Rezept für diese Kolumne:
1. Man nehme 1 legendären Koch und bitte ihn, sich 1 ungewöhnliche Zutat auszudenken
2. Man nehme 1 absoluten Nichtkoch und lasse ihn dem Koch beim Zubereiten dieser Zutat zuschauen
3. Man lasse den Nichtkoch das Ganze nachkochen
4. Man vergleiche die Resultate und vergebe Gaulle-Miau-Punkte (maximal 21)
Tieferer Sinn: Klärung der Frage, ob die Unterschiede im kulinarischen Niveau zwischen einem Spitzenkoch und einem Kochidioten tatsächlich so gewaltig sind, wie man es vermuten muss.
Mesdames et Messieurs, die Mise en place für meine erste Kolumne ist bereitet: auf der einen Seite der eingefleischte Nichtkoch, nämlich ich selbst, und auf der anderen der grosse Antonio Colaianni, der sich im Lauf seiner Karriere zusammengezählt nicht weniger als sechs Michelin-Sterne erkocht hat.
In seinem Restaurant La Cucina Colaianni in Zürich-Albisrieden treffe ich den Maestro zum verabredeten Zeitpunkt hinter einem imposanten Küchenblock an. «Kochen ist meine Passion, und Funk macht mich happy», grinst er prächtig gelaunt und schnipst zu raumfüllenden Beats.
Für die zu erwartende Machtdemonstration hat er sich nicht lumpen lassen und eine ganze Armada an Pfannen, Töpfen, Schüsseln und Backblechen aufgefahren.
Verdient das Produkt, um das sich heute alles drehen soll, denn nun tatsächlich das Prädikat «ungewöhnlich»?
Allerdings: Es ist ein Schweinsfuss.
Antonio will ihn für «Pig’s Trotters à la Pierre Koffmann» verwenden: «Dieses Gericht ist legendär. Ich habe das Rezept schon lange studiert. Bis jetzt habe ich es weder gekocht noch probiert. Für heute ist es genau das Richtige.»
12.15 Uhr: Antonio legt los.
Zu Beginn kann ich seinen Ausführungen und Handgriffen noch einigermassen folgen (es geht um eine Schweineschwarte, aus der er Chips machen will).
Dann macht er sich an die Vorbereitungen für eine Gemüsebrunoise respektive eine Geflügelfarce. Oder ist es ein Geflügelfond und eine Moussellinefarce? Auf alle Fälle spielen Milken, Morcheln, schwarzer Trüffel, Pouletbrüstchen, Speck und Madeira eine Rolle.
Kommentare wie «Backpapier als Deckelersatz nehmen», «Morchelwasser auf keinen Fall wegleeren», «Alles eiskalt, sonst gerinnt der Rahm» oder «Die Milken läutern» (sic) verwirren mich zunehmend.
Mir wird klar: Das ist mir alles zu viel. Ich will mich nur auf etwas konzentrieren: die Zubereitung des Fusses.
Konkret sind es vier Füsse, die Antonio besorgt hat. In rohem Zustand entbeint er sie nacheinander, wobei er für das erste Exemplar zehn Minuten braucht und für das vierte nur noch deren fünf.
Das Prozedere ist komplex und erfordert eine hochkonzentrierte Messerführung. Das Mühsamste ist das Entfernen der Hauptsehne («Wenn du die grosse Sehne nicht erwischst, hast du keine Chance»). Und irgendwann muss man den Fuss am Fesselgelenk brechen. Das braucht enorme Kraft, und Antonio kommt arg ins Schwitzen. Und ein schönes Geräusch macht es auch nicht.