Nicht ohne meine Frau
Er frönt in der Küche seiner grossen Leidenschaft, sie hält ihm derweil den Rücken frei – in der Gastronomie sind Paare, die gemeinsam einen Betrieb führen, ganz und gar keine Seltenheit. Im Zentrum indes stehen in den meisten Fällen die Männer. Wer also sind diese Frauen, die das möglich machen?
Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, sagt man. Nun, wir wollen hier keine Debatte über Gleichberechtigung in der Arbeitswelt vom Zaun brechen, auch keine Diskussion über die Geschlechterrollen oder darüber, inwiefern die scherzhafte Fortsetzung des Spruchs – «hinter jeder erfolgreichen Frau stehen mindestens zwei Männer, die das verhindern» – einen wahren Kern haben könnte.
Es soll diesmal einfach um jene Frauen gehen, die in der Gastronomie oft anzutreffen sind, die als Partnerin an der Seite eines Kochs stehen und in dessen Schatten Grosses leisten. Um die Macherinnen im Hintergrund. Besonders erstaunlich ist es nicht, dass diese Konstellation in der Gastronomie so verbreitet ist. Das Kochen auf professionellem Niveau ist eine Männerdomäne, und für ambitionierte Berufskollegen ist der Schritt in die Selbstständigkeit in der Regel nicht nur ein lang gehegter Traum, sondern die eine grosse Chance, Ruhm und Ehre zu erlangen. Dafür aber müssen ihre Frauen mitziehen. Ohne sie geht es nicht.
Wir haben drei solche Frauen getroffen. Sie alle erzählen von Entbehrung und Erfüllung gleichermassen, von Teamarbeit, Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung, von Krisen und Konflikten. Ihre Geschichten sind nicht nur Geschichten von erfolgreichen Männern und starken Frauen. Es sind Geschichten von erfolgreichen Partnerschaften und starken Beziehungen.
Yolanda Urschinger, die mit ihrem Mann das Gasthaus Zum goldenen Kopf in Bülach führt, hat für seinen Traum den ihren aufgegeben, Margriet Schnaibel von der «Blauen Ente» in Zürich ihre Bilderbuchkarriere an den Nagel gehängt. Und Barbara Günter hat es mit einer präzisen Lebensplanung geschafft, vier Kinder grosszuziehen, während sie ihrem Mann den Rücken frei hielt – in einer Funktion, die ihr nur bedingt liegt.
Sie verzichtet auf ihren eigenen Erfolg
Restaurant Blaue Ente
Margriet und Peter Schnaibel
Mühle Tiefenbrunnen
Seefeldstrasse 223
8008 Zürich
044 388 68 40
www.blaue-ente.ch
«Ich stehe zwar an der Front – aber eigentlich geht es immer um ihn», sagt Margriet Schnaibel (Titelbild). «Das ist okay für mich.» Die 45-Jährige sitzt im Hof vor der «Blauen Ente» in Zürich, braun gebrannt und aufgeräumt. Sie ist eben aus den Ferien zurückgekehrt: zehn Tage Südfrankreich mit ihrem Mann Peter, der zehnjährigen Tochter Babett und dem neunjährigen Sohn Yanick. Schön seis gewesen, erzählt sie. Und etwas später: «Aber ich musste ein paar Mal sagen, dass ich jetzt nicht über den Betrieb reden will.»
Seit Jahren sind Margriet und Peter Schnaibel nicht nur privat, sondern auch beruflich ein Paar. Er, der renommierte Koch, der im «Taggenberg» in Winterthur von Gault-Millau 17 Punkte erhielt, und sie, seine Partnerin, die als Gastgeberin und Herrin über den Wein an seiner Seite steht. «Peter geniesst die Anerkennung, die mit seinem Beruf verbunden ist, enorm, lässt sich aber nicht feiern», sagt sie. Es sind liebevolle Worte, die sie für ihren Mann findet. Aber auch ehrliche. Der hohe Anspruch, den er an sich selbst stelle, sei belastend, sagt sie. Für die Holländerin ist klar: Gemeinsam sind sie stark – und wenn sie eins können, dann zusammenarbeiten. Der Spagat zwischen Familie und beruflicher Selbstständigkeit indes zehrt an den Kräften. Margriet Schnaibel versucht das nicht schön zu reden – strahlt dabei allerdings übers ganze Gesicht. «Es gibt Stunk, weil es eine Herausforderung ist, als Paar zusammenzuarbeiten und alles unter einen Hut zu bringen», sagt sie. «Aber ich mache sehr gern, was ich tue.»
In der «Blauen Ente» wirken die Schnaibels seit einem Jahr. «Hier würde der Betrieb auch mal einen Tag ohne uns laufen», sagt Margriet Schnaibel. «Eigentlich.» Denn bislang gelinge es ihrem Mann und ihr nicht, gemeinsam davon zu profitieren. Ein bisschen enttäuscht sie das. «Ich schaffe es besser als er, mich loszueisen und Zeit mit den Kindern zu verbringen.» Sie wolle als Mama ein gutes Vorbild sein, sagt sie. «Ich möchte den Kindern eine gewisse Zuverlässigkeit vorleben, einen guten Umgang in der Partnerschaft.» Dass das als Wirtepaar schwierig ist, dass es da manchmal hapert, wie sie das nennt, betrübt sie. «Unsere Kinder sind sehr verständnisvoll.» Sie lächelt. «Aber ich habe ein schlechtes Gewissen und wünschte, ich könnte sie besser begleiten – so wie meine Mutter.» Margriet Schnaibel wuchs als jüngstes von sechs Geschwis-tern auf; die Eltern führten einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 200 Hektaren Land. «Es gab viel zu tun, aber meine Mutter war immer da.»
