Die Nacht der Poulets télévisés

Text und Fotos: Christa Wüthrich

«Poulets télévisés gehören zu Ouagadougou, genauso wie der rote Sand, die staubigen Strassen und die erdrückende Hitze!» Kalifa muss es wissen. Seit mehr als 14 Jahren betreibt der Familienvater an der Avenue du Président Babanguida in der Hauptstadt Burkina Fasos die «Boucherie Kalifa & Frères». Auf einem breiten Rost brutzeln Hühnchen und grosse Stücke Schaffleisch. Angekurbelt wird das Geschäft jedoch von den Poulets télévisés. Dabei handelt es sich um Poulets, die am Spiess gebraten werden, und zwar in einer Art Blechkiste, die entfernt an einen Fernseher erinnert.
«Ich kaufe die Tiere täglich frisch auf dem Markt. Am späten Nachmittag beginne ich sie dann zu braten, damit sie für die ersten Kunden am frühen Abend essbereit sind», erklärt der 38-jährige Burkinabé. Bei feucht-heissen Temperaturen um die 35 Grad tauchen die Gäste erst nach Einbruch der Dunkelheit auf. Serviert wird das Huhn auf einem grossen Blechteller, gegessen wird von Hand. Übrig bleiben nur die Knochen. Unter dem Tisch steht eine Kanne mit Wasser, wo man sich die Hände waschen kann. Die letzten Klienten stehen erst kurz vor drei Uhr früh von den kleinen Plastikstühlen auf, um auf ihr Motorrad zu steigen und davonzubrausen. Kalifa unterhält sich bis in die frühen Morgenstunden mit seinen Gästen. Dies ist Teil seiner Geschäftsstrategie. «Die Poulets schmecken überall gleich. Doch wer mich kennt, isst hier und nicht bei der Konkurrenz.» Die Arbeit erledigen unterdessen fünf Angestellte. Kalifa nennt sie Brüder, zur Verwandtschaft gehören sie nicht, verbinden tut sie ihre Geschichte.
Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land suchten die Männer Mitte der 90er Jahre ihr Glück in der Hauptstadt. Kalifa selbst hat nie eine Schule besucht. Er kann, wie über 70 Prozent seiner Landsleute, weder lesen noch schreiben. Hühner töten, Fleisch präparieren und es bis zur Perfektion grillieren hat er als Kind von seinem Nachbarn, einem Metzger, gelernt. In der 1,4- Millionen-Stadt Ouagadougou hat er dieses Wissen nun zu seinem Beruf gemacht. Denn hier lieben die Menschen gebratenes Fleisch. «Des vrais carnivores» – richtige Fleischfresser– seien sie! Einen kleinen Spiess mit Schaffleisch gibt es schon für 20 Rappen. Für ein Poulet télévisé muss man hingegen mehr als vier Franken zahlen. Ein hoher Preis, wenn man bedenkt, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag ums Überleben kämpft.
Als Grundnahrungsmittel zählen Hirse, Reis und Mais. «Erst Ende Monat, wenn die Leute ihren Lohn erhalten haben, läuft das Geschäft. Ich verkaufe dann bis zu 100 Poulets pro Nacht», erzählt Kalifa. Er träumt davon, in einem anderen Stadtteil eine Filiale zu eröffnen, doch er zögert. Sich finanziell zu verkalkulieren, kann sich der Familienvater nicht leisten. Er braucht Geld, um die Schulbildung seiner vier Kinder zu finanzieren. Denn eines ist sich Kalifa sicher: Seine Kinder sollen ihr Geld nie mit den Poulets télévisés verdienen.

Ausgabe 7/2010

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