Küchen-Expansion auf kleinstem Raum
Die Kreuzung ist eng und unübersichtlich. Erreichen zwei mittelgrosse Lastwagen die Gabelung im Stadtteil Hurlingham zur gleichen Zeit, muss einer der Fahrer nachgeben und zurücksetzen, um dem anderen Raum zum Manövrieren zu geben. «Platz ist ein echtes Problem», sagt Lazarus Munwao auch über sein «Rose Avenue Café», das sich an eben dieser Kreuzung an die Mauer des Eckgrundstücks schmiegt. Trotzdem hat der 30-jährige Familienvater, in typisch afrikanischer Wesensart, auf wenigen Quadratmetern eine dreidimensionale, pulsierende Welt geschaffen: ein kleines Restaurant mit 18 Sitzplätzen und zehn Gerichten auf der Speisekarte, täglich frisch, einen Kiosk mit fast allem Lebensnotwendigen von Abführmitteln bis Zigaretten sowie einen kleinen Gemüsestand.
Vor drei Jahren, sagt Lazarus Munwao, habe er seine Chance gesehen. Zuvor war er Kellner und Barkeeper in verschiedenen Restaurants in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, verdiente, mit Trinkgeldern, umgerechnet etwa 200 Franken im Monat. Dann stand eines Tages das «Rose Avenue Café» zur Miete, und Lazarus Munwao ergriff die Gelegenheit, sein eigener Herr zu sein – ein Traum, den die Mehrheit der Afrikaner träumt. «Zunächst habe ich hier ausgebaut: Am Anfang gab es nur einen Tisch. Jetzt haben wir drei, und ausserdem noch Gemüse und Früchte im Angebot», erzählt er. Während er eigenen Angaben zufolge zu Beginn umgerechnet etwa 140 Franken im Monat nach Hause brachte, sind es inzwischen 350. Davon, so versichert er, kann er seine Familie ernähren und sogar noch etwas zur Seite legen.
Der Vater zweier kleiner Jungen hat sich auf afrikanische Küche spezialisiert, weil das bei den Kunden am besten ankommt. So stehen zum Beispiel, für umgerechnet 56 Rappen, in Zwiebeln gekochte Mungbohnen mit Chapati zur Auswahl. Letzteres sind indische Fladenbrote aus einem Gemisch aus Gerste, Hirse und Weizen in der Grösse von Pfannkuchen. Sie sind von indischen Einwanderern vor hundert Jahren nach Ostafrika gebracht worden und nun aus der – eher eintönigen – kenianischen Küche nicht mehr wegzudenken. Sehr beliebt ist auch Githeri für denselben Preis, ein Mix aus gekochten roten Bohnen und Mais. Rindereintopf mit Gemüse kostet im «Rose Avenue Café» 84 Rappen, und eine heis-se Tasse Tee, sehr kenianisch mit viel Milch und Zucker, können die Kunden für 14 Rappen geniessen.
«Dies ist eine mittelständische Wohngegend, aber immer mehr Büros werden gebaut», kalkuliert Lazarus Munwao. «Meine Kunden sind daher vor allem Architekten und Ingenieure, die im Umkreis arbeiten. Die wollen Gerichte, die sie gewohnt sind und die nicht zu viel kosten.» Der geschäftstüchtige Besitzer, der von montags bis samstags täglich 14 Stunden in seinem Café-Kiosk-Gemüsestand verbringt, will jeden Tag etwa 150 Restaurantkunden bekochen, eine Zahl, die ein bisschen utopisch erscheint. Allerdings: Das Rose Avenue Café ist eines der Letzten seiner Art in Hurlingham. Ungezählte Kioske und Imbisse sind in den letzten Jahren von der Stadtverwaltung abgerissen worden, offiziell oft aus hygienischen Gründen. Langsam verliert Nairobi sein menschliches Gesicht an mehr und mehr glitzernde Bürotürme.
Lazarus Munwao und seine vier Angestellten tragen saubere weisse Kittel, und sofort versichert er, dass sie regelmässig Hygiene-Schulungen besuchen. Dennoch steht ihrer aller Zukunft auf wackeligen Füssen: Die Lizenz für das Geschäft erteilt die Stadtverwaltung nur von einem Tag auf den anderen, «und oft kommen Beamte und wollen noch Geld für dieses oder jenes», winkt Munwao resigniert ab. Inzwischen hat sich eine verschleierte Kundin an einen Tisch gezwängt und Mungbohnen bestellt. Noch wird gekocht im Rose Avenue Café. ■
Ausgabe 4/2010

