Nudelsuppe bei Văn

Text: Anemi Wick

Click, click, click. Am Anfang fand ich dieses Geräusch ziemlich verstörend. Das Geräusch, wenn Văn mit der Schere die Krallen von den Hühnerfüssen wegschneidet. Die Füsse werden gekocht serviert, mit ein bisschen Dill und Pfeffer, Salz und Limettensaft. Aber hauptsächlich serviert Văn die traditionelle Nudelsuppe mit Rindfleisch, «Phở Bò» heisst sie auf Vietnamesisch.

Mit einer plastikbehandschuhten Hand greift Văn tief in die Metallschüssel voller kalter, weisser Reisnudeln. Dunkle Dauerwellen fallen ihr ins Gesicht. Sie schneidet das Rindfleisch in Scheiben, legt es in ein Sieb und taucht es kurz in den Topf mit heisser Brühe. Eine gute Prise Geschmacksverstärker dazu, Kräuter, Frühlingszwiebeln, Brühe drüber, ein bisschen Fischsauce, fertig.

Văns Nudelsuppe ist weder besonders gut noch besonders schlecht. Ihre Nachbarn, direkt daneben, servieren Dinge, die vermutlich gleich schmecken. Ich weiss es nicht. Sie haben die genau gleichen kleinen gelben Plastikstühle an genau gleichen Plastiktischchen. Alles, was funktioniert, wird kopiert, eins zu eins. Alles. In Hanoi gibt es zum Beispiel eine Strasse mit einem Dutzend Läden, die alle die gleichen Hochzeitsankündigungskärtchen verkaufen.
In Văns kleinem Strassenrestaurant hängt ein Bild von ihr im Hochzeitskleid, sie steht neben ihrem Ehemann, umringt von ihrer Familie, Schwestern, Cousinen. Alle sind hier, in Văns Strassenrestaurant, und ihre drei Töchter servieren manchmal Suppe.

Hier in meiner Strasse zwischen der Deichstrasse und dem Roten Fluss spricht niemand englisch, und Fremde kommen hier nur selten hin. Văn versteht mich meistens, sie hat sich an mein schlechtes Vietnamesisch gewöhnt, und zum grössten Teil verstehen wir uns ohne Worte. «Văn», hat mir mal jemand erzählt, bedeutet «Literatur». Văn ist die Einzige, der es auffällt, wenn ich beim Coiffeur war. Sie ist 39 Jahre alt, dies und ihre Verwandtschaftsverhältnisse hatte ich erfahren, als ich einmal mein Vietnamesisch-Lehrbuch zum Suppe-essen mitgebracht hatte.

In meiner Phở Bò, die ich jetzt esse, ist das Fleisch noch ein bisschen rot, wie meistens. Davor wird in Broschüren für Touristen gewarnt, vor schlecht gekochtem Fleisch. Durchfall, Lebensmittelvergiftung. Vergangene Woche hatte ich eine englische Broschüre gestaltet über Parasiten, die man sich in Strassenküchen holen kann. Es gibt welche, die pro Tag 200000 Eier produzieren, und Würmer, die einen Meter lang werden können.

Einmal wollte ich zu Hause essen, ich hatte einen Plastikbehälter mitgebracht, um mir eine Mì xào zu holen, ein Nudelgericht mit Fleisch und Gemüse. Văns kleiner Sohn, er ist sechs Jahre alt, hatte sich mein Gefäss über den Kopf gestülpt und es in die Küche getragen. Ich hatte ein bisschen geseufzt. In Hanoi wurde ich noch nie krank.

Ich träufle Limettensaft in meine Phở Bò und denke an nichts, höre das Brummen der Mopeds, die an mir vorbeifahren. Bis 23 Uhr ist es auch in den kleinen Nebenstrassen Hanois immer sehr laut. Văns Strassenküche hat fast immer geöffnet, und Văn ist eigentlich immer da. Phở Bò wird von den Einheimischen meist bei Sonnenaufgang zum Frühstück gegessen. Manchmal sehe ich Văn um 3 Uhr nachts, und dann frage ich mich immer, ob sie noch wach ist, oder schon wach.
Văns Suppe ist teurer geworden, vor ein paar Monaten hatte sie noch 15000 Dong verlangt. Jetzt kostet sie 17000 Dong, das sind ungefähr 0,95 Schweizer Franken. Văn nimmt das Geld mit der Hand mit dem Plastikhandschuh und holt das Rückgeld aus dem Bauchtäschchen. ■

Ausgabe 3/2010

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