Die Look-chin-Profis vom Wochenendmarkt

Text und Foto: Anemi Wick

Die Fleischspiesschen kommen in eine kleine, durchsichtige Plastiktüte, Chilisauce drüber. Zum Unterwegs-Essen, während sich die Käufer im Labyrinth des Chatuchak-Wochenendmarktes verlieren, verschwinden irgendwo zwischen den Verkaufsständen, in der thailändischen Hauptstadt Bangkok.

Es ist Sonntagnachmittag, die ganze Familie steht hinter dem mobilen Grillstand. Frank ist neun Jahre alt, auf seiner Nase haben sich kleine Schweissperlen gebildet. Er rührt in der Chilisauce. Seine Mutter heisst Pu; sie steckt die «Look-chin», Fleischbällchen aus Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch, zubereitet mit Mehl, auf Holzspiesschen. Niwat, der Vater, steht am Grill. Das Geheimnis stecke in der Chilisauce, sagt Pu.  Sie spricht kein Englisch, hat aber einen Jungen vom Verkaufsstand nebenan geholt, zum Übersetzen.

Das Rezept gehört einer Look-chin-Ket­­­­­te, deren Logo Pu auf der Kochschürze trägt.  Am Verkaufsstand klebt das Foto eines Mannes mit grauem Haar und Brille, der einige der Look-chin-Spiesschen in der Hand hält. Thanadsri Sawadiwat heis­st der Mann, dessen Name hier als  Aus­hängeschild für Qualität und Ge­­schmack­ dient, in Thailand gilt er als einer der bekanntesten Testesser und Food-Guru.

Pu ist Franchise-Nehmerin für diesen Grillstand auf dem Wochenendmarkt. Sieben Tage die Woche steht sie hinter verschiedenen Imbissständen in Bangkok, von 5 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Auf dem Gelände der Universität verkauft sie Nudeln, und am Wochenende eben immer Look-chin auf dem Markt. Ein Spiesschen kostet 10 Baht, das sind etwa 30 Rappen. Die Familie ist schon seit mehr als zehn Stunden auf den Beinen, Niwats T-Shirt ist blütenweiss, Pus Lächeln frisch, in der dampfenden Hitze unter dem Neonlicht der engen Marktschluchten. Pu ist 35 Jahre alt. Sie sortiert die Spiesschen auf ausgeleg­­ten Bananenblättern und sagt, sie lebe dafür, ihrem Sohn eine gute Ausbildung bezah­len zu können. Dann lacht sie, stupft den Jungen an und deutet zur Fotokamera. Wahrscheinlich sagt sie so was wie «nun guck doch mal freundlich, für das Schweizer Magazin». Frank ringt sich ein Lächeln ab. Auf seinem T-Shirt sind bunte Cartoon-Figuren gedruckt, in der Sprechblase steht «This game sucks!» («dieses Spiel ist beschissen»).

Auf diesem Markt gibt es Seide, bil­­lige Schuhe, Unterwäsche, Schmuck, Schnitzereien, Kitsch, Antiquitäten, Currypaste, Holzmöbel, Hundewelpen. Es gibt: alles. Farben, Geräusche, und es riecht nach Leder, Fisch, fruchtig, Rauch, verträumt nach aromatisierter Seife, und nur zwei Schritte weiter stinkt es grauenhaft. Eine Achterbahnfahrt in der Nase. Der gigantisch grosse Chatuchak-Markt im Norden der Stadt ist in jedem Touristenführer beschrieben, an jedem Wochenende kommen Tausende von Menschen. Am Stand von Pu und ihrer Familie sieht man jedoch nur Einheimische. «Vielleicht, weil die Ausländer die Look-chin nicht kennen?», sagt Pu. Die Chilisauce, die Frank mit der Kelle über das Spiesschen in die Plastiktüte geträufelt hat, prickelt noch lange auf den Lippen.

Ausgabe 1/2011

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