Am Anfang war der Apfel
Klar: Wer Thurgau sagt, denkt an Äpfel, denkt an Saft. Der Rest der Schweiz denkt an Most. Mit dem Saft vor Augen ist der Weg nicht mehr weit zur traditionellen Landbeiz. Im Thurgau findet sich noch diese aussterbende Spezies. Oasen für den einfachen Genuss. Bis der Amtsschimmel kommt.
Es gibt immer einen Ausweg! Komisch, dass diese Aussage für die Puristen unter den Wirten nicht zutrifft. Zumindest überleben, aus welchen Gründen auch immer, oft die falschen Gasthäuser – die Durchschnittsware. Die Traditionalisten sind ins Alter gekommen, sind müde und mögen nicht mehr. Ihre Nachkommen noch weniger, die Hausbank erst recht nicht. Was bleibt? Wehmütige Erinnerungen an Gastgeber, die mit dem Sinn für das Wesentliche auf Schäumchen, Pinzette und Baukasten verzichteten. Zeit also, die letzten dieser Gattung unter Artenschutz zu stellen, statt sie mit unnötigen Vorschriften zu drangsalieren. Was sauber und gut war, gefährdet heute die Gesundheit. Behörden und ihre Schreibtischtäter entscheiden, welche Küchen nicht mehr konform, welche Toiletten zu alt und welche nostalgischen Aborte eine Bedrohung sind. Kurz, was seit Jahrzehnten funktioniert, darf heute amtlich nicht mehr sein. Dabei ist klar: Der Schmutzfink sitzt im Kopf. Gegen ihn helfen weder Vorschriftenwahn, noch Chromstahl, geschweige denn das vollautomatische stille Örtchen oder das mit Bleistift (!) ausgefüllte Kontrollblatt. Statt alte Beizen zu schützen und sie zu unterstützen, werden ihre Besitzer dazu verdonnert (mit welchem Geld?) zu investieren, was nicht geht und in die Kapitulation führt. Vernichtung von Kulturgut, nennt sich das. Und keinen scheint’s zu stören. Was übrig bleibt, gehört zur Gattung Einheitsbrei. Nicht ganz. Noch gibt es sie, einige wenige Unentwegte. Trotz Rauchverbot, Trinkverbot und Genussverbot. Von ihnen sei hier die Rede.
Wundervolles Wetter, aber weit und breit keine Stühle und Tische im lauschigen Garten. Die stehen in Betenwil im «Landhaus» in der guten Stube. Und nur dort. Gastgeberin Marie-José Keller erklärt: Wir sind noch Imker. Also Vorsicht. Hinter der Ecke lauert eine Kompanie Stachel auf Gäste, Saft und Speck. Also lassen wir’s bleiben mit dem Freiluftsitz. Übrigens: Wer telefonisch reserviert, kommt in den Genuss eines warmen Menüs. Thurgauer oder spanische Spezialitäten stehen zur Wahl. Der Gast entscheidet, die Qualität stimmt, die Atmosphäre sowieso. Fazit: Das «Landhaus» ist ein Relikt, eine schlichte Beiz und so schön, dass sich ein Besuch schon alleine für ein Glas Saft lohnt.
Lohnend ist auch die Käseschnitte von Verena Baumann, die genauso berühmt für ihre Schlagfertigkeit ist. Eine Vollblutwirtin, weit im Pensionsalter, die in Hefenhofen ihren wunderschönen «Roter Öpfel» den ganzen Tag offen und ihre Stammgäste sicher im Griff hält. Komme, wer und was da wolle. Vornehmlich Eingeborene bevölkern die zwei urgemütlichen Stuben. Fremde werden wortlos gemustert und wenn’s hoch kommt, mit einem knappen Lächeln oder einigen launischen Worten begrüsst. Mit dem ersten Glas Saft, der direkt aus dem Keller kommt, entspannt sich die Situa-tion. Und am Schluss, wenn der Most spricht, sowieso. Die Szenerie ist speziell, die Wirtin ohnehin – möge das noch lange so weitergehen.
Immer weiter geht es auch mit der «Eintracht» in Happerswil, in der Gastwirt Beat Zehnder einen herzlich willkommen heisst. Wer gerne Most trinkt, ist hier am richtigen Ort. Für mich der Bes-te auf dieser Reise. Nebenbei: Wir reden hier nicht von Süssmost, sondern von Saft. Dazu ein Stück Speck, Käse und etwas Bauernbrot. Perfekt. Draussen finden derweil die Kühe von Beat Zehnder alleine zur Weide. Allen voran Leitkuh Carola, die ihre Mitgenossinnen und den Dorfverkehr unter Kontrolle hat. Einmal im Jahr, meistens im Januar, delektiert man sich an der Hausmetzgete. Dann wird’s eng, dann sitzen fremde Fötzel und Einheimische beieinander und freuen sich über die opulenten Platten, die da vom Schwein aufgetragen werden. Beat Zehnder erzählt auch von seinen Problemen als Bauer und Wirt. Mit von der Partie ist Sohn Sascha, der das lokale Männervolk gekonnt bedient. Gemütlich und etwas chaotisch geht es hier zu. Eine Männerwirtschaft eben. Nein, gegen eine weibliche Hand hätte er nichts einzuwenden. Und wenn er genau überlege, würde er sich das eigentlich sogar wünschen, sinniert Beat Zehnder. Aha! Bauer sucht Frau, ganz ohne TV.
Nicht suchen müssen wir Schloss Klingenberg bei Homburg. Der Weg bahnt uns ein alter Jaguar. Und wenn da nicht der schwarze Anzug des Gastgebers wäre, ginge Stefan Pflanzelt glatt als Barockengel durch. Strahlend, herzlich und voller Energie nimmt er seine Gäste in Empfang. Gebeizte Rehnüssli, Presssack vom Kaninchen, Kutteln, Kalbsbäggli und Koteletts vom Thurgauer Jungschwein – es geht üppig, aber nicht plump zu. Dazu eine Weinkarte, die jeden Gaumen befriedigen mag, ohne im Mainstream zu verkommen. Ganz im Gegenteil. Der Inhalt des Weinkellers ist ein kleines Meisterwerk mit vielen spannenden Flaschen aus der Region und dem restlichen Europa. Der einstige Berufspartner von Tanja Grandits ist an seiner neuen Wirkungsstätte angekommen. Zwischen Schlossgarten, Wassergraben, Hauskirche und Putenengeln in ehrwürdigen Räumlichkeiten. Wer mag, kann in einfachen Zimmern zu freundschaftlichem Preis übernachten. Bei den Weinaussichten beinahe schon Pflicht.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 5/2010

