Vor einem Vierteljahrhundert haben Sie die Geschäftsstelle des SVG übernommen. In welchem Zustand war der Verband damals
Dorothee Stich: Es war ein Selbstläufer im Sinne von: Es war nicht schwierig, Vorstandsmitglieder zu finden. Und man begnügte sich mit den Mitgliedern, die man hatte. Kam ein neues hinzu, war das super, aber aktiv etwas dafür tun musste man nicht. Im Vorstand hatte jeder die Verantwortung für einen bestimmten Bereich – ob Organisation des Symposiums oder der GV, der Kurse und Fachtagungen oder die Budgetplanung. Die Geschäftsstelle war im Grunde ein Vorstands- und Mitgliedersekretariat. Das entsprach nicht meinem Verständnis von einer Geschäftsstelle.
Warum?
Dorothee Stich: Nach aussen wirkten wir nach meiner Ansicht zu wenig professionell, sondern eher wie ein klassischer Freizeitverein. So war etwa die Kommunikation nicht einheitlich, Einladungen wurden in unterschiedlichster Optik und Tonalität erstellt. Teilweise waren sie noch mit Maschine geschrieben. Für mich war es schwierig, kompetent Auskunft zu geben, da ich immer beim betreffenden Vorstand nachfragen musste. Dazu kam, dass viele Vorstandsmitglieder am Limit der Belastungsgrenze waren, weil sie die Verbandsarbeit nebenamtlich zum Vollzeitjob im Betrieb leisteten.
Wie gingen Sie vor?
Dorothee Stich: In erster Linie ging es mir darum, den Vorstand zu entlasten und einen einheitlichen Auftritt nach aussen sicherzustellen. Zusammen mit meinem Team liess ich alles bei der Geschäftsstelle zusammenlaufen. Der Vorstand konnte alle organisatorischen und kommunikativen Aufgaben komplett abgeben. Wir kümmerten uns fortan um alles: die Termine, das Budget, die Organisation des Symposiums oder die Kommunikation.
Wie haben Sie diesen Mehraufwand denn finanziert?
Dorothee Stich: Wissen Sie: Ich habe das Mandat für den SVG geliebt. Vom Vorstand erfuhr ich in all den Jahren immer eine grosse Wertschätzung und erhielt darüber hinaus viele Freiheiten. Darum war für mich immer klar: Wenn ich eine Neuerung bringe, die Geld kostet, bin ich auch dafür verantwortlich, dass sie sich finanzieren lässt.
Zum Beispiel?
Dorothee Stich: Wir haben etwa aktiv Sponsoren gesucht. Dann haben wir auch angefangen, die Seminarbeiträge sauber durchzurechnen und überlegten, was ein angemessener Preis dafür ist. Und in Etappen haben wir die Möglichkeiten für Werbeeinnahmen auf- und ausgebaut. Und ja: Dreimal in den letzten 25 Jahren haben wir auch die Mitgliederbeiträge erhöht, weil einfach alles teurer geworden ist, vor allem die Leistungen, die wir einkaufen mussten. Zum Glück konnten wir vieles inhouse machen.
Bald übernimmt Roger Lütolf die Geschäftsführung des SVG. Was für einen Verband wird er antreffen?
Dorothee Stich: Der SVG ist ausserhalb der Branche sichtbarer geworden, er ist aber noch nicht sichtbar genug. Wobei das traditionell schwierig ist, weil der Interessentenkreis über die Gemeinschaftsgastronomie hinaus eher klein ist. Dann ist der Verband digitaler geworden, aber noch nicht ausreichend. Vor allem bei den Mitgliedern hapert es. Als wir kurz vor der Pandemie unsere erste Online-Umfrage starteten, hatten wir tatsächlich null Rücklauf – und selbst bei der diesjährigen Salärumfrage hat fast die Hälfte der Mitglieder nach wie vor die Teilnahme «per Papier» bevorzugt. Zum Glück nicht verändert hat sich die menschliche Kultur. Die Menschen, die diese Branche letztlich ausmachen, sind sehr nahbar, sehr offen und locker, aber nicht unverbindlich im Umgang. Und vor allem sind sie immer wertschätzend, vielleicht weil sie in ihrem Alltag zu wenig Wertschätzung erhalten.