Coole Gewinner
Ob der südafrikanische Wein von der Fussball-WM profitiert, ist fraglich. Muss er aber auch gar nicht: Er verkauft sich ohnehin immer besser und punktet mehr denn je mit kühler Eleganz.
Die Sache könnte nicht ungünstiger laufen für den südafrikanischen Wein. Am 11. Juni ist es mit grosser Wahrscheinlichkeit ziemlich frisch im Stadion von Johannesburg, wo die Fussballweltmeisterschaft 2010 startet. Vielleicht noch nicht beim Anpfiff des Eröffnungsspiels um 16 Uhr, doch spätes-tens ein paar Stunden, nachdem der Schiri die Mannschaften zurück in die Kabinen geschickt hat, dürften die Werte deutlich unter alle Wohlfühlgrenzen sinken: Leichter Bodenfrost ist auf dieser Höhe nicht ausgeschlossen. 1753 Meter über dem Meeresspiegel, das ist eben beinah das Niveau von St. Moritz, und das überrascht vielleicht doch so manchen aus Europa, Asien oder Amerika anreisenden Besucher, der Afrika automatisch mit Wärme assoziiert. Nach dem Match wird er also einen Glühwein herbeisehnen und sein geschundenes Gehör auskurieren wollen: Die Vuvuzelas, die berüchtigten Blasinstrumente der Fussballfans, sind auch für feuerwerksgestählte Besucher Schweizer Stadien gewöhnungsbedürftig.
Autor Wolfgang Fassbender ist nicht nur Weinjournalist und Südafrikaexperte, sondern auch gelernter Fussballschiedsrichter. Zur FIFA-Veranstaltung in Cape Town, Durban und Johannesburg wird er trotzdem nicht fahren. Hohe Hotelpreise, volle Restaurants, Winterwetter und die mutmasslich völlig überlasteten Verkehrsmittel sind für ihn ausreichend Gründe, um die WM bei einem Glas Spitzenwein und einer Tüte voll Biltong (südafrikanisches Trockenfleisch) zu Hause am Fernseher zu verfolgen.
Glühwein allerdings ist unbekannt in Johannesburg, Kapstadt oder Durban
– und mit dem nicht erhitzten Wein sieht es auch eher mau aus im
Umkreis der Stadien. Dass Südafrikas Präsident Jacob Zuma – vor allem
seiner Affären wegen bekannt geworden – sich sonderlich für Cabernet
Sauvignon und Chardonnay interessieren würde, ist nicht überliefert.
Und auch der einheimische Fan hat mit dem Rebensaft wenig im Sinn,
unterscheidet sich in dieser Hinsicht aber kaum von seinem
eidgenössischen Kumpan. Bier dürfte in den Spielorten reichlicher
fliessen als Wein, allenfalls in den VIP-Lounges wird die eine oder
andere Flasche entkorkt oder entschraubt werden. Fragt man bei den
Winzern nach, ob sie sich auf zusätzliche Besuchermassen einstellen,
winken die meisten ab. Bis nach Stellenbosch oder Paarl, nach Elgin
oder Robertson wird der grosse Tross der Fussballfreunde kaum finden –
auch weil ein öffentlicher Nahverkehr nach europäischem Vorbild nicht
existiert.
Erfolg mit Eleganz
So richtig betrübt sehen die Sales-Manager der Kellereien allerdings
nicht aus. Die Erntemengen des Jahrgangs 2010 sind ohnehin teilweise
mickrig ausgefallen, und man kann nicht behaupten, dass die guten
südafrikanischen Kellereien derzeit auf ihrer Ware sitzenbleiben. Im
Jahr 2008 wurden fast 412 Millionen Liter exportiert – deutlich mehr
als die Hälfte der gesamten Weinerzeugung des Landes und ein neuer
Rekord, der mit dem Vor-WM-Boom allein kaum zu erklären ist. Vor allem
Briten, Deutsche und Niederländer sind mehr denn je heiss auf die
Produkte vom Kap, und sie entdecken allmählich, dass es mehr gibt als
die altbekannten Hügel um Stellenbosch, die leicht kitschige
Ausgehmeile von Franschhoek oder das Miniaturweinbaugebiet Constantia,
wo die ganze Geschichte vor 350 Jahren begann. «Die Menschen gewinnen
Vertrauen in neue Gebiete und in den Ausdruck des Terroirs», sagt Su
Birch, die langjährige Chefin von Wines of South Africa. Womit das
Stichwort gefallen wäre. In den letzten Jahren haben sich nämlich vor
allem die Gebiete jenseits der alten südafrikanischen Weinlandkarte ins
Bewusstsein der Geniesser vorgearbeitet. Der weite Osten des Landes
bietet schier unbegrenzte Möglichkeiten, das zu keltern, was niemand
einem Neue-Welt-Land wie Südafrika zutraut: elegante Weine mit kühler
Frucht und moderatem Alkohol, nicht sättigend, sondern zum Trinken
animierend. Weine also, die man eher in Europa erwarten würde und die
man einem Land der sogenannten Neuen Welt nicht zutraut. Elgin, ein
vergleichsweise hoch gelegenes Gebiet hinter den Hottentots-Holland
Mountains, begann seine Karriere einst als Apfelanbaugebiet und
Traubenlieferant, stieg dann aber zum neuen Star unter den
Weinbauregionen auf. «In Elgin, da vibrieren die Weine», sagt Andy
Zimmermann von KapWeine, dem Zürcher Platzhirsch unter den
Südafrika-Weinhändlern. Die Temperaturen liegen hier immer ein paar
Grad unter jenen in Stellenbosch, der Wind weht kühlend vom Meer, und
Paul Cluvers Gewürztraminer könnte ähnlich fruchtig-elegant auch am
Bodensee gekeltert werden. Cluver gehört zu den Pionieren des
Anbaugebietes und hat seine Qualitäten in den letzten Jahren nochmals
steigern können, und spätestens der Sauvignon blanc aus dem
Aufsteiger-Weingut Iona zeigt ziemlich exemplarisch, dass der Begriff
Cool Climate keine Metapher ist, keine Werbefloskel für
Überseewein-geschädigte Verbraucher, sondern wirklich Inhalt besitzt:
Frische, Eleganz, merkbare Säure und kaum oder gar keine Fassnoten. So
was mag man nicht nur beim zweiten oder dritten Glas gern trinken, es
passt auch perfekt zum südafrikanischen Cross-Food mit indischen
Gewürzen und Krustentieren, harmoniert mit Aprikosen-Sosaties und
selbst mit der Boerewors, der südafrikanischen Bauernwurst mit
Maismehl-Pap. Und wenn es nicht Sauvignon blanc ist, dann halt Pinot
noir: Was Oak-Valley-Winemaker Peter Visser aus Blauburgunder bastelt,
wird auch in der Schweiz gewürdigt: Sein 2008er Pinot noir ergatterte
an der Pinot noir Mondial in Sierre eine Goldmedaille.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 3/2010

