«Tule Masi – persönliches Essen»

Text: Regula Lehmann/Fotos: Jürg Burkhardt

«Vor zehn Jahren waren hier nichts als  Kokospalmen», erzählt Rubén Rodríguez, Teilhaber der Karibikinsel Aguja. Das kleine Paradies mit weissen Sandstränden ist etwa 150 Meter lang und 100 Meter breit und gehört zum San-Blas-Archipel. Seit dem Aufstand des indigenen Volkes Kuna, das die über 300 Inseln bewohnt, darf es das Land quasi autonom verwalten. Jeder Besucher muss sich in El Porvenir auf der Hauptinsel bei der Kuna-Immigration ausweisen, bevor er zu einer Nebeninsel weiterreist.

Die Kokospalmen auf Aguja gibt es immer noch, hinzugekommen sind mittlerweile fünf einfache Bungalows, ein Res­taurant, zwei Toiletten, Freiluftduschen mit Meerblick und ein Volleyballnetz. Eine bescheidene, aber ausreichende Infrastruktur. Das «Hotel» sowie die Insel gehören der Familie von Rubén Rodríguez. Über 80 Teilhaber gebe es insgesamt, sagt er, und alle haben sie eine wichtige Position in der Gemeinschaft. Rodríguez ist dieser Tage für das «Hotel» und die Betreuung der acht anwesenden Gäste zuständig. Stolz steht er hinter dem Tresen, der gleichzeitig Restaurant und Lobby ist, und heisst jeden willkommen, der 35 bis 50 Dollar für eine Nacht inklusive drei Mahlzeiten bezahlt.

Unter einem grossen Palmblätterdach servieren die Kunas ihren Gästen mittags Tintenfisch und abends frittierten Thunfisch, Tag für Tag. Frittieren ist in ganz Panama die beliebteste Zubereitungsart. Auf unseren Wunsch hin bereitet die Köchin am dritten Tag ein typisches Kuna-Gericht zu. «Tule Masi» heisst die Speise, was wörtlich übersetzt «persönliches Essen» bedeutet. Es besteht aus einer Suppe mit frischer Kokosmilch und grossen Stücken Kürbis, Maniok sowie Kochbanane. Separat zur Suppe wird ein fangfrischer, gedämpfter Fisch gereicht. Die Suppe schmeckt fade. «Du musst die Speise nach eigenem Gusto würzen», erklärt die Köchin Lucrecia Places und reicht uns Salz und scharfe Sauce.

Tatsächlich ist Tule Masi an diesem Tag ein kulinarischer Segen. Nach Tagen mit rarer Abwechslung freuen sich alle Touristen über die einheimische Kost. Auf die Frage, warum nicht öfters Tule Masi serviert wird, antwortet Lucrecia Places: «Wir haben das Gefühl, dass unsere einheimische Speise nicht allen schmeckt und gehen lieber auf Nummer sicher, indem wir die üblichen Menus kochen.» Früher bereiteten die Kunas ihren Gäs­ten regelmässig frischen Hummer und Langusten zu. Leider zu oft. Denn mittlerweile sind beide Tiere in den seichten Gewässern selten geworden und wer die Delikatesse dennoch wünscht, muss einen Aufschlag dafür bezahlen.

Die Überfischung einiger Krustentiere mag hier ein Problem sein. Trotzdem ist der San-Blas-Archipel immer noch ein gut erhaltenes Paradies mit weissen Inseln, blauem Wasser und intakten Korallenriffen. Die einfachen Bungalows werden aus Holz, Bambus und Palmwedeln gebaut. Investitionen werden nur von Mitgliedern des Kuna-Volkes toleriert. Es besteht also keine Gefahr, dass hier eines Tages die grossen ausländischen  Luxusketten Betonhäuser hinklotzen werden.

Rubén Rodríguez, der die meiste Zeit in Panama-Stadt lebt, hat mit dem Besitz seiner Familie grosse Pläne: «Ich will auf einer unverbauten Insel ein Honeymoon-Bungalow bauen, damit verliebte Paare ihre ganz eigene Insel mieten können. Auf Wunsch kommt ein Koch mit», sagt er und fügt an: «Wir wollen uns auch in der Serviceleistung steigern.» In einem Jahr soll es so weit sein. Der Geschäftsmann muss nur noch die 80 Familienmitglieder von seiner Idee überzeugen.

Ausgabe 2/2011

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