03.06.2026 Salz&Pfeffer 2/26

Duell der Kämme

Text: Gion Mathias Cavelty – Fotos: Tobias Hüberli
Gion Mathias Cavelty und Sebastian Rösch
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Rezept für diese Kolumne:

1. Man nehme 1 legendären Koch und bitte ihn, sich 1 ungewöhnliche Zutat auszudenken.

2. Man nehme 1 absoluten Nichtkoch und lasse ihn dem Koch beim Zubereiten dieser Zutat zuschauen.

3. Man lasse den Nichtkoch das Ganze nachkochen.

4. Man vergleiche die Resultate und vergebe Gaulle-Miau-Punkte (maximal 21).

Tieferer Sinn: Klärung der Frage, ob die Unterschiede im kulinarischen Niveau zwischen einem Spitzenkoch und einem Kochidioten tatsächlich so gewaltig sind, wie man es vermuten muss.

Mesdames et messieurs, die zweite Runde Nichtkoch gegen Spitzenkoch steht an!

Dieses Mal ist es Sebastian Rösch, der sich im Lauf seiner Karriere schon einen Michelin-Stern erkocht hat und seit 2023 im Zürcher Lindenhofkeller als Küchenchef am Herd steht. Als er noch im Restaurant Mesa wirkte, habe ich einmal eine Hummerbisque bei ihm gegessen, die so gut war, dass ich weinen musste (das ist mir bislang nur noch ein weiteres Mal passiert, aber ich verrate lieber nicht, in welchem Lokal das war).

Die ungewöhnliche Zutat, die er sich für mich ausgedacht hat: Hahnenkämme.

Nach den Pierre-Koffmann’schen Pig’s Trotters à la Antonio Colaianni klingt das für mich wie die ultimative Unterforderung. Sorry, aber was soll man bei Hahnenkämmen falsch machen können? Was soll man überhaupt mit ihnen machen?

Trotz allem bewahre ich Haltung und begebe mich in die Küche des Lindenhofkellers, wo der 37-jährige gebürtige Franke in einem Topf schon irgendwelches gerüstetes Gemüse zum Köcheln gebracht hat. Auf den ersten Blick meine ich, Rüebli zu erkennen, auf alle Fälle ist es etwas Oranges, aber das kann die geneigte Leserschaft in Röschs Rezept (Seite 103) selbst in Ruhe nachlesen.

Die Hahnenkämme selbst befinden sich seit zwei Stunden in einem Topf mit Wasser und Salz. Für diejenigen, die es nicht wissen: Diesen Vorgang nennt man «pökeln». Eine Panierstrasse hat Rösch auch schon vorbereitet. Dass das so heisst, weiss ich dank der «Küchenschlacht» im ZDF, das kam da mal vor.

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Je älter der Hahn, desto grösser der Kamm.
 Je älter der Hahn, desto grösser der Kamm.

Freundlicherweise hat Sebastian für mich auch Hahnenkämme besorgt, die ich nachher mit nach Hause nehmen darf.

Es kommt zu folgendem Dialog:

Ich: «Oha, das sind aber ordentliche Dinger.»

Rösch: «Richtige Mini-Stegosaurier.»

Ich: «Woher hast du die?»

Rösch: «Die stammen von Miéral-Hühnern. Die Franzosen haben so einen Stolz auf ihr Geflügel, das wird ja fast wie Wild gehalten. Schöner kann ein Huhn nicht leben.»

Ich: «Und das kommt auch in den Kämmen zur Geltung?»

Rösch: «Na ja, schau dir mal die an, die du vom Grosshandel kriegst, die sind höchstens so gross wie bei einer Henne.»

Ich: «Aber geschmacklich hat die Grösse keinen Einfluss?»

Rösch: «Nein, das ist ja nur Kollagen. Aber je älter der Hahn, desto grösser das Schnitzel.»

