Rarität Schweizer Fisch
Die Schweizer essen rund zwanzig Mal mehr Fisch, als dass die Berufsfischer aus den hiesigen Seen ziehen. Einige Schweizer Wildfang-Arten sind mittlerweile so selten, dass ein Koch überaus gute Kontakte braucht, um solchen Fisch überhaupt kaufen zu können. Über die Raritäten, die in unseren Seen gedeihen.
Franz Oberholzer steht seit 39 Jahren hinter dem Herd, und genau solange setzt er sich schon intensiv mit dem Lebensmittel Fisch auseinander, zuerst in Rapperswil, dann am Neuenburgersee, am Bielersee, in Norwegen und in Kanada. Seit 15 Jahren führt er zusammen mit seiner Frau das Restaurant Krone in Diessenhofen und ist bekannt für seine Fischspezialitäten. Vom Zander über den Egli, den Hecht, den Felchen, die Forelle, den Saibling oder die Äsche, Oberholzer bietet seinen Gästen sämtliche Kostbarkeiten, die in einem Schweizer See herumschwimmen, wenn er sie denn bekommt. Ein Koch, der mit Schweizer Fisch arbeiten will, braucht vor allem eines, beste Kontakte zu den wenigen Berufsfischern am Rhein und an den Seen.
«Ich arbeite seit 20 Jahren mit dem gleichen Fischhändler und mit den
gleichen Berufsfischern zusammen», so Oberholzer. Dank dieser
Zusammenarbeit bekommt er neben Felchen und Hecht auch mal einen
seltenen Seesaibling oder eine Rheinäsche angeboten. Wenn etwas Rares
ins Netz geht, dann ist er einer der Ersten, der angefragt wird. Jene
Berufskollegen, die weiter vom See entfernt leben, gehen leer aus oder
müssen über den Grosshändler einkaufen, wo Schweizer Wildfisch noch
viel seltener ist. Nur gerade 5,7 Prozent des Schweizer Fischkonsums
kann durch die einheimische Produktion gedeckt werden. Letztes Jahr
wurden laut Statistik des Bundesamts für Umwelt 53182 Tonnen Fisch und
Meerestiere in die Schweiz eingeführt. Vom Egli, des Eidgenossen
Lieblingsfisch, wurden letztes Jahr magere 34 Tonnen aus dem Zürichsee
gefischt. Der grösste Teil – in der Importstatistik verschwindet der
Egli unter der Rubrik «andere Süsswasserfische», dessen
Gesamt-Importmenge 11549 Tonnen beträgt – wird aus Deutschland, Polen,
Kanada oder Lettland eingeführt. In Deutschland oder Kanada
interessiert und isst den Egli übrigens niemand. Nicht viel besser ist
es bestellt um den Zander oder um den Saibling. In den hiesigen Seen
schwimmen nicht mehr viele davon herum, die meisten stammen aus der
Zucht oder aus dem Ausland oder beides. «Garantiert immer aus der
Schweiz haben wir nur die Bodenseefelchen», sagt Oberholzer. Der Rest
sei abhängig von der Saison und vom Glück der Fischer. Der Felchen ist,
der mit Abstand meistgefangene Fisch in der Schweiz. Speziell ist auch
die hiesige Felchenvielfalt. Fast jeder See hat seine eigenen
Felchenarten, je nach Grösse des Sees sind es zwischen ein und sechs
Arten. 24 unterschiedliche Felchenarten sind in der Schweiz bekannt,
das ist europaweit einzigartig, ein Drittel davon ist seit den 80er
Jahren ausgestorben.
Köche, die bewusst mit Schweizer Fisch arbeiten, sind bald genauso
rar, wie der Fisch selbst. Franz Oberholzer ortet die Gründe nicht nur
beim knappen Angebot: «Bei den jungen Köchen muss es immer grad ein
Steinbutt, ein Kabeljau oder eine Dorade sein, mit solchen Fischen
kommt man halt schneller in den Führer als mit einer Forelle.» Lohnen
würde sich einheimischer Fisch allemal. Ein Kilo Felchen kostet 24
Franken, ein Kilo Turbot dagegen 85 Franken. «Und wer bestimmt
eigentlich, dass man auf einem bestimmten Level Steinbutt anbieten
muss», raisonniert Oberholzer. Er habe in seiner Küche zwar auch
Meerfisch, aber etwa ein guter Zander, kurz gegrillt und im Ofen
durchgezogen sei doch eine hochfeine Sache. Hochfein oder nicht. Das
knappe Angebot an Schweizer Fisch hat sogar die altehrwürdige
Tafelgesellschaft zum goldenen Fisch zu einer Änderung der Statuten
bewogen. «Die Auflage, dass jedes Mitglied, jederzeit drei Schweizer
Fische auf der Karte haben muss, ist nicht mehr realistisch», erklärt
Tino Alberto Stöckli, Präsident der Tafelgesellschaft. Diesen Februar
hat die Tafelgesellschaft deshalb beschlossen, dass die Mitglieder auch
Süss- oder Salzwasserfisch auf die Karte nehmen dürfen, wenn kein
Schweizer Fisch erhältlich ist. Allerdings muss der Fisch aus
nachhaltiger Fischerei stammen und darf nicht auf der roten Liste des
WWF fungieren.
Schweizer Fischzucht verschwindend klein
Bei einem so knappen Angebot und einer derart konstanten Nachfrage,
sollte das Geschäft mit inländischem Zuchtfisch explodieren, könnte man
meinen. Das Gegenteil ist der Fall. In der Schweiz gibt es ungefähr
dreissig Fischzucht-Anlagen, die meisten davon sind klein. Zum
Vergleich, allein in Bayern gibt es 300 Forellen- und 3500
Karpfenzuchten. «Die Fischzuchtbetriebe werden wohl eher noch etwas
zurückgehen», prophezeit Hermann Spiess, Vizepräsident des Schweizer
Fischzuchtverbandes. Der Beruf des Fischzüchters sei ein hartes Brot,
der meistens in der Familie weitergegeben werde. «Leider fehlt es an
manchen Orten an Nachwuchs.» Das ist aber nicht der einzige Grund. Für
eine Fischzucht braucht es gutes, nicht zu kaltes Wasser, geeignetes
Land und man muss sehr strenge Auflagen des Tier- und Umweltschutzes
erfüllen. «Das schreckt viele ab», so Spiess. Dabei wäre etwa eine
kleine Forellenzucht für so manchen Bauernbetrieb im Toggenburg, im
Appenzell oder sonstwo in einem wasserreichen Schweizer Tal eine ideale
Geschäfts-Ergänzung. «Es wäre schön, wenn sich in Zukunft der eine oder
andere Bauer eine Fischzucht aufbauen würde.»
Salz&Pfeffer
bedankt sich bei den Fischspezialisten Braschler Comestibles Import und
Dörig&Brandel für die Lieferung von Fisch zwecks Fotoaufnahmen.
Sämtliche Fische wurde nach dem Fotografieren nach aller Regel der
Kunst gebraten und verzehrt.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 4/2010