Sie lebt seinen grossen Traum
«Wir verlassen uns nur auf uns selbst»: Yolanda Urschinger und ihr Mann Leo.
Dass Yolanda und Leo Urschinger den Restaurant- und Hotelbetrieb Zum goldenen Kopf in Bülach führen, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie dies als Ehepaar tun. «Damals bekamen wir wohl deswegen den Zuschlag», erinnert sie sich. Damals, das war 1999: Die Stadt Bülach hatte den altehrwürdigen Gasthof komplett renoviert, und die beiden jungen Leute setzten sich eben dank ihrer familiären Bande gegen einen weiteren Bewerber als Pächter durch. Heute beschäftigen sie 34 Mitarbeiter. Sein Reich ist die Küche, sie hat Front- und Backoffice fest im Griff.
«Wir haben in den zwölf Jahren, die wir hier sind, kaum mal eine Woche Ferien gemacht», erzählt die 48-Jährige, die mit ihrem Mann gleich hinter dem Hotel in der ehemaligen Dependance wohnt. Immerhin: Bergamasker-Hündin Cora sorgt dafür, dass die Pächter regelmässig vom Arbeitsplatz wegkommen. «Sie ist unser Ausgleich», sagt Yolanda Urschinger. Auf den gemeinsamen Spaziergängen gilt denn auch eine strenge Regel: Probleme im Betrieb sind tabu. Längst habe sie gelernt, sagt die Frohnatur aus dem Wallis, in zwei, drei Stunden so viel Energie zu tanken wie andere an einem freien Wochenende.
Hotel Restaurant
Zum goldenen Kopf
Yolanda und Leo Urschinger Marktgasse 9
8180 Bülach
044 872 46 46
www.zum-goldenen-kopf.ch
Dennoch: Loslassen fällt ihr schwer. «Ich habe das Gefühl, dass es ohne uns nicht geht.» Von ungefähr kommt das nicht. Am Anfang ihrer Selbstständigkeit machten die Urschingers schlechte Erfahrungen: «Wir vertrauten blind auf einen Treuhänder, was ein Fehler war», erzählt die Gastgeberin. «Heute verlassen wir uns nur auf uns.» Dass es dabei ihre Aufgabe ist, «alles im Griff zu haben» und allfällige Sorgen zu ertragen, scheint für Yolanda Urschinger selbstverständlich. «Ich halte meinem Mann den Rücken frei; sonst kann er sich nicht mit der gleichen Freude auf seinen Job konzentrieren», sagt sie schlicht.
Sie verfolgt einen klaren Plan
Ein unterschiedliches Paar, das sich prima ergänzt: Barbara und Peter Günter.
Als Mädchen sass sie gern bei den Männern in der Gaststube und schaute diesen beim Jassen zu. Die Eltern führten eine Wirtschaft in Spiez, in der die Grossmutter kochte. «Das prägte meine Berufswahl sicher», sagt Barbara Günter heute. «Es war schön, dass die Familie zusammen war – und gleichzeitig doof, eben weil die Eltern stets daheim waren.» Sie lacht.
Seit 1987 führt die heute 52-Jährige mit ihrem Mann Peter Günter das Resstaurant Seegarten in Kreuzlingen. Er, der passionierte Koch, der nie um einen Spruch verlegen scheint, und sie, die «gar nicht gern viel redet». «Eigentlich ist es falsch, dass ich an der Front stehe», sagt Barbara Günter. Zwar hat sie sich in den Jahren als Gastgeberin eine gewisse Routine zugelegt und mit den Stammgästen finden sich leicht Gesprächsthemen – nichtsdestotrotz ist die Berner Oberländerin dankbar, dass ihr Mann als eigentlicher Star des Betriebs seine Runden durchs Lokal dreht und dieses in der Öffentlichkeit repräsentiert.
Das Ehepaar hat einen Weg gefunden, der für beide stimmt. Früh schon verfolgte die bodenständige Frau einen klaren Lebensplan. «Ich wollte jung Mutter werden und vier Kinder haben», sagt sie. Die drei Söhne und die Tochter sind heute zwischen 21 und 27. «Und ich wollte meinen Kindern eine Heimat geben, wie ich sie hatte.» Auch darum zog die Familie vor 24 Jahren an den Bodensee. «Wir entschieden uns für einen Ort, an dem wir bleiben würden, bis die Kinder erwachsen sind», erzählt Barbara Günter. Der «Seegarten» erwies sich als ideal: Nach zehn Jahren Pacht konnten ihn die Günters kaufen.
Restaurant Seegarten
Barbara und Peter Günter
Promenadenstrasse 40
8280 Kreuzlingen
071 688 28 77
www.seegarten.ch
Die gemeinsame Geschichte indes begann 1981, im Berner «Schweizerhof»,
wo die junge Frau nach der Servicelehre arbeitete. Sie war 22 und ein
Jahr später schwanger. «Ein halbes Jahr war ich Hausfrau und gar nicht
happy», sagt sie. Die rettende Anfrage kam vom «Le Mazot» in Bern: Die
Günters übernahmen die Geschäftsführung. 1987 gings als Pächter an den
Bodensee. Der zweite Sohn war gerade mal acht Wochen alt. «Viele unserer
Mitarbeiter kamen mit», erinnert sich Barbara Günter. Ihre Eltern und
die Grossmutter zügelten ebenfalls in die Ostschweiz und bezogen eine
Wohnung in der Nähe, während sich die junge Familie im oberen Stock des
Res-taurants einquartierte.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.
Ausgabe 5/2011



