«Messieurs – c’est l’heure»

Mythen, Magie und Grüne Fee. Der Absinth ist weit mehr als ein Getränk. Von der Entdeckung bis hin zum Verbot und seiner Wiedergeburt – der ehemalige Treibstoff des Fin de Siècle hat Kultstatus. Seit über 200 Jahren.

Text: Martin Jenni/Fotos: Marco Aste

Das erste Rezept zum Absinth findet sich im Tagebuch (1794) von Abram-Louis Pernod, das heute im Staatsarchiv von Neuenburg liegt. 1798 nimmt in Couvet die erste Brennerei ihren Betrieb auf. 1805 startet im französischen Pontarlier durch Henri-Louis Pernod der erste industrielle Betrieb seine Produktion. Danach geht es Schlag auf Schlag. Wortwörtlich: Im Algerienkrieg wird Absinth als Mittel gegen Malaria angewandt. Die französischen Soldaten sterben trotzdem. Jene die überleben, trinken ihn freiwillig.

Dazu passen die Aphorismen des Dichters und Bonvivants Oscar Wilde: «Das erste Stadium ist wie normales Trinken, im zweiten fängt man an, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen, aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte, wundervolle, sonderbare Dinge.» 

Nach den Kriegswirren wird der Absinth in Paris salonfähig, ab 1850 küren ihn die Dichter und Denker zu ihrem Treibstoff.

60 Jahre später ist er in der Schweiz verboten: «Messieurs – c’est l’heure» heisst es am 7. Oktober 1910. Ein Familiendrama mit dreifachem Mord – der Täter wird von den Behörden zum krankhaften Absinthtrinker gestempelt – ist der Auslöser des Verbots. Beim Prozess stellt sich heraus, dass der Täter ein starker Weintrinker ist. Dieser Widerspruch kann die Allianz gegen den Absinth nicht aufhalten. Mit 241’078 zu 138’669 Stimmen wird die Grüne Fee zur Hexe – und verboten.

Sicher ist, dass die Vorwände für das Verbot von Absinth fadenscheinig sind, auch wenn das im Absinth enthaltene Thujon keine harmlose Substanz ist. Die Menge macht die Bekömmlichkeit oder die Gefährdung. Die Behörden führen das Val-de-Travers in die wirtschaftliche Misere, das auf einen Schlag mit einem Heer von Arbeitslosen konfrontiert wird, welche die rund 50 geschlossenen Brennereien hinterlassen.

Nur das Schöne an Verboten ist – sie zu umgehen. Fortan wird der Absinth trotz Androhung drakonischer Strafen im Verborgenen gebrannt und «entre nous» getrunken. 95 Jahre lang wird die Region zum Land der Spezialisten für das Verbotene. Mancher mag sich heute nach diesen Tagen zurücksehnen, der Rest freut sich über die Rehabilitation des Absinths.

Nur ohne Verbot gäbe es die unzähligen Legenden zum Absinth nicht. Oder die Geschichte von Charles Henri Comte, der im Val-de-Travers mit seinem Messerschmitt Kabinenroller-Berühmtheit erlangte. Offiziell ist er bei seiner Kundschaft ein willkommener Bett- und Damenunterwäscheverkäufer, was aber bei den Besuchen zählt, liegt bei Charles Henri Comte im Koffer unter der Wäsche: Absinth!

Und heute? Kocht noch jeder Brenner sein eigenes «Süppchen». So wie er das immer getan hat. Mannschaftsspieler sind sie keine. Das führt mitunter zu eigenartigen Konstellationen und Kreationen. Nicht bezüglich des Inhalts, die Absinthe der 17 Brenner im Val-de-Travers haben alle Qualität, aber diverse Flaschenformen und Etiketten bedürften professioneller Hilfe, sind kitschig, wirken billig und haben so gar nichts mehr mit den so oft beschworenen Mythen und Legenden der Grünen Fee zu tun.

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 6/2010

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