04.11.2026 SP 4/26

«Ich habe dieses Mandat geliebt»

Interview: Tobias Hüberli – Fotos: Samir Segrouchni
Nach 25 Jahren übergibt Dorothee Stich die Geschäftsführung des Schweizer Verbands für Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie (SVG) an Roger Lütolf. Ein Gespräch über fehlende Wertschätzung, neue Ideen und die Zukunft des Verbands.
Dorothee Stich und Roger Lütolf
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Vor einem Vierteljahrhundert haben Sie die Geschäftsstelle des SVG übernommen. In welchem Zustand war der Verband damals
Dorothee Stich: Es war ein Selbstläufer im Sinne von: Es war nicht schwierig, Vorstandsmitglieder zu finden. Und man begnügte sich mit den Mitgliedern, die man hatte. Kam ein neues hinzu, war das super, aber aktiv etwas dafür tun musste man nicht. Im Vorstand hatte jeder die Verantwortung für einen bestimmten Bereich – ob Organisation des Symposiums oder der GV, der Kurse und Fachtagungen oder die Budgetplanung. Die Geschäftsstelle war im Grunde ein Vorstands- und Mitgliedersekretariat. Das entsprach nicht meinem Verständnis von einer Geschäftsstelle.

Warum?
Dorothee Stich: Nach aussen wirkten wir nach meiner Ansicht zu wenig professionell, sondern eher wie ein klassischer Freizeitverein. So war etwa die Kommunikation nicht einheitlich, Einladungen wurden in unterschiedlichster Optik und Tonalität erstellt. Teilweise waren sie noch mit Maschine geschrieben. Für mich war es schwierig, kompetent Auskunft zu geben, da ich immer beim betreffenden Vorstand nachfragen musste. Dazu kam, dass viele Vorstandsmitglieder am Limit der Belastungsgrenze waren, weil sie die Verbandsarbeit nebenamtlich zum Vollzeitjob im Betrieb leisteten.

Wie gingen Sie vor?
Dorothee Stich: In erster Linie ging es mir darum, den Vorstand zu entlasten und einen einheitlichen Auftritt nach aussen sicherzustellen. Zusammen mit meinem Team liess ich alles bei der Geschäftsstelle zusammenlaufen. Der Vorstand konnte alle organisatorischen und kommunikativen Aufgaben komplett abgeben. Wir kümmerten uns fortan um alles: die Termine, das Budget, die Organisation des Symposiums oder die Kommunikation.

Wie haben Sie diesen Mehraufwand denn finanziert?
Dorothee Stich: Wissen Sie: Ich habe das Mandat für den SVG geliebt. Vom Vorstand erfuhr ich in all den Jahren immer eine grosse Wertschätzung und erhielt darüber hinaus viele Freiheiten. Darum war für mich immer klar: Wenn ich eine Neuerung bringe, die Geld kostet, bin ich auch dafür verantwortlich, dass sie sich finanzieren lässt.

Zum Beispiel?
Dorothee Stich: Wir haben etwa aktiv Sponsoren gesucht. Dann haben wir auch angefangen, die Seminarbeiträge sauber durchzurechnen und überlegten, was ein angemessener Preis dafür ist. Und in Etappen haben wir die Möglichkeiten für Werbeeinnahmen auf- und ausgebaut. Und ja: Dreimal in den letzten 25 Jahren haben wir auch die Mitgliederbeiträge erhöht, weil einfach alles teurer geworden ist, vor allem die Leistungen, die wir einkaufen mussten. Zum Glück konnten wir vieles inhouse machen.

Bald übernimmt Roger Lütolf die Geschäftsführung des SVG. Was für einen Verband wird er antreffen?
Dorothee Stich: Der SVG ist ausserhalb der Branche sichtbarer geworden, er ist aber noch nicht sichtbar genug. Wobei das traditionell schwierig ist, weil der Interessentenkreis über die Gemeinschaftsgastronomie hinaus eher klein ist. Dann ist der Verband digitaler geworden, aber noch nicht ausreichend. Vor allem bei den Mitgliedern hapert es. Als wir kurz vor der Pandemie unsere erste Online-Umfrage starteten, hatten wir tatsächlich null Rücklauf – und selbst bei der diesjährigen Salärumfrage hat fast die Hälfte der Mitglieder nach wie vor die Teilnahme «per Papier» bevorzugt. Zum Glück nicht verändert hat sich die menschliche Kultur. Die Menschen, die diese Branche letztlich ausmachen, sind sehr nahbar, sehr offen und locker, aber nicht unverbindlich im Umgang. Und vor allem sind sie immer wertschätzend, vielleicht weil sie in ihrem Alltag zu wenig Wertschätzung erhalten.

