Masisseoyo
Mit vollem Mund spricht man nicht. Oder doch? In Seoul muss man sich nicht dazu überwinden, in unseren Kulturkreisen als unhöflich betrachtete Nebengeräusche von sich zu geben. Denn kommuniziert wird in den Pojangmajas – Ess-Zelten mit wenigen Hockern, vielen Herdplatten und stechendem Chili-Duft in der Luft – mit Händen und Füssen. Englischkenntnisse sind bei den Betreibern rar, und die koreanische Sprache erlernt sich eben nicht von einem Tag auf den anderen.
Sich ein paar Brocken der fremden Sprache zu merken, lohnt sich jedoch allemal – vor allem, wenn es ums Essen geht. Denn auf ihre Küche sind die Koreaner stolz. Sehr stolz. Verzeiht man den Ausländern das Ignorieren von kulturellen Gebräuchen, wie beispielsweise dem Entgegennehmen von Rückgeld mit zwei Händen, mit einem herzlichen Lächeln, so kann fehlende Wertschätzung für die aufgetischten Köstlichkeiten zu grimmigen Gesichtszügen, ja gar zu verbalen Donnerwettern führen. Das Zauberwörtchen heisst «masisseoyo», übersetzt: «Das schmeckt köstlich.» Das mit diesen Worten auf die Lippen des Essbuden-Betreibers Jae-Wook (24) gezauberte Lachen wärmt das Herz, was bei bis zu minus 20 Grad Celsius im Winter nicht ungelegen kommt. Um die nötige Gaumen-Wärme muss man in einem der grössten Ballungsräume der Welt – rund 25 Millionen Menschen leben in und um die südkoreanische Hauptstadt – derweil nicht besorgt sein.
Ddeok bokki heissen die scharfen Reiskuchen. In Chili-Sauce gebrutzelt, in Kartonschalen serviert, mit Stäbchen verspeist und wenigen koreanischen Won bezahlt (eine Schale kostet rund zwei Franken), heizen die kleinen weissen Würstchen die Mägen der Gäste. Ins Zelt kommen alle. Jae-Wook erklärt: «Am Mittag verpflegen sich die Geschäftsmänner mit Krawatte, am Nachmittag stärken sich die vom Fitnesstraining heimkehrenden Hausfrauen mit Wanderstöcken, bevor sich die Studenten vor dem nächtlichen Ausgang die Bäuche vollschlagen.» Die Männer kehren meist in den Morgenstunden (oft ziemlich angeschwipst) zurück. Der Grund dafür: Soju. Aber dazu später.
Mit den Reiskuchen wird Dakkochi serviert. Das sind Spiesse aus Hühnerfleisch. Auch Krevetten, Fisch und Kürbisschnitze werden frittiert. Wer sich traut, probiert die gegarten Seidenraupen. «Lebendige Tintenfische sind die absolute Mutprobe», erzählt Jae-Wook lachend. Auf keinen Fall fehlen darf das Kimchi, das es gratis zu jeder Mahlzeit gibt. Zur Zubereitung des koreanischen Nationalgerichtes werden Chinakohl und Rettich mit Salz, Chili, Knoblauch und Fischsauce eingelegt. Aufgrund der verspäteten Regenzeit und der deswegen verpfuschten Ernte stieg der Kaufpreis im letzten Herbst um 600 Prozent an. Jae-Wook: «Kimchi war teurer als Rindfleisch.» Da konnten aufmerksame Besucher den Kimchipreis von den koreanischen Gesichtsausdrücken ablesen: Wer im Restaurant um mehr Kimchi bat – normalerweise mit einem Lachen und einer übervollen Schale (Schau, der Fremde mag unser Kimchi) quittiert – wurde damals mit entschlossenen Gesten zur Ruhe gebeten. Verlassen die Koreaner das Land, wird das Kimchi in speziell angefertigten Containern rund um die Welt transportiert. Eine Mahlzeit ohne Kimchi? «Geht nicht», stellt Jae-Wook fest.
Runtergespült werden die Speisen mit Soju, wörtlich Feuerwasser. Der klare Branntwein wird aus Süsskartoffeln destilliert und hat einen Alkoholgehalt von etwa 25 Prozent. Mehr als 3 Milliarden Flaschen werden pro Jahr beidhändig in Shot-Gläsern ausgeschenkt, diese dann – ebenfalls beidhändig – in einem Schluck getrunken. Das macht pro Einwohner im Schnitt 60 Flaschen pro Jahr. So verwundert es nicht, dass es im Zelt immer lauter wird. Die Diskussionen werden hitziger. Jae-Wook hat alle Hände voll zu tun. Der Hunger seiner Gäste scheint ungestillt. Und so wird – mit vollem Munde eben – bis tief in die Morgenstunden gestikuliert. Masisseoyo!



