Abfallverwertung
Trester, Grappa, Orujo oder Marc – die Synonyme für die Überreste der Traubenkelterung und den daraus gebrannten Schnaps sind vielfältig. Kultobjekt wurden die Brände allerdings spät, Delikatesse erst vor kurzem.
Romano Levi ist tot. Die meisten Menschen dürften die Nachricht vom Ableben des 79 Jahre alten Italieners unbewegt aufgenommen haben, doch die Gemeinde der Grappa-Liebhaber trauerte im Mai des Jahres 2008 heftig. Romano Levis Brände waren und sind schliesslich so etwas wie der Château Pétrus unter den Rotweinen, der Yquem bei den weissen Rebensäften. Anbetungswürdige Grappe de luxe, Schnapsflaschen mit Kultstatus, eine unerhörte Kostbarkeit, die leidenschaftlich gesammelt und teuer gehandelt wurde, die seit dem Tode Levis sogar noch begehrter geworden ist. Schliesslich kann niemand mehr an der unscheinbaren Tür des Brenn-Hauses in Neive klingeln und den Chef selbst um eine Flasche bitten. Zehntausende Fans des vermutlich bekanntesten italienischen Destillateurs haben auf diese Weise schon versucht, in den Besitz einiger Deziliter Piemonteser Tresterschnaps zu kommen. Manche haben sich in den Staub der Strasse geworfen oder es mit Kuchen und Pralinés als Bestechungsmaterial versucht, aber viele sind auch mit leeren Händen abgezogen. Keiner da, um die Besuchergruppen zu empfangen. Keine Zeit. Und selbst wenn: Erstens gab es nie viel zu sehen, und zweitens eh nicht unbedingt das zu kaufen, was man wollte. Grundprinzip des Brenn-Meisters war es schliesslich, höchstens eine Flasche pro Person abzugeben, und ausschliesslich an den, der selbst vorbeischaute und sein Grappa-Begehren vortrug. Ausgenommen von dieser Regel wurden weder professionelle Händler noch der italienische Staatspräsident. Bei Signore Levi waren alle gleich – und weil der Padrone seine Etiketten von Hand bemalte und höchstselbst auf die Flaschen pappte, war die Produktion limitiert. Zwei, drei Dutzend Label pro Tag, berichten die, die immer wieder Einlass erhielten. Die, welche in Neive vergeblich gebettelt hatten, konnten sich hinterher bloss bei Raritätenhändlern oder auf Auktionsplattformen wie Ebay und Ricardo eindecken. Mit dem Risiko, etliche hundert Franken ausgeben zu müssen oder gar einer Fälschung aufzusitzen.
Zweifelhafter Genuss
Doch selbst die grössten Liebhaber des skurrilen Piemonteser Grappa-Brenners und seiner konsequent altmodischen Verkaufspolitik geben zu, dass es so eine Sache sei mit den Levi-Bränden. «Speziell sind sie schon», raunen die Fans und schwärmen umso mehr vom Charisma, das die Unikate umgibt, von der uralten Brennblase, in der destilliert wird, von der Beheizung mit direktem Feuer – wie vor Jahrhunderten. Die Skeptiker sind da schon drastischer. «Eigentlich sind die Brände fast ungeniessbar», stellen einige Grappa-Modernisten nüchtern fest. Viel zu rustikal schmeckten sie, extrem urtümlich, samt diverser Aromen, die eigentlich nicht in einen guten Schnaps gehören. Aber soll man Levi posthum vorwerfen, dass er einfach das gemacht hat, was schon Generationen von italienischen, französischen oder spanischen Tresterproduzenten getrieben haben? Bis vor gerade mal dreieinhalb Jahrzehnten war die italienische Grappa, war der spanische Orujo oder der portugiesische Bagaceira nichts anderes als Abfallverwertung. Nachdem der letzte Tropfen Saft aus den Traubenschalen gepresst war, lagerten die Winzer den traurigen Rest ein. Im Winter, wenn sonst nichts zu tun war in den Reben, wurde der vor sich hin gärende und gammelnde Matsch aus Traubenhäuten, Kernen und Stielen schliesslich zu Alkohol verarbeitet. Von umherziehenden Brennern, die auf jedem Hof anhielten und ihr fragwürdiges Können unter Beweis stellten. In alten Brennblasen, unter denen offenes Feuer loderte. Angebrannter Trester war lange Zeit eine kaum zu verhindernde Folge dieser Prozedur, und was am anderen Ende der Brennvorrichtung schliesslich heraustropfte, schmeckte und roch meist scheusslich. Bei keinem anderen Schnaps waren Fehltöne so an der Tagesordnung wie beim Trester: Hatten sich in der Maische Essigbakterien gebildet oder wurde der Vorlauf nicht konsequent abgetrennt, stank das Endprodukt nach Nagellack. Und selbst im besten, saubersten Falle handelte es sich um einen rustikalen und ruppig mundenden Schnaps mit viel Alkohol, den die Winzer manchmal für wenig Geld verkauften, den sie vor allem aber an einsamen, kalten Winterabenden in sich hineinschütteten. Nicht selten versuchten sie, die unangenehmsten Aromen mittels Zugabe von Kräutern zu übertönen und redeten sich ein, dass die Grappa alla ruta, der mit Weinraute angereicherte Schnaps, auch als Heilmittel gut sei.
Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 6/2010