Ich: «Hat das Alter des Hahns auch mit der Anzahl Zacken am Kamm zu tun? Es haben ja nicht alle Kämme gleich viele Zacken.»

Rösch: «Du meinst, wie bei einem Hirsch mit den Enden? Kann schon sein, dass es pro Jahr einen gibt.»

Ich: «Finde ich gleich raus... Google meint: ‹Die Anzahl am Kamm ist genetisch festgelegt und bleibt im Erwachsenenalter gleich.› Wieder was gelernt.»

Der Kochvorgang beginnt. Rösch gibt die Hahnenkämme in den Topf mit dem Gemüse, «Dreiviertelstunde, auch eine Stunde, Stufe 6 oder 7, sodass es leicht köchelt».

Das Ganze ist tatsächlich noch einfacher, als ich mir gedacht hatte!

Nach gut einer Stunde nimmt Sebastian die Kämme aus dem Topf und paniert sie, um sie anschliessend «backen» zu können. Zu meiner Überraschung gibt er sie dafür aber nicht in einen Ofen, sondern in einen Topf mit siedendem Schmalz.

Neugierig beuge ich mich darüber, da schiesst mir mit gewaltigem Zischen ein riesiger Fettspritzer auf das linke Brillenglas. Geistesgegenwärtig mache ich einen Satz zurück und bringe mich so in Sicherheit. Sebastian bedeckt den Topf schnell mit einem Küchentuch. Heieiei, war das knapp! «Escaping the death zone», werde ich diese Kolumne nennen.

Verkostung: Die gebackenen Kämme (serviert mit Beurre blanc, geröstetem Senf, Scharbockskraut, Morcheln und Bärlauch) schmecken vorzüglich. Aussen knusprig, innen das herrlichste Geschmelze. Vor lauter Begeisterung kann ich nicht anders, als glatte 20 Gaulle-Miau-Punkte zu vergeben. Auch Sebastian selbst ist angetan («Isch doch geil, oder? Völlig underrated. Des is’ sowas Gut's. Der perfekte Partysnack») und beschliesst ad hoc, das Gericht im Sommer auf die Karte zu nehmen («Wir nennen’s dann Backhendl surprise, surprise»). Die Lindenhofkeller-Klientel darf sich freuen.

Zwei Tage später, in meiner Küche.

14.10 Uhr: Ich will die Plastikbox mit den Hahnenkämmen aus dem Kühlschrank nehmen, aber ich finde sie nicht. Hat meine Frau die Kämme etwa unserem Nackthund verfüttert?

14.14: Nein, da sind die Kämme, hinter einem Stapel mit Fertiggerichten von Coop, die ich so liebe.

14.15: Ich spiele ein bisschen mit den Kämmen herum. Man könnte eigentlich eine Art Gummi-Hundeschuhe daraus machen, für den Winter wäre das eine wirklich gute Idee, wegen der gesalzenen Trottoirs.

14.18: Ich lasse die Kämme in einen Topf mit Wasser und Salz gleiten. Das geht ganz gut. Das Pökeln hat begonnen!

16.38: Ich tue die Kämme in einen zweiten Topf mit Wasser, den ich sorgfältig auf dem Herd platziert habe. Meine Frau macht ihn heiss (ich kann das Gerät immer noch nicht bedienen). Nach zwei Minuten kocht das Wasser. Läuft!

17.40: Ich nehme die Kämme raus, sie sind süttig heiss und auch ein bisschen weiss. Ich habe mich entschieden, das mit dem Panieren und Frittieren sein zu lassen, das ist mir einfach zu gefährlich (Stichwort Ölspritzer), ich bin ja nicht wahnsinnig. Stattdessen will ich knusprige, ganze Cornflakes draufkleben, das ist ja etwas Ähnliches wie eine Panade.

