wichtige Mitglieder der Solothurner Bürgergemeinde, die ihr Geld aus den Söldnerzügen im Dienste der Franzosen nach Hause brachten. Überhaupt waren die Franzosen massgeblich beteiligt am Wohlstand des Städtchens. Die Reisläuferei florierte und vor der Krone versammelten sich Mannschaften, während die Offiziere sich drinnen einen Umtrunk leisteten. Die französischen Ambassadoren in der Zeit der alten Eidgenossenschaft hatten ihren Sitz in Solothurn. Über 250 Jahre lang bis 1792. Man trank gerne einen guten Tropfen aus dem Lavaux. Und nicht zu knapp. «Être chargé pour Soleure» ist ein Ausspruch, der noch heute in der Romandie für den Zustand von Trunkenheit verwendet wird. Die Sitten waren vielleicht etwas lockerer, man raufte sich auch mal und Ehrenhändel wurden untereinander mit Schwert und Degen ausgetragen. Doch zu weit treiben durfte man es nicht, sonst wurde einem der Kopf abgehauen, just auf dem Hauptplatz, wo man aus dem ersten und zweiten Stock der Krone zuschauen konnte. Davor gab es die Henkersmahlzeit und danach für die gnädigen Herren und Oberen, wenn man schon da war, ein französisch ausgerichtetes Mahl. Glänzende Empfänge fanden statt, auch die eidgenössischen Tagsatzungen von und zu Solothurn im 18. Jahrhundert waren keine bescheidenen Bauernversammlungen mehr, sondern prunkvolle Aufzüge, bei denen der Ambassador der Franzosen schon mal Geld unters Volk werfen liess. Man hatte es ja!
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 2/2010

