Kosmos im Glas
Biodynamisch arbeitende Winzer gelten je nach Weltanschauung als Avantgardisten oder als Spinner. Die Nachfrage nach ihren Weinen steigt allerdings ständig – in den meisten Fällen zu Recht.
Wenn man alles wissen will zum Thema biodynamischer Weinbau, muss man Nicolas Joly fragen. Vor 13 Jahren, als ich schon mal zum Thema Biowein recherchierte und Mails noch nicht so in Mode waren, schickte ich dem Loire-Winzer ein Fax und bat um eine Stellungnahme. Es kam, bloss ein paar Tage später, ein langer Brief mit umfangreichen Erläuterungen zu Themen wie Hörner im Boden, Präparate in den Rebbergen und der Bedeutung von Mondphasen. Zu Terroir und Leben im Weinberg. Natürlich auch zu Rudolf Steiner, dem Papst der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Noch ausführlicher (sehr ausführlich!) wurde es dann in Jolys Buch mit dem Titel «Beseelter Wein», das just in jenen Wochen auf Deutsch erschien. Um die Wahrheit zu sagen: Mir dampfte nach der Lektüre der Schädel. Um mich vom vielen Lesen und Nachdenken zu erholen, organisierte ich mir schnell noch eine Flasche von Jolys Spitzenwein Coulée de Serrant, um am beinah lebenden Objekt zu überprüfen, ob der nach biodynamischen Ideen gewonnene Wein besser schmeckt als «normal» biologischer oder gar ein konventioneller. Ich will nichts beschönigen, die Enttäuschung war erheblich.
Heute weiss ich zumindest die Sache mit dem Joly-Wein besser: Coulée de Serrant, dieser vielleicht ungewöhnlichste aller Weissweine Frankreichs, muss vor dem Genuss stunden-, manchmal gar tagelang (!) dekantiert werden, anderenfalls kann er ziemlich ungeniessbar und seinen hohen Preis nicht wert sein. An der Loire war ich inzwischen auch schon ein paar Mal und habe mit eigenen Händen und Augen überprüft, dass Nicolas Jolys Chenin-blanc-Reben prächtig gedeihen. Und das, was der Anthroposoph Rudolf Steiner im Jahr 1924 in einigen Vorträgen zum Thema Landwirtschaft formuliert hat, nehme ich längst nicht mehr so wörtlich wie ganz früher und mit Sicherheit nicht so ernst, wie es die verschworensten Lehrmeister der Biodynamik tun. Winzer Peter Stucki, der seinen Teufener Betrieb gerade auf biodynamische Wirtschaftsweise umgestellt hat, erinnert sich noch genau an die eigenen Steiner-Kurse: «Manches war schon schwierig zu begreifen». Anderes klang auf Anhieb spannend. Dass die Sache mit der Landwirtschaft eine ganzheitliche Angelegenheit ist, dass man sich Zeit nehmen, viel Handarbeit einsetzen oder ein Pferd verwenden soll. Welche Präparate in Wasser gelöst und anschliessend auf die Reben verteilt werden müssen. Kompliziert wird es immer dann, wenn die Rede auf die kosmischen Kräfte kommt, die im biodynamischen Landbau genutzt werden sollen. Spätestens in diesem Moment jaulen die Skeptiker unter den nicht biologisch tätigen Winzern laut auf, tippen sich an die Stirn und greifen rasch zur Spritze mit dem Breitband-Herbizid. Weshalb das Unkraut streicheln, wenn mans auch wegspritzen kann? Und ist es nicht so, dass die Biowinzer alle komisches Pack sind, die mit Kupfer den Boden verseuchen? Peter Stucki, eigentlich ein ausgeglichener Mensch, wird ziemlich energisch, wenn er solche Argumente hört. Die meisten ökologisch denkenden Erzeuger verwenden Kupferlösungen längst nur noch in geringen Mengen.
Homöopathisch oder esoterisch?
Trotz aller Vorurteile und Spötteleien ist der Gedanke der Biodynamik in immer mehr Winzerhirne eingezogen. Marie-Thérèse Chappaz, legendäre Walliser Süssweinerzeugerin, ist von dieser Art der Bewirtschaftung überzeugt, und in Deutschland arbeiten Stars wie Steffen Christmann (Pfalz), Peter Jakob Kühn (Rheingau) oder Philipp Wittmann (Rheinhessen) nach Steiners Ideen, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Olivier Humbrecht und François Barmès, zwei der besten Elsasswinzer, helfen ihren Gewürztraminer- und Rieslingreben mit Präparaten auf die Sprünge, und sogar der legendärste Weinberg der Bourgogne, der Romanée-Conti, wird biodynamisch gepflegt. Für alle so arbeitenden Winzer sind die von Rudolf Steiner empfohlenen Wirkstoffe von Bedeutung – etwa die berühmt-berüchtigten Kuhhörner, die mit Mist gefüllt und eine Weile im Boden vergraben werden, bevor ihr Inhalt in Wasser aufgelöst und in den Weinbergen verspritzt wird. Kleine Mengen des Präparates reichen für grosse Flächen. Wer da an homöopathisch verabreichte Medikamente und deren umstrittene Wirkweise denkt, trifft einen empfindlichen Punkt der Biodynamik. Ob Pflanzen- oder Tierpräparate im Allgemeinen oder die von Steiner empfohlenen im Besonderen tatsächlich unverzichtbar sind, ist umstritten. Der Papst selbst hätte sich vielleicht an der Diskussion beteiligt und noch ein paar Vorträge gehalten, starb aber bereits 1925. Weshalb manche seiner Anhänger die Ratschläge des Meisters nicht als gut gemeinte Anregung, sondern als unwiderlegbare Glaubenssätze betrachten, ist mit gesundem Menschenverstand so wenig zu erklären wie die Dogmen der katholischen Kirche. Ilse Maier, eine der bekanntesten österreichischen Bio-Winzerinnen, steht den biodynamischen Methoden auch wegen solcher Strenge skeptisch gegenüber. «Jede Bindung an eine Ideologie, jedweder Fundamentalismus und Dogmatismus sind uns fremd», sagt die Chefin des Geyerhofs.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 5/2010