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Sie übernehmen ab Januar 2027. Was reizt Sie an dieser Aufgabe
Roger Lütolf: Das Wichtigste ist meine grosse Verbundenheit mit der Branche und meine Bewunderung für die Menschen, die darin arbeiten. Was sie tagtäglich leisten und kreieren, ist grossartig. Die Gemeinschaftsgastronomie befindet sich im Wandel, sei es bezüglich Wirtschaftlichkeit, Ernährung oder Technologie. Diese Vielfalt und die damit verbundenen Herausforderungen reizen mich sehr. Ich darf gemeinsam mit dem Vorstand die neue Strategie definieren und anschliessend auch deren Umsetzung vorantreiben. Das ist ein grosser Ansporn für mich. Das Geschäftsführungsmandat beim SVG ist eine ideale Ergänzung zu den anderen Mandaten und Projekten, die ich mit meiner Marketingagentur buzz:fun betreue. Gleichzeitig kann ich meine Erfahrungen aus der Verbandsführung, der Strategieentwicklung und dem Marketing gezielt einbringen. Es hat mich riesig gefreut, als Dorothee mich für diese Aufgabe angefragt hat. Nun möchte ich das Vertrauen mit viel Engagement und einer guten Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern und Partnern zurückgeben.

Dorothee Stich: Ich dachte schon länger, dass Roger ein guter Nachfolger ist.

Erzählen Sie!
Dorothee Stich: Roger bin ich zum ersten Mal vor Jahren im Zug auf dem Weg zur Igeho begegnet. Da fand ich ihn sofort sympathisch. Als er sich dann selbstständig gemacht hat, haben wir von ihm ein Schreiben bekommen, in dem er sich vorstellte und ein Treffen vorschlug. Ich schaute dann nach, was er genau macht, und realisierte: Das wäre der perfekte Nachfolger für mich. Allerdings war das 2023 noch zu früh. Er versuchte dann in der Folge immer wieder, mich zu treffen. Aber ich musste ihn mehrmals vertrösten, weil die Zeit noch nicht reif war.

Roger Lütolf: Und ich habe nicht locker gelassen.

Auf was für einen Geschäftsführer dürfen sich die Verbandsmitglieder einstellen?
Roger Lütolf: Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Mensch. Und ich gehe gerne schnell vorwärts. Dabei ist mir wichtig, dass wir alle eine gemeinsame Richtung haben. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass der Vorstand und ich die Strategie gemeinsam entwerfen. Ich bin kreativ, entwickle gerne neue Ideen und suche immer nach der besten Lösung für ein Problem. Gleichzeitig arbeite ich sehr strukturiert, was bei all den Ideen auch wichtig ist. Wer jetzt aber denkt, dass sich am 1. Januar alles ändert, den kann ich beruhigen. Der Verband ist in einem sehr guten Zustand. Vieles müssen wir unbedingt beibehalten.

Die fehlende Wertschätzung der Branche ist ein oft diskutiertes Thema.
Roger Lütolf: Und wie viele dort arbeiten! Trotzdem erhält die Gemeinschaftsgastronomie aus meiner Sicht noch nicht die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdient. Daran wollen wir als Verband arbeiten und die Bedeutung unserer Branche stärker sichtbar machen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Dorothee und ihr Team haben sich während 25 Jahren mit grossem Engagement dafür eingesetzt. Auf dieser Arbeit wollen wir aufbauen und uns gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Partnern dafür einsetzen, dass die Gemeinschaftsgastronomie die Anerkennung erhält, die sie verdient.

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Was würden Sie sich für den Verband wünschen?
Roger Lütolf: Natürlich wollen wir die Relevanz des Verbands innerhalb der Branche steigern. Wenn ich an die grossen Player der Gemeinschaftsgastronomie denke, sehe ich viel Potenzial, künftig noch stärker zusammenzuarbeiten. Mein Ziel ist es, mit allen zu reden und herauszufinden, wo gemeinsame Bedürfnisse und Interessen liegen und auf welchen Ebenen wir die Zusammenarbeit stärken oder neue Möglichkeiten schaffen können. Diese Gespräche möchte ich ab nächstem Jahr gezielt angehen. Zuerst gilt es aber, gemeinsam mit dem Vorstand die strategischen Grundlagen dafür zu schaffen.

Dorothee Stich: Im Gegensatz zu mir ist Roger ein extrovertierter Mensch. Das wird ihm in dieser Hinsicht leichter fallen als mir.

