In Zürich sprudelt der Chianti Classico seit über 100 Jahren. 1907 eröffnete die Familie Ferlin am Stampfenbachplatz das Restaurant Chiantiquelle. Noch heute prangt der Schriftzug an der Fassade des mittlerweile als Casa Ferlin stadtbekannten Lokals. Der Name ist durchaus Programm: Seit 1908 und bis vor einem Jahr importierten die Ferlins eigenen Chianti Classico, zuletzt vom Weingut Vignamaggio. «Zu Spitzenzeiten verkauften wir pro Jahr 16 000 Fiaschi à 1,8 Liter», sagt Franz Ferlin, Geschäftsführer in vierter Generation.
Nun waren die säurebetonten Weine in den bauchigen, mit Stroh ummantelten Flaschen in der Vergangenheit nicht für Spitzenqualitäten bekannt. Und noch immer hängt dem Chianti Classico der Ruf eines einfachen Arbeiterweins nach, obwohl sich die Qualitäten enorm verbessert haben. Das spürt man auch in der Casa Ferlin. Dort erhalten Weine aus prestigereicheren italienischen Appellationen heute oft den Vorzug. Nur noch etwa 30 Prozent der verkauften Flaschen tragen den ikonischen schwarzen Hahn auf der Flasche.
Rund 10 000 Hektaren umfasst die Rebfläche im Gebiet zwischen Florenz und Siena, in dem Chianti Classico hergestellt werden darf. Zum Vergleich: Die gesamte Rebfläche in der Schweiz beträgt 14 500 Hektaren. Die Topografie und die Böden in diesem wunderschönen Flecken der Toskana unterscheiden sich erheblich. Die Reblagen liegen zwischen 200 und 550 Metern über Meer, die Böden variieren zwischen Sandstein, Lehm, Kalkstein und Tonmergel. Wie im Burgund setzt auch das Terroir im Chianti-Classico-Gebiet den Ton. So entstehen etwa auf lehmhaltigem Untergrund tendenziell gerbstoffreichere Weine.
Die Hauptkomponente des Chianti Classico ist die Sangiovese-Traube – und an ebendieser scheiden sich die Geister. «Die Sorte ist schwierig, eher dünn, aggressiv und gerbstoffbetont, man muss im Weinberg extrem gut arbeiten, um etwas Gescheites hinzubekommen», sagt Master of Wine Philipp Schwander. Von einer sehr transparenten Rebsorte spricht Albiera Antinori, Chefin vom Weingut Marchesi Antinori, dem grössten Produzenten der Region. «Die Sangiovese-Traube kann Unterschiede in Höhe, Sonnenexposition, Terroir und Mikroklimata deutlich widerspiegeln.» Diese Faktoren seien denn auch massgeblich, wie die Säure wahrgenommen werde.
«Sangiovese ist die beste Rebsorte Zentralitaliens», sagt Andrea Cecchi, Patron des gleichnamigen Weinguts. Damit könne man grosse, sehr elegante Weine keltern, so der 66-Jährige. Die Schwierigkeit: Sangiovese steht früh in der Blüte und wird erst sehr spät reif, in der Regel ab Mitte September. Die Rebsorte sei deshalb anfälliger für Wettereinflüsse als andere. «Um wirklich reifes Traubengut zu erhalten, müssen die Erträge pro Pflanze niedrig, bei zirka zwei Kilo, gehalten werden.» Zentral sei auch das Wassermanagement. Im gesamten Chianti-Classico-Gebiet arbeiten die Winzer traditionell ohne Grundwasser. Neben der Witterung habe die Fähigkeit der Böden, Regenwasser zu speichern, entscheidenden Einfluss auf den Charakter der Weine.