Der Koch aus dem Fernsehen

Jamie Oliver hat es vorgemacht: Steh in die Küche, zeig mal schnell, wie man leicht und locker was Feines zusammenkocht, werde damit berühmt und stinkreich. Für das Fernsehen zu kochen ist ein Traum von so manchem Koch. Die Realität dieses Traums ist allerdings steinig.

Text: Tobias Hüberli

«Willst du die kurze Version oder die lange», fragt mich René Schudel. Es ist zehn Uhr morgens und wir sitzen in seinem Restaurant Benacus, in Unterseen bei Interlaken. Ich entscheide mich für die kurze Version, schreibe hier aber eine längere auf, weil erstere – besoffen, Vertrag unterschrieben – wirklich kurz und nicht wirklich medientauglich ist. Ob kurz oder lang, die Geschichte des Fernsehkochs René Schudel hat einige Parallelen mit einer Rockband, die unverhofft zu einem Plattenvertrag kommt und plötzlich ins Rampenlicht gezerrt wird. Seit drei Jahren strahlt ProSieben Schweiz den Funky Kitchen Club mit René Schudel jeden Mittwoch in der Prime Time ins Wohnzimmer von Herr und Frau Schweizer. Ein rasantes 15 Minuten langes Filmchen, frech geschnitten, ohne Lehrmeistergetue (legen Sie den Peterli immer mit ein paar Eiswürfeln ein, dann bleibt er knackig) und lange Rezepte, dafür mit ständig wechselnden Schauplätzen und einem Tempo, das zeitweise an frühere MTV-Sendungen erinnert, damals, als man dort noch auf Qualität setzte.  

René Schudel schaut aus wie einer, der ständig zehntausend Sachen im Kopf hat: «Es war hier im Benacus, an einem Nachmittag, da fragten mich die Leute von ProSieben, ob ich dabei bin oder nicht. Ich musste mich sofort entscheiden. Als ich ja sagte, ging es mir zum ers­ten Mal in meinem Leben richtig beschissen, ich sagte zu mir, was habe ich da gemacht, jetzt bin ich grad erst wieder auf die Beine gekommen und riskier wieder alles. Ich sollte in zwei Monaten eine Sendung produzieren, ohne Ahnung und Konzept, ich setzte meinen Namen aufs Spiel, ich wusste, wenn die Sendung schlecht ankommt, werden sie mich da draussen zerreissen.»  

Den Funky Kitchen Club erfand Schudel in Arosa, Jahre bevor er als Sendung über die Mattscheibe flimmerte. Der Klub sollte eine Art Netzwerk von Köchen sein, die sich kennen und die alle  mit demselben Qualitätsanspruch kochen. Die Idee war, dass ein Mitglied des Funky Kitchen Clubs einspringen konnte, wenn irgendwo ein Koch kurzfristig ausfällt. Zum Klub sollte auch eine Rezeptsammlung gehören, alles vernetzt durch eine App auf dem iPhone – und das in einer Zeit, als man das iPhone noch in Amerika kaufte. «Ich bin kein besonders talentierter Koch, aber ich kann hart arbeiten. Was andere mit ihrer Begabung machen, mache ich durch mehr Einsatz wett. Ich bin weder ein Spitzenkoch noch ein Schauspieler, ich bin einfach ein gelernter Koch. Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals etwas mit dem Fernsehen machen könnte.» 

Nachdem er als 24-Jähriger ein Motelkonzept in Wilderswil in den Sand gesetzt und tüchtig Schulden gemacht hatte, rappelte sich Schudel wieder auf, arbeitete, zahlte Schulden zurück und machte 2005 als Geschäftsführer des Res­taurants Benacus einen Neuanfang. Zu dieser Zeit erweckte Schudel auch den Funky Kitchen Club zu neuem Leben. An einem bestimmten Wochentag gab er allen Köchen frei, zusammen mit einem Gastkoch traf er sich am Nachmittag in der Küche, ein dreigängiges Menu wurde ersonnen und am Abend einer Gesellschaft serviert. «Es war locker, die Gäste kamen zuerst in die Küche, tranken mit uns einen Apéro und dann ging es los.»  Der Erfolg brachte Interesse, ein Gast und Inhaber einer Multimedia-Firma kümmerte sich um eine professionelle Internetseite. Aus Spass und um weitere Köche für den Klub zu interessieren, wurde ein Amateurvideo gedreht. «Der Film war drei Minuten lang und ging etwa so: Schudel steigt ins Auto, Schudel fräst zum Delikatessengeschäft, Schudel kauft Fisch, Schudel kocht Fisch, Schudel isst Fisch.» Bevor es der verwackelte Trailer auf die Internetseite schaffte, fiel er den Produzenten von ProSieben in die Hände, die – welch Zufall – gerade eine kulinarische Sendung aus der Schweiz suchten.  

«Wenn ich mit 25 Jahren ins Fernsehen gekommen wäre, dann hätte es mich verblasen. Um in der Medienwelt bestehen zu können, musst du mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Du musst wissen, wer du bist, was du kannst und vor allem, was du nicht kannst. Die Medienwelt ist pures Powerplay. Schau dir den Sven Epiney an, der büglet auch ständig. Es ist wichtig, den Kopf konstant oben zu halten, in den Medien präsent zu sein. Dafür musst du hart arbeiten, Werbespots, Interviews, Messen, das alles gehört zum Spiel.»

Vollständiger Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 7/2010

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