Die Angst vor dem Hunger

In den drei abrahamitischen, monotheistischen Religionen zählt die Völlerei, das masslose Essen und Trinken, zu den Todsünden. Aber kann Essen Sünde sein? Die Frage um das richtige Mass und die Bedeutung der Nahrung in der säkularen Wohlstandsgesellschaft lässt sich denn auch nicht so einfach beantworten.

Text: Johanna Lier / Fotos: Christian Schwarz

Samstagnachmittag. Wir stehen auf der Rolltreppe und fahren langsam in den Lebensmittelbereich einer grossen Migrosfiliale hinunter. Die Sicht öffnet sich auf die grosszügig angelegte Gemüse- und Obstabteilung. Berge schimmernder Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Zitronen, Orangen, Aprikosen, Salate, Zuchini, Auberginen, Karotten, Artischocken, Fenchel, Bohnen, Frühlingszwiebeln, Winterkartoffeln springen uns an, eine Angestellte spritzt Wasser, damit alles noch frischer wirkt in dieser künstlich beleuchteten Welt, in der die Jahreszeiten zu einer einzigen kulinarischen Zeit verschmelzen. Werbesprüche animieren in einer Weise zum Kauf, als müsste der Mensch zum Essen gezwungen und nicht von Zeit zu Zeit daran gehindert werden. Essen und Einkaufen als Lebensaufgabe. Mich überfällt die Panik, wer wird diese gigantischen Mengen in den verbleibenden zwei Stunden, während der das Geschäft vor dem Wochenende noch geöffnet sein wird, konsumieren, und was geschieht mit dem, was übrigbleibt? Die Bekannte an meiner Seite, die aus einem Land stammt, in dem Mangel an Essen herrscht, beginnt noch auf der Rolltreppe zu zittern und als wir den endlosen Regalen mit dem Tierfutter entlanggehen, kommt ihr nur noch ein Wort über die Lippen: «Pervers!»

Hat ein Mensch genügend Essen und Trinken, ist sein Überleben gesichert. Nimmt er zu viel davon ein, ist seine Gesundheit, und damit sein Überleben, langfristig ebenfalls in Gefahr. Die natürliche Angst vor dem Hunger, ein starker Trieb, hält uns am Leben, die Masslosigkeit der Angst, das Bedürfnis nach Macht und Kontrolle, die Gier, kann uns jedoch unter Umständen dieses Lebens berauben oder dazu führen, dass der Überfluss der einen zum Mangel der anderen wird. Dass in unserer Wohlstandsgesellschaft, in der Fettleibigkeit bereits zur Volkskrankheit erklärt wird, im Grunde immer noch die Angst vor dem Hunger herrscht, zeigt sich auch darin, dass neueste Diäten drastische Gewichtsverluste ohne Hungern versprechen und Gesundheitsämter und Lebensmittelkonzerne, die sich des Problems annehmen, nicht von zu viel Essen, sondern lediglich vom falschen Essen sprechen. Dokumentarfilme aus China erzählen vom Wirtschaftswunder und zeigen verfettete, junge Menschen, die mit glasigen Blicken durch die Supermärkte streifen und die gigantischen Einkaufswagen mit Chips, Peanuts, Schokolade, Milchshakes und Süssgetränken füllen, Berge bunter Packungen, deren Inhalte undefinierbar, künstlich und unwiderstehlich sind. Billig und viel heisst die Devise. Der Fortschritt wird gepriesen, endlich Überfluss nach den langen Jahren des Mangels und des Hungers, aber nicht wenige dieser Menschen landen in Kliniken, wo ihnen das Fett abgesaugt und die Mägen verkleinert werden müssen. China steht am Anfang einer Erfahrung, die Europa nun hinter sich lassen will. Zu viel des Essens wird aber zur falschen Essgewohnheit umgedeutet, nicht mehr X-Large-Portionen von Pommes und Hamburgers sollen wir uns einverleiben, sondern fünfmal am Tag Gemüse und Obst.

In der Schweiz leiden vier von zehn Erwachsenen, und eins von fünf Kindern an Übergewicht. Und laut dem Bundesamt BAG für Gesundheit essen 30 Prozent aller Schweizer und Schweizerinnen zu wenig Obst und Gemüse. Mit dem «Nationalen Programm Ernährung und Bewegung» setzt der Bundesrat nun auf die Förderung der Eigenverantwortung und mit der Lancierung der Initiative actionsanté will das BAG die Privatunternehmen ins Boot holen. Im Lebensmittelbereich würden COOP und Migros im Brot den Salzgehalt und in anderen Produkten den Fett- und Zuckergehalt reduzieren sowie die Fettqualität verbessern. In der Schweiz verpflegten sich auch täglich schätzungsweise rund eine Million Personen in Einrichtungen der Gemeinschaftsgastronomie. Deshalb unterstütze das BAG auch das Projekt «Qualitätsstandards einer gesundheitsfördernden Gemeinschaftsgastronomie» für die Festlegung, Einführung und Überprüfung von verbindlichen Ernährungsqualitätsrichtlinien. Mit seinen Aktionen will das BAG ein geeignetes Umfeld schaffen, damit den Menschen die gesunde Wahl und somit die Selbstverantwortung für ihre Gesundheit leicht fällt nach dem Motto «Make the Healthy Choice the Easy Choice!»

Das war nicht immer so. Jakob Tanner, Professor für Geschichte der Neuzeit und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, spricht von einer Hierarchie der Nahrungsmittel, die sich im Laufe der Geschichte dauernd verändert. In der ständischen Gesellschaft der frühen Neuzeit, (Mitte 13. Jh. bis Ende 15. Jh.) wären Vögel beispielsweise ein hochangesehenes Nahrungsmittel gewesen, Gräser hingegen, dazu zählen Gemüse und Salate, hätten einen geringen Stellenwert gehabt. Aufgrund einer moralischen Physiologie der Nahrung wäre es für einen Edelmann Pflicht gewesen, sich von Fleisch zu ernähren, wobei einem Bauern lediglich die raue, dicke Suppe zustand. «In der frühen Neuzeit besass zudem Fett einen hohen Stellenwert. Wohlhabende Leute waren eher dick, Leibesumfang stellte ein Statussymbol dar. Fett speicherte man auch als Vorrat für Hungerzeiten.» «Aber Übertreiben wäre dennoch verboten gewesen», fügt Jakob Tanner an, dies habe dann als Verletzung der Todsünde «Völlerei», als Gefrässigkeit und Selbstsucht gegolten. Als sich dann aber im 19. Jahrhundert die bürgerliche Leistungsgesellschaft entwickelte, hätte man begonnen den Nährwert zu optimieren. Der Arbeiter musste für möglichst wenig Geld möglichst viele Kalorien, Eiweisse und Fette zu sich nehmen, und als im Jahre 1911 die Vitamine entdeckt worden seien, habe das ernährungsphysiologische Zeitalter, in dem wir uns heute befinden, begonnen: «Wer nicht richtig isst, leistet nichts.» Ist dies die Todsünde unserer Zeit? Durch falsche Ernährung die persönliche Leistungsfähigkeit zu gefährden?

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