«Heissi Marroni»

Text und Fotos: Iris Disse

Da kommt also, vor 17 Jahren, Herr Z. Eterni aus dem Kosovo, mausseelenallein, obwohl Familie und Kinder durchaus vorhanden, in die Schweiz geflüchtet. Das mit dem Flüchtlingsstatus regelt sich nach acht Monaten. Jetzt beginnt der Mann sich eine Stelle zu suchen. Kennen tut er kaum jemanden, irgendwie, und weil er sich nicht zu schade ist zum Arbeiten, beginnt er auf dem Jahrmarkt, der damals noch Chilbi hiess, Glace und Confiserie zu verkaufen. Die Familie darf später in die Eidgenossenschaft zum Papa reisen und bleiben. Endlich kommt eine feste Arbeit, eine Hauswartstelle, anfangs Voll-, jetzt Teilzeit, zuhause wachsen fünf Kinder heran. Die jüngste Tochter ist heute 14 Jahre alt.

Die Zeit, in der bei uns die gerösteten Marroni verkauft werden, beginnt im Oktober. So ist es auch geregelt. Die Marronistände sind bewilligt, ab dem 1. Oktober und können verkaufen bis Ende März. Doch da wird es schon zu warm und die Passanten wollen Frühling und die Marroni gehören nicht dazu. Es darf nicht zu warm sein für die 100 Gramm Marroni, die man im Gehen isst und die Schalen auf die Strasse fallen lässt. Schliesslich gehört es mit zum Vergnügen, sich die Finger an den italienischen Esskastanien zu wärmen. Zu kalt soll es auch nicht sein, wegen den Handschuhen die keiner ausziehen will, wenn’s friert.

100 Gramm; «Grad so ’ne gäbige Gluschtiportion» ist die geläufigste ­Marronieinheit. Fast alle kaufen diese. Während meinem Gespräch mit dem Mann im Marronistand kommt ein ­älterer Herr und bringt das Geld für eine Portion, die er sich am Morgen ­geholt hat. Herr Eterni stundet problemlos. «Ich bin noch nie enttäuscht worden.» Wer würde denn einen Marroni­verkäufer betrügen, einen, der kein ­Vermögen ­verdient, der ­geduldig auf seinem Platz ausharrt, auch wenn es mal richtig ­kalt wird, der für den Zeiger der Waage ­ein Augenzwinkern übrig hat und noch ein paar drauflegt.

«Früher war es ein wenig rentabler», sagt er, ohne zu klagen. Wem’s rentiert, ist der Stadt. Das Häuschen muss gemietet werden, 150 Franken im Monat, der Platz kostet nochmals 500, auch pro Monat, dann bringt und holt die Stadt das grüne Häuschen, für 1700 Stutz. Holzkohle und Kastanien sind günstig. An guten Tagen gehen schon mal 25 Kilo Marroni über den Tisch und etwas gebrannte Mandeln und Magenbrot. «Leben kann man davon nicht», sagt Herr Eterni, dem auch noch Frau und eine Tochter helfen am Stand. Drei Leute sind bewilligt an dem Verkaufsstand. So genau nimmt es die Stadtverwaltung mit den Regeln. «Es ist ein Zustupf, reicht mal für die eine oder andere Rechnung.»

Ausgabe 8/2010

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