Eine Erfolgsgeschichte ist die Swiss SVG-Trophy, der einzige Kochwettbewerb für die Gemeinschaftsgastronomie.
Dorothee Stich: Die Idee dazu entstand 2008 innerhalb des Vorstands. Mit der Pistor AG hatten wir einen motivierten Sponsor am Start, aber wir brauchten noch neutrale Wettbewerbskompetenz. Deshalb holten wir den Schweizer Kochverband für die ganze Jury-Arbeit an Bord. Die Trophy hat uns bezüglich Sichtbarkeit der Branche sicherlich ein Stück weitergebracht. Wenn ich zudem die Menüs der Sieger von heute mit den Anfängen vergleiche, hat da eine unglaubliche Entwicklung stattgefunden.

Am 1. Januar zügelt die Geschäftsstelle nach Luzern. Sind Sie bereit
Roger Lütolf: Ich bin glücklicherweise nicht alleine. Ich arbeite seit Jahren mit einem bewährten Netzwerk von Fachleuten zusammen und kann bei Bedarf auf die entsprechenden Kompetenzen zurückgreifen. Zudem werden mich Sabina Jaeger und mein Sohn Luc aktiv unterstützen. Beide werden auch in der neuen Geschäftsstelle anzutreffen sein. Gerade zu Beginn legen wir besonderen Wert auf eine funktionierende Informatik und die Digitalisierung unserer Abläufe. Luc ist gelernter Informatiker und wird uns dabei unterstützen, dass technisch alles von Beginn an gut funktioniert und wir die Möglichkeiten der Digitalisierung optimal nutzen können. Der Datentransfer ist sorgfältig vorbereitet. Dorothee und ihr Team leisten dabei hervorragende Arbeit. Unser Ziel ist ein möglichst reibungsloser Übergang. Abgesehen von der neuen Telefonnummer und Postadresse sollen die Mitglieder vom Wechsel möglichst wenig spüren.

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Was haben Sie nächstes Jahr für Pläne?
Dorothee Stich: Mein einziger Plan ist: Ich will einmal so lange nichts machen, bis es mir langweilig ist. Weil ich das Gefühl der Langeweile gar nicht kenne. Ob ich es jemals kennenlerne, weiss ich nicht. Aber vielleicht komme ich in diese kreative Leere, in der man erkennt, was wichtig gewesen ist und was zu kurz gekommen, aber immer noch wichtig ist. Deshalb plane ich bewusst nichts. Alle Anfragen, die jetzt reinpurzeln, lehne ich konsequent ab.

Und zum Schluss: Was raten Sie Roger Lütolf für die Zukunft?
Dorothee Stich: Dass du alles so anpackst, als wäre es dein Unternehmen. Nimm dir die Freiheit, alles anders machen zu dürfen als ich. Es geht nach vorne, nicht nach hinten. Du musst überlegen, wie es für dich stimmt, um zur richtigen Lösung für den Verband zu kommen. Der Vorstand gibt dir diese Freiheit, das ist ja das Tolle.

Ihre erste Erfahrung mit der Gemeinschaftsgastronomie sammelte Dorothee Stich als etwa 20-Jährige. Während fast eines Jahres kochte sie das Mittagessen für die Mitarbeiter einer Gemüse-Grosshandelsfirma. «Seither kenne ich die grosse Verantwortung, die man hat, wenn man jahrein, jahraus für die gleichen Menschen kocht», sagt sie. Vor 25 Jahren übernahm Dorothee Stich die Geschäftsführung des Schweizer Verbands für Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie. Zusammen mit ihrem treuen Team hielt sie nebenbei auch eine florierende Werbeagentur am Laufen, organisierte den Bio-Marché in Zofingen und erfüllte weitere Geschäftsführungsmandate, etwa für die Stiftung Goût Mieux und die J.+E.-Schenk-Stiftung sowie für die SVG-Stiftung. Während sieben Jahren baute Dorothee Stich zudem das Tourismusbüro von Zofingen auf. Der SVG wie auch Dorothee Stich werden nächstes Jahr 65 Jahre alt. Während Stich in den wohlverdienten Ruhestand geht, übernimmt Roger Lütolf die Geschäftsleitung des Verbands.

Zwischen seinem zwanzigsten und dreissigsten Lebensjahr tat Roger Lütolf vor allem drei Dinge: viel arbeiten, Ausbildungen absolvieren und reisen. 2003 kam er zum ersten Mal in Kontakt mit der Gastronomie. Für