Unsere Geschichte spielt an drei Orten: im weltberühmten Restaurant Bareiss, der kulinarischen Bühne von Drei-Sterne-Koch Claus-Peter Lumpp, in den Dorfstuben – einem der besten gutbürgerlichen Restaurants des Schwabenlandes – und in der Bareiss-Bar mit ihrer grosszügigen Zigarrenlounge.
Alle drei sind Teil des Hotels Bareiss in Baiersbronn, eines Hauses, das über Jahrzehnte zu einem faszinierenden gastronomischen Kosmos gewachsen ist. Diese Welt ist zu gross, um sie bei einem einzigen Besuch vollständig zu erfassen. Zum Fünf-Sterne-Hotel gehören unter anderem eine eigene Forellenzucht und eine bewirtschaftete Wanderhütte.
Doch beginnen wir im Restaurant Bareiss. Beim Studium der Speisekarte sticht sofort ein Gericht ins Auge: die Milke. Sie wird hier ganz selbstverständlich als Vorspeise à la carte angeboten. Da wir uns jedoch für das Degustationsmenü entscheiden, lassen wir diesen Kelch zunächst an uns vorübergehen.
Stattdessen eröffnet eine Variation von der Gänsestopfleber das Menü, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits drei Gänge alt ist. Den Auftakt bildete eine Apéro-Étagère: vielfältig, punchy und mit spürbarer Ambition komponiert.
Es folgen die beiden Amuse-Bouches, im Bareiss stets einmal kalt und einmal warm. Zunächst bringt der Service eine Variation von Blumenkohl und Birne an den Tisch. Anschliessend eine Hühnergalantine mit Pistazien und Rahmwirsing, begleitet von einem Weissweinschaum und einer Sauerrahmcrème mit frischen Trüffeln.
Zur Variation von der Gänsestopfleber: Lumpp inszeniert sie nicht als opulente Einzelportion, sondern als fein austariertes Spiel verschiedener Texturen. Eine Terrine bringt die ruhige, cremige Tiefe der Leber zur Geltung, daneben eine gebratene Scheibe, deren heisse Oberfläche den charakteristischen Schmelz freisetzt. Dazwischen setzt die Fragolino-Traube ihre leuchtenden Akzente: süss, leicht parfümiert, mit jener kühnen Erdbeernote, die dem Gericht Frische und Spannung verleiht. Schmelz, Säure, Frucht und Röstaromen greifen harmonisch und doch spannungsvoll ineinander.
Eigentlich könnte man jetzt schon vom Tisch aufstehen: Der Chef ist eindeutig auf Drei-Sterne-Flughöhe. Authentischer und vielseitiger lässt sich Gänsestopfleber kaum auf den Teller bringen.
Maître Thomas Brandt, der seit 1995 den Service führt, verkörpert eine einnehmende Mischung aus professioneller Routine und selbstironischer Lockerheit, die die elegante Strenge des Rahmens immer wieder gekonnt auflockert. Was er uns über italienische Trüffelhändler erzählt, wollen wir für uns behalten.
Zwei Gänge ragen aus der bemerkenswerten Menü-Abfolge besonders heraus. Zunächst der konfierte Kabeljau: Der Fisch wird bei niedriger Temperatur im Öl gargezogen und erreicht dadurch eine seidige Textur. Claus-Peter Lumpp wird uns später verraten, dass diese unkonventionelle Garmethode den allgemein als schwierig bekannten Fisch nahezu unfehlbar zur Perfektion erstrahlen lässt. Unterlegt ist er mit einer Crème aus geräuchertem Mais, deren feine Rauchnote dem Gericht Tiefe gibt. Gebratener Mini-Mais, ein Maisschaum, etwas Sauerrahm und ein Hauch Cassis setzen dazu interessante Akzente.
Reh-«Pfeffer» der anderen Art
Nicht minder beeindruckend ist der zweite Akt des Fleischgangs: Nach einem hervorragenden, aber eher klassisch interpretierten Rehrücken folgt das in Rotwein pochierte Rehnüsschen aus der Bareiss-Jagd. Statt wuchtiger Wildküche setzt Lumpp hier auf eine helle Interpretation. Ein Selleriesalat, glasierte Maronen und ein luftiger Schaum aus weissem Pfeffer – mit einem Hauch grünem Apfel – verleihen dem Gericht eine beinahe tänzerische Frische. Der Pfeffer verleiht dem Ganzen eine subtile Spannung. Das Herz des Gastes hüpft.
Maître Thomas Brandt deutet aus dem Fenster. Dort gegenüber, sagt er, seien die Jagdgründe der zwei hauseigenen Bareiss-Jäger. Das Auge wandert hinein in die Hügel des Nordschwarzwalds mit seinen dunklen, saftigen Tannen.
Szenenwechsel: Obwohl über das Menü und die beeindruckende Vielfalt an Desserts und Friandises aus der Pâtisserie von Stefan Leitner – auf Instagram folgen ihm mittlerweile mehr Menschen als dem Hotel Bareiss selbst – noch einiges zu sagen wäre, treffen wir uns nach einer kurzen (und vermutlich auch notwendigen) Zimmerpause in der Bareiss-Bar mit Claus-Peter Lumpp und Cyril Bettschen. Rund eine Stunde haben die beiden Zeit für ein Gespräch über das Bareiss, die Philosophie ihrer Küche und einen Generationenwechsel auf Sterneniveau.
