Da! Wo? Schon vorbei!

Nicht ganz so, aber fast, verlief der Besuch der österreichischen Arte-Fernsehköchin Sarah Wiener in der Schweiz. Ein komprimiertes Programm in Luzern und Zürich anlässlich der Promotion einer neuen Produktelinie. Fotograf und Schreiber von Salz&Pfeffer haben sie dabei getroffen und die Gelegenheit genutzt nachzufragen. Nach dem Kochen, Reisen, Arbeiten, Tun und Lassen von einer, die das Licht der Öffentlichkeit selten scheut.

Text: David Höner / Titelbild: Marcel Studer

Sarah Wiener, geboren 1962, ist eine österreichische Köchin und Unternehmerin. Sie leitet drei Restaurants und einen Event-Catering-Service. Mit ihrer Kochserie auf ARTE «Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener» ist sie einem grösseren Publikum bekannt geworden. Sie hat 2007 eine Stiftung «Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen» gegründet, engagiert sich für artgerechte Tierhaltung und gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel. Als Autorin veröffentlichte sie mehrere Kochbücher. Die neueste Staffel ihrer Kochsendung führt dieses Mal in die Alpen. Sarah Wiener ist verheiratet mit dem deutschen Schauspieler Peter Lohmeyer und lebt in Hamburg und Berlin. Salz&Pfeffer traf Sarah Wiener anlässlich einer Promotionstour der neuen Bio-Linie von Globus «globus organic», für welche sie als Patin einsteht.

Salz&Pfeffer: Heute Morgen Ostermenu Luzern, heute Abend ein Essen mit Journalisten hier in Zürich. Es wird durchgekocht?
Sarah Wiener: Das Menu ist von mir, aber ich koche heute Abend nicht selbst. In Luzern bin ich noch nicht mal zum Herd gekommen. Da waren jede Menge «Hardcore-Fans», die mit mir reden wollten. Ich finde das nett. Da war zum Beispiel eine Mutter, die ihren Jungen aus der Schule genommen hat, um herzukommen. Er ist halt ein Fan von mir und hat meinetwegen angefangen zu kochen. Ich freue mich sehr über dieses Echo. Da kommen sogar Leute, die alle Sendungen mit mir gesehen haben. Erstaunlich! Die wollen natürlich auch mal angelacht werden. Da kann ich mich dann nicht hinter meinen Töpfen verstecken.

Von Verstecken kann keine Rede sein. Wer im Internet sucht, findet viel Wiener Restaurants, Fernsehsendungen, Bücher, öffentliche Auftritte. Wie funktioniert das?
Wiener: Je nachdem. Manchmal mit hängen und würgen, manchmal souverän.

Gibt es in der Sarah Wiener GmbH auch Mitarbeiter?
Wiener: Natürlich, jede Menge; inzwischen sind es mehr als 100 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist ja schräg gewachsen, ich habe ganz alleine angefangen und bin auch keine studierte Unternehmerin. So ist es eigentlich immer ein «gerade – jetzt»-Zustand, der sich ständig bewegt. Hier floppt was hoch, hier geht was ein! Ich habe zwei Geschäftsführer, eine Frau und einen Mann, in jedem der drei Restaurants einen Restaurantleiter, je einen Chefkoch, und noch einen Chefchefkoch, der Chef über alle Chefköche ist. Ich bin deren Chefchefchefin (lacht).
Es gibt einen ganzen Stamm von Leuten, der sich mit kalten und warmen Buffets beschäftigt, es gibt selbstverständlich eine Büroleitung der GmbH und für mich persönlich, die alles Notwendige organisiert.

Sie sind treibende und kreative Kraft?
Wiener: Ich baue gerne auf, habe Ideen, die ich umsetze. Dazu brauche ich aber Mitdenker, Mitentwickler um mich herum, die mir helfen, die Sachen weiterzuverfolgen. Mich reizt es, den Berg weiter hochzugehen. Dazu brauche ich die, die mich unterstützen und auch mal bremsen. Dazu kommt, dass ich ganz schlecht mit Geld umgehen kann. Das muss man mir abnehmen.

Es gibt die Unternehmerin, die Köchin, die Schriftstellerin, die Schauspielerin, die Reisende, den Foodscout. Welche von diesen Aufgaben entspricht Ihnen am meisten?
Wiener: Ich bin sehr gerne zu den Produzenten der Lebensmittel, die in den Sendungen von Arte, unterwegs, um andere Kochwelten zu entdecken. Ich glaube, das ist meine liebste Tätigkeit. Mich überraschen zu lassen, zu lernen. Ich bin sehr neugierig.

Was führt Sie eigentlich in die Schweiz?
Wiener: Ich habe eine natürliche Affinität zur Schweiz. Hier hatte und habe ich meine besten Freunde und auch meine erste, zarte Liebe war ein Schweizer. Das bleibt. Auch gibt es die neue, kulinarische Entdeckungsreise durch die Alpen auf Arte. Da rückt die Schweiz natürlich wieder sehr nah zu meinem Herzen.

