Jura erleben

Das Gequake des Glockenfroschs beruhigt, der zarte Froschschenkel beunruhigt – oder ist es umgekehrt? Der Jura ist voller Widersprüche. Nicht nur auf dem Teller. Jura fasziniert oder langweilt. Je nach Sicht der Dinge.

Text: Martin Jenni / Fotos: Marcel Studer

Wenn der Süden lockt, der Beton drückt, der Mund trocken wird, wenn sich langsam die Ferienlust in Frust verwandelt, dann sitzt der westwärts Reisende entspannt beim Absinth in der Dorfbeiz. Der Jura ist staufrei und einfach zu erreichen. Mit dem Velo oder Solex, zu Fuss, mit dem Zug, Motorrad oder Automobil geht’s ab in die Provinz. Vorbei an Weiden mit Kühen, an Weiden ohne Kühe, an Dörfern, Kirchen und Beizen. So geht das.

Eine Zug- oder Autostunde von Basel liegt im Bezirk Clos du Doubs die pittoreske Kleinstadt Saint-Ursanne. Aus den Häusern duftet es nach Geschichte, Historie, Melancholie und Mystik. Und nach gebratenen Forellen. Zahlreiche Restaurants buhlen um die Gunst der Touristen.

Mich zieht es in die Höhe von Epauvillers, ins «Chez le Baron». Eine verwitterte, patinierte Gaststätte, die auf den ersten Blick nicht zum Verweilen einlädt. Ist man erst einmal in der guten Stube, staunt man über die zahlreichen Standuhren. Von jeder Uhr kündet der Glockenschlag eine andere Zeit an. Wer hier nicht mit dem eigenen Zeitmesser kommt, verliert das Zeitgefühl. Und eine Wein- und Menukarte gibt es auch nicht. Madame bringt ihre Flaschen gleich an den Tisch und sagt, was Sache ist und was die Küche hergibt, derweil der Gast den Wein aussucht. Stammgäste besprechen das Menu vorgängig am Telefon. Die pürierte Gemüsesuppe oder die Bouillon mit Eierstich werden in der Schüssel mit Kelle, der Rest, Schweinsbraten, Beinschinken oder Huhn, werden mit Bohnen und Rösti oder Frites auf der Platte serviert. Ordentliche Allerweltsküche, nicht mehr, nicht weniger. Was hier zählt, ist die spezielle Atmosphäre, ist das Schauspiel und sind die herzlichen Gastgeberinnen – Mutter und Tochter.

Kein Schauspiel, dafür Ruhe und Geborgenheit bietet der Weiler Séprais, einige Kilometer von Saint-Ursanne. Inmitten von Natur, Kunst, Pferden, Kühen, schlafenden Hunden und streunenden Katzen begibt man sich auf eine Zeitreise. Hier steht das verträumte Nachtlager von Rita und Gerald Kiechler, die ihren Speicher in ein angenehmes Refugium verwandelt haben. Mit Minibalkon, moderner, gut eingerichteter Küche, Bollerofen, Holzboden, kleinem Bad und Galerie. Das Ganze hat Charme, ohne in Romantik zu überborden. So was spricht sich rum, trotz Abgeschiedenheit. Wer nicht früh reserviert, hat keine Chance. Auch nicht im Februar oder November. Rita Kiechler erzählt, welcher Metzger oder Bauernhof die beste Wurst, das bes-te Stück Fleisch verkauft, wo die lokalen Spezialitäten zu finden sind, wo Schleckmäuler ihr lukullisches Glück finden und wer den besten Totché (eine Art salziger Rahmkuchen) macht. Das Mobile (kein Empfang) bleibt stumm und die Flimmerkiste ist verbannt, dafür steht im Haus ein Klavier, ein Klavier ... Angesagt ist Ausspannen, Wandern und Lesen. Eine zahlbare Oase im besten Sinn.

Gleich um die Ecke führen verschiedene Routen durch die Freiberge in den Neuenburger Jura. Unterbrochen von Natur- und anderen Schauspielen. Mit Gastgeberinnen in patinierten Häusern, die lustvoll wirten, obwohl sie seit Jahren von ihrer Pension reden. Noch ist es nicht so weit und noch sind sie im Jurabuch aufgeführt. Wie lange noch? Keine Ahnung.

Etwas jünger, sagen wir im besten Alter, sind Agnes und Daniel Frochaux, die mit Respekt zur alten Bausubstanz ihr Hotel La Chaux d’Abel im schönsten Niemandsland renoviert haben und dafür vom Denkmalschutz «geadelt» wurden. Ein kleines Paradies, abseits der touristischen Trampelpfade und doch nur mit kurzem Anfahrtsweg in die Kulturmetropole La Chaux-de-Fonds, die letztes Jahr ins Unesco-Welterbe aufgenommen wurde.

Nur ein Katzensprung entfernt, in der Talsenke von Le Bas Monsieur kocht, flirtet, schäkert, serviert und plaudert Grande Dame Malou Zaugg. Im Juni wird sie 80 Jahre alt, was Madame nicht weiter beeindruckt. Sie ist offensichtlich ein Jungbrunnen, die mit ihrer Tochter an ihrem Geburtstag mal schnell zu den Pharaonen fliegt. Ansonsten kocht und bewirtet sie ihre Stammgäste mit einfacher Küche: Suppe, Speck, Käsekuchen (auf Vorbestellung), Frites faites maison, Jambon à l’Os, Cordon bleu und Sonntagsbraten. Dies in einer gemütlichen Gaststube, in der es an den Wochenenden brummt.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 3/2010

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