Vitamine und ihr Marketing
Functional Food und Vitaminpillen stehen bei vielen Konsumenten auf dem täglichen Speiseplan. Ob zu Recht, das wollte Salz&Pfeffer wissen und ging der Frage nach, welche Nährstoffe und Vitamine im Mittagsmenu der Restaurants stecken.
Definition Functional Food laut Bundesamt für Gesundheit: «Functional Food sind Lebensmittel mit einem spezifischen Zusatznutzen, der über den ernährungsphysiologischen Nutzen der darin enthaltenen Nährstoffe hinausgeht.» Weiter schreibt das BAG: «Functional Food kann eine bewusste Ernährungsweise im besten Fall sinnvoll ergänzen. Keinesfalls können damit gravierende Ernährungsfehler behoben werden. Eine einseitige Ernährung kann auch mit einem erhöhten Konsum solcher Produkte nicht ausgeglichen werden.»
Vitamin C hilft gegen Grippe, Vitamin A ist gut für die Augen und Omega-3-Fettsäueren für das Herz. Dazu kommt eine gehörige Portion Milchprodukte für die Gedärme. Alles am besten ganz kompakt in einem Lebensmittel oder halt in Pillen- oder Pulver-Form. Möglichst schnell und praktisch. Die Werbung macht’s vor, Konsument macht’s nach.
Salz&Pfeffer ist der Frage nachgegangen, ob die zusätzlichen Vitamine und Mineralstoffe in Pillen oder angereicherten Lebensmittel überhaupt nötig sind. Marion Wäfler, Ernährungsberaterin HF bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE hat für uns untersucht, wie weit ein Menu im Restaurant den täglichen Bedarf eines Erwachsenen abdeckt. In einer Berechnung hat sie die Inhaltsstoffe eines Mittagsmenus von Arno Sgier vom Restaurant Traube in Trimbach erörtert.
Wäfler hat das Rezept einer Bärlauchsuppe unter die Lupe genommen, zu welcher sie aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ein Vollkornbrötchen servieren würde. Zudem hat sie die Hauptspeise, Badische Spargeln mit Ricottaravioli und Lomo di Jabugo analysiert. Ihr Fazit: «Die Nährstoffverteilung des gesamten Menus enthält etwas viel Fett und Eiweiss, dafür tendenziell zu wenig Kohlenhydrate. Das kann aber mit dem Frühstück und Abendessen ausgeglichen werden und ist daher nicht weiter problematisch. Die Abdeckung der Mikroelemente wie Vitamine und Mineralstoffe liegt zwischen 20 und 60 Prozent, was für eine einzelne Mahlzeit gut ist.»
Wie viel Nährstoffe ein Mensch braucht, ist alters- und geschlechtsabhängig. Die Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr der Schweizerischen, Österreichischen und Deutschen Gesellschaften für Ernährung geben dafür wichtige Anhaltspunkte. Diese Angaben schliessen jedoch spezielle Bevölkerungsgruppen wie Leis-
tungssportler oder kranke Personen aus.
Ein Mittagsmenu im Restaurant Traube in Trimbach liefert einem also bereits 20 bis 60 Prozent der täglich benötigten Vitamine und Mineralstoffe sowie einiges an Nährstoffen. Ein Fallbeispiel, das wahrscheinlich auch für andere Mittagsmenus in unterschiedlichen Lokalitäten in etwa zutrifft, in denen die Speisen frisch zubereitet und nicht lange warmgehalten werden. Trotzdem greifen viele Schweizerinnen und Schweizer auf zusätzlich mit Vitaminen oder Mineralien angereicherte Lebensmittel, so genannten Functional Food, zurück oder verabreichen sich die Mikroelemente in Pillenform. Ist dies nötig?
«Nein, wer gesund ist und sich ausgewogen ernährt, der braucht keine künstlich angereicherten Lebensmittel oder nahrungsergänzende Präparate. Unser Ziel ist es, die Bevölkerung zum Umdenken zu bewegen, sie zu ermutigen, dem Essen als Ritual wieder einen höheren Stellenwert zu geben und natürliche und frische Lebensmittel zu konsumieren. Das Problem löst man nicht, indem man einfach eine Pille schluckt oder einen Saft trinkt, der mit künstlich zugesetzten Vitaminen angereichert ist», sagt Ernährungsexpertin Wäfler. Sie plädiert für eine gesunde, ausgewogene Ernährung nach der SGE-Lebensmittelpyramide.
Vitamine im Kopf
Wissenschaftlich konnte bisher noch nicht stichhaltig bewiesen werden, dass künstlich zugesetzte Vitamine in Lebensmitteln einen positiven gesundheitlichen Effekt haben. Trotzdem werden vitaminreiche Pillen und Pülverchen sowie angereicherte Lebensmittel von zahlreichen Schweizern konsumiert. Dies, weil das Gesundheitsbewusstsein in unseren Breitengraden in den letzten Jahren gestiegen ist, und weil in den Köpfen tief verankert ist, Vitamine (auch künstliche) seien gesund.
Im Rahmen des Aufbaus einer schweizerischen Nährwertdatenbank wurde die Anzahl der angereicherten Lebensmittel (Functional Food) im deutsch-schweizerischen Lebensmittelmarkt erfasst. Im Jahr 2002 existierten bereits 452 mit Nährstoffen angereicherte Produkte auf dem Markt, wovon 409 mit Vitaminen und/oder Mineralstoffen angereichert waren. Die restlichen 43 Lebensmittel waren mit probiotischen Bakterien, Nahrungsfasern, Inulin, Fructo-Oligo-Saccharide, n-3-Fettsäuren oder Phytos-terole versehen. Fast die Hälfte aller Produkte enthielten künstliches Vitamin C, vor allem Getränke und Fruchtsäfte, Frühstückscerealien sowie Süssigkeiten.
Welche Wirkungsbereiche künstliche Vitamine wirklich haben, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Zwei Mitverfasser des schweizerischen Ernährungsberichtes, Monika Wälti und Sabine Jacob beurteilen den Konsum von angereicherten Produkten nicht in jedem Fall als sinnvoll. «Denn die Menge an zugeführten Nährstoffen muss in einem richtigen Verhältnis zur aufgenommen Energie stehen», schreiben sie. Eine Überdosis gewisser Vitamine kann gar schädliche Folgen haben.
Der Dozent an der ETH Zürich und Leiter des «Swiss Food Information Resource»-Projekts, Paolo Colombani geht in seinem neuen, aktuell sehr populären Buch «Fette Irrtümer, Ernährungsmythen entlarvt» davon aus, dass nicht einzelne Inhaltsstoffe der Nahrungsmittel für die menschliche Gesundheit verantwortlich sind, sondern deren Kombination. Die Erkenntnis entnimmt er den neusten wissenschaftlichen Studien: «Die Funktionen der einzelnen Vitamine müssen wir hier nicht diskutieren und im Prinzip auch nicht kennen. Es genügt zu wissen, dass jedes Vitamin auf vielen, auf sehr vielen verschiedenen Stoffwechselwegen mehr als eine wesentliche Rolle spielt.» Zu den langfris-tigen Auswirkungen, welche der Konsum von angereicherten Lebensmitteln haben wird schreibt Colombani in seinem Buch: «Sobald irgendwelche Nährstoffe oder Zutaten in einer in der Natur nie da gewesenen Kombination miteinander vermengt werden und daraus ein neuartiges Nahrungsmittel entsteht, muss einfach die Frage erlaubt sein, wie der Stoffwechsel damit umgehen soll.»
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 3/2010