17.41: Von sich aus kleben die Cornflakes nicht auf den Kämmen, muss ich feststellen. OMG, was mache ich jetzt? Auf alle Fälle muss ich blitzschnell sein, sonst geht das Ganze noch schief. Ich reisse den erstbesten Schrank auf und finde Belfina Extra Schweinefett darin, das ich panisch auf die Kämme schmiere, aber die werden dadurch nur noch glitschiger. Ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt.

17.42: Ich versuche es mit Honig, Honig sollte ja eigentlich kleben, aber dieser hier klebt nicht, alles wird nur noch glitschiger.

17.43: Meine Frau schlägt ein Ei auf und zerquirlt es in einem Schüsselchen. Hahnenkämme rein, Hahnenkämme raus, Cornflakes drauf. Klebt auch nicht.

17.44: Gut, dann kleben die verfi*kten Flakes halt nicht, ist ja im Grunde nicht so schlimm. Ich lege die Flakes einfach auf die gekippten Kämme drauf und hoffe, dass sie nicht abrutschen. Schön sieht das Resultat nicht aus. Ich erinnere mich, dass wir eine Heissluftfritteuse haben, die könnte das Ganze vielleicht «zusammenbrutzeln». Kämme also in die Fritteuse rein, Frau stellt sie ein, fünf Minuten bei 180 Grad.

17.49: Kämme raus, hm, na ja, einige der Cornflakes hat es erwischt, sie sind ganz schwarz, aber egal, auf zur Degustation, vorher aber noch anrichten: weisser Teller, Salatblatt und Cherrytomate zur Dekoration, um alles ein bisschen gesünder aussehen zu lassen.

17.50: Degustation ergibt: verkohlte Cornflakes erstaunlich gut, Hahnenkamm so la la, schmilzt leider nicht im Mund, aber verzehrbar.

Unterm Strich: 2 Punkte für die Kämme, 5 für die Cornflakes, 5 für die Deko, macht gute 12 Gaulle-Miau-Punkte.

Sebastian Rösch gewinnt also mit 20 zu 12, Gratulation!

Immerhin: Die verkohlten Cornflakes schmecken erstaunlich gut.
Immerhin: Die verkohlten Cornflakes schmecken erstaunlich gut.
Der Kamm als Krönung: die elegante Interpretation von Sebastian Rösch.
Der Kamm als Krönung: die elegante Interpretation von Sebastian Rösch.

Hahnenkämme von Sebastian Rösch

Die Hahnenkämme für zirka 30 Minuten in kaltem Wasser pökeln. Eventuell von Federkielen befreien. Anschliessend für 40 bis 60 Minuten in einem Fond köcheln.

Fond
1 Karotte | 1 Peterliwurzel | 1 Lauch | 1 Zwiebel | 4 Lorbeerblätter | 4 Nelken | 4 Wacholder | 4 Piment | 4 Zweige krause Petersilie | Salz

Zubereitung
Topf mit zirka 6 bis 8 Litern Wasser befüllen. Das ganze Gemüse daumengross schneiden. Zusammen einmal stark aufkochen, anschliessend die Hahnenkämme hineingeben und für die angegebene Zeit köcheln lassen.

Stichprobe mit Rouladennadel.

Anschliessend in einer Panierstrasse wälzen. Dabei das Ei nicht ganz verquirlen und salzen.

Ausbacken in Schmalz und am Ende gerne eine Flocke Butter dazu. Wie bei einem Schnitzel eben.

Servieren wie ein Backhendl mit Kartoffelsalat und einem Spritzer Zitronensaft. Oder mit karamellisierter Zitronenschalen-Marmelade – erhältlich im Restaurant Lindenhofkeller.

Ein grosses Dankeschön

Die Redaktion von Salz & Pfeffer bedankt sich herzlich bei Sebastian Rösch für die Gastfreundschaft. Es ist durchaus möglich, dass er diesen Sommer mal einen Hahnenkamm in sein Menü einbaut. Zum Beispiel als Überraschungskomponente in einem klassischen Backhendl-Gang.

lindenhofkeller.com