Zum Zmittag gibts eine Prise Sonne

Text und Fotos: ROMANO PAGANINI

Wer die Sonne mag, mag das Essen an der Gurruchaga 1630 in Buenos Aires. Es schmeckt hier richtiggehend nach ihr. Die Vollkornpizza oder das Kürbispüree, der Saisonsalat oder der Apfelkuchen, der Orangensaft oder das Medialuna: In «La esquina de las flores» – zu Deutsch «Die Blumenecke» – spürt man, dass die Zutaten Zeit hatten zu reifen. «Esswaren», sagt Angelita, «wachsen schliesslich nicht auf Knopfdruck, sondern je nach Klima.» So einfach diese Tatsache sei, so sehr müsse der moderne Mensch wieder damit vertraut gemacht werden.
 
Angelita heisst mit Nachname Bianculli, ist 74 Jahre alt und sitzt an einem grünbedeckten Holztisch in ihrer Blumen-ecke. Als «Bio-Pionierin» wurde sie in den vergangenen Jahren in den nationalen Medien gefeiert, sie erhielt Preise, schrieb Bücher und hat dadurch im Land des Gen-Sojas – Argentinien gehört weltweit zu den grössten Produzenten – der Bio-Produktion eine Plattform gegeben. Längst führt sie im hinteren Teil des Lokals Ernährungsberatungen durch und gibt Kochkurse. Es geht um saisonales Kochen und Slow-Food. Entsprechend wird in «La esquina de las flores» gekocht: Sämtliche Produkte stammen aus Bio-Höfen und anstelle von Zucker benutzen die Köche zum Beispiel Honig.
 
Gegen Mittag füllt sich das Lokal dann langsam und zwischen Take-away-Theke und Kasse kommt es zu kleineren Menschenstaus. Vor allem junge Frauen schätzen das Bio-Essen und nehmen es mit in ihre Läden, Büros oder setzen sich in den nahegelegenen Park. Die Blumenecke, die früher eine Bäckerei war, liegt mitten im Stadtteil Palermo-Hollywood, der argentinischen Ausgabe des Prenzlauerbergs in Berlin. Sinnigerweise wird sie von zwei Designerläden flankiert und wirkt mit ihrer mit Sonnenblumen bemalten Fassade wie die letzte Hippie-Bastion – eine Hippie-Bastion für Leute mit dem nötigen Kleingeld. Denn Bio ist in Argentinien noch nicht, was es in Europa ist, und deshalb teuer.
 
Viel Mut hatte man Angelita nicht gemacht, als sie vor über zwanzig Jahren mit ihrem Laden begann. Bio-Produkte, sagte man ihr, seien nicht konkurrenz-fähig. «Doch», fragt Angelita und lächelt: «was ist wichtiger – Geld oder etwas, das man gerne tut?»

Dann verabschiedet sie sich auch schon wieder, hinter ihr warten längst zwei Frauen, die ihren Rat wollen. Zurück bleibt ein leeres Glas Wasser und der Geschmack von sonnengereiften Orangen und Vollkornweizenkörnern. Das eine haben die Köche zu Saft verarbeitet, das andere zu einem gesüssten Gipfeli oder eben einem Halbmond, dem sogenannten Medialuna.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Salz&Pfeffer.

Ausgabe 8/2011

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