Vom Gastronomaden zum Ritter der Ehrenlegion
Wer sich mit dem ernsthaften Gedanken trägt, in der Kunst des Hedonismus Meisterwürde zu erlangen, der sollte sich mit Curnonsky beschäftigen. Mit dem Bürger Maurice-Edmond Sailland, der sich unter diesem slawisch anmutenden Pseudonym einen Platz in der Ehren- und Ahnenhalle der Epikureer erkämpft hat.
Die Voraussetzungen, solche Ehren zu erreichen, sind nicht einfach gegeben. Es braucht dazu einen unstillbaren Hunger nach Geselligkeit, nach Leben, Sinnesfreuden aller Art und die Bereitschaft, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit vorwärts zu streben. Gefragt sind auch Neugier, Empathie, eine gewisse Nonchalance gegenüber verkrusteten Moralvorstellungen, der Hang zum Schönen, zum Guten, ohne Furcht vor möglichen Lastern.
Kindheit auf dem Lande
Maurice-Edmond Sailland, 1872 in Angers im Anjou geboren, wuchs auf dem Land auf. Seine Mutter verstarb nach seiner Geburt. Sein Vater liess den Buben unter der Obhut seiner Grossmutter zurück. Man war vermögend. Landbesitzer. Die gebildete und strenge Dame erzählte dem Heranwachsenden nicht nur Geschichten und führte ihn in die Anstandsregeln der Zeit ein, sie sorgte auch für eine umfassende Allgemeinbildung, indem sie ihn in eine strenge Schule steckte. Zweimal die Woche wurde gebadet. Der Junge spielte mit den Kindern des Landadels, den Söhnen und Töchtern der Bourgeoisie, aber auch mit den Bauernkindern der Pächter. Eine fröhliche und behütete Kindheit. Mit dem sporadisch auftauchenden Vater reiste er ans Meer und nach Paris, um auf den Eiffelturm zu steigen. Seinetwegen zog die Grossmutter mit der Köchin Marie ebenfalls nach Paris. Maurice studierte Literatur. Der obligatorische Militärdienst unterbrach die Studien. Doch er war kein Soldat, er war kurzsichtig und asthmatisch, wurde trübselig und liess sich ungern disziplinieren. Die Dienstzeit war kurz. Kaum zwanzig Jahre alt, stürzte sich der erlebnishungrige Bursche in die Welt der «Belle Epoque».
La Bohème
Energisch verlangte er nach seiner Freiheit. Die Grossmutter, die ihn mit der Hilfe der Köchin bisher im Zaum gehalten hatte, reiste zurück nach Angers. Maurice machte die Nacht zum Tag. Sein Witz und seine Art und Weise, kurze, humoristische, scharfsinnige Geschichten zu erzählen, brachten ihn schnell in Kontakt mit Verlegern. Er wurde aufgenommen in die Kreise der Pariser Bohème, verkehrte mit den damaligen Künstlern des Montmartre, mit Toulouse Lautrec, mit Paul Verlaine, mit vielen anderen. Er war Teil jener Szene, in der Kunst, Talent und Gelegenheit zu wilder Lebensfreude aufschäumten. Er wurde Schreiber von Witzblättern, von Skandalromanen, er schrieb unter verschiedensten Pseudonymen erotische Erzählungen und Klatschgeschichten. Viel zu erfinden brauchte er nicht. Mit seinen Freunden zog er nächtlicherweise um die Häuser, genoss Essen und Trinken und die Freuden der Liebe nach Lust und Laune. Er schlief meist bis in den Nachmittag. Dann wurde geschrieben, Freunde wurden empfangen, mit denen man spät am Abend hinausging in die Lokale und Nachtclubs. Man traf sich in den Salons mit Gleichgesinnten. In dieser Zeit entstand das Pseudonym, welches bis heute Bestand hat: Curnonsky.
«Cur non» – warum nicht – aus dem Lateinischen und dazu das zeitgemässe slawische Suffix «sky». Ein grosser, stattlicher, gut gekleideter junger Mann mit Manieren.
Sein Leben war eine einzige Folge von ausgedehnten Schlemmereien und sinnlichen Exzessen. Sein Freund und zeitweiliger Arbeitgeber, der Pariser Salonlöwe und Schriftsteller Henry Gauthier Villard, genannt Willi, machte sich Sorgen: «Achte ein wenig auf deine Gesundheit, esse und trinke weniger und schlafe mehr, lass das Kokain und die kleinen Mädchen... hur nicht so viel herum.» Die damalige Lebensgefährtin Willis, die später berühmte Schriftstellerin Colette, wurde zu einer zentralen Figur des jungen «Cur». Sie schrieben sich Karten, Briefe, diskutierten Welt und Gott.
Willi liess schreiben. Dazu hielt er sich eine ganze Gruppe von Talenten, seine «Neger», zu denen auch Colette und Curnonsky gehörten. Er bezahlte gut, doch den grössten Teil des Verdienstes verspielte er. Cur erforschte derweil die Stadt, speiste in schummrigen Kaschemmen, in den besten Restaurants, frühmorgens an den Marktständen von «Les Halles» ein letztes Stück Rindfleisch oder einen Teller Kutteln, bevor er irgendwann zwischen acht und zehn Uhr in irgendein Bett sank. Jede Woche besuchte man die neusten Aufführungen der Theater und der Oper.
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