Das Schweizer Fernsehen ist aber kein Thema?
Wiener: Ich war mal als Gast bei Al dente. Ich würde gerne mal mit dem Fernsehen hier arbeiten, bisher hat mich aber noch keiner gefragt. Wer weiss …?!

Diesmal kommen sie als Werbeträgerin, als Botschafterin für eine neue Produktelinie der Globus Delikatessa?
Wiener: Ich bin keine Werbeträgerin, und Botschafterin ist vielleicht etwas übertrieben. Ich bin eher eine Art Patin. Wir haben einige Gemeinsamkeiten. Klar, ich bin eine Einzelperson, Globus ein Warenhaus. Aber die Idee, qualitativ hochstehende, biologische Produkte aus regionalen Kleinbetrieben zu fördern, gefällt mir sehr. Da kann ich etwas damit anfangen.

Sie sind also nicht dem Globus verpflichtet?
Wiener: Ich bin niemandem verpflichtet. Schauen Sie, ich behaupte, dass meine Kochsendung auf Arte die beste der deutschsprachigen Fernsehwelt ist. Das ist letztendlich interessanter und auch weiter gestreut als eine Warenhauskette, das ist einfach so! Der Globus ist etwas Besonderes. Toll, das bin ich auch mit meinen Dingen.
Nun ja, der Globus ist nicht das Lädeli an der Ecke, sondern angeschlossen an das grösste Detailhandelsunternehmen der Schweiz.

Kleine Produzenten haben kein eigenes Label, sondern werden in einer Produktlinie vereinheitlicht. Geht da nicht etwas Wichtiges verloren?
Wiener: Diese Diskussion habe ich mit den Verantwortlichen auch geführt. Wie ist das denn? Werden die Produzenten abhängig gemacht von einer Vertriebsstruktur? Nun, ich sehe die Problematik. Es ist ein Grundproblem jedes Grossverteilers. Einerseits entstehen solche Abhängigkeiten und doch gibt es auch die kleinen Produzenten, die sie mit ihrer Plattform fördern, sozusagen zu einem sicheren Einkommen verhelfen. Gestern sprach ich mit einem Produzenten, den ich sehr liebe. Ludwig Hatecke macht unter anderem wunderbare Würste, ein ganz toller Metzger aus dem Engadin. Er sagt, dass er die Möglichkeit bei Globus nutzt, seine Produkte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und zu vermarkten, langsam zu wachsen.

Er verkauft unter seinem eigenen Namen. Immerhin bleibt ihm die unternehmerische Unabhängigkeit erhalten?
Wiener: Ja, natürlich bleibt die Unabhängigkeit auch dem kleinen Produzenten immer erhalten. Doch die Frage bleibt. Wie gierig bist du als kleiner Produzent mit einem Superprodukt? Da kommt der Globus oder sonst einer und sagt: «Ich garantiere dir eine Steigerung um 200 Prozent, ich nehme dir alles ab! Nur musst du’s halt umbenennen.» Da kann ich immer noch nein sagen und nicht mitmachen. Globus macht keine exklusiven Verträge mit den Produzenten, um Abhängigkeit zu vermeiden, und legt im Internet alles offen.

Sie glauben also an ein Bedürfnis nach dieser Bio-Linie?
Wiener: Es gibt Gründe dafür, dass wir das essen, was wir essen. Es gibt auch Gründe, wieso Globus «goes bio». Das Bedürfnis nach dem Guten, dem Wahren. Die Welt ist böse, wir wissen gar nichts mehr, wir kuscheln uns ein, wir haben den regionalen Bezug, wir schützen das Eigene, wir wollen Handwerk, das ist doch völlig in Ordnung.

Und da gibt es keine Alternative?
Wiener: Vielleicht bin ich naiv. Es gibt da einen, der sagt: «Es können nicht alle Zeit haben zum Kochen und deshalb braucht’s Maggi.» Und dieser, der das sagt, ist ein Koch. Eigentlich gehört ihm eine links und eine rechts gescheuert. Diese Leute führen das Kulturgut Essen zum Bodensatz einer Wertschätzung. Da lass ich es auch nicht gelten, von den armen Menschen zu reden, die kein Geld hätten und daher Mist essen sollen. Sag ich: «Schatz, lern ein bisschen kochen und es ist zehnmal billiger, weil an dem Suppenwürfel wollen noch zehn Leute mitverdienen.» Was ist bitte drin, wenn es dann nur ein paar Cents kostet? Das ist doch ein grosser Betrug. Und dann sagt mir noch ein Koch Obiges, der aufgrund seiner Profession eine besondere Achtsamkeit gegenüber Lebensmitteln und den Tieren haben sollte. Der aber natürlich Geld verdienen will.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 3/2010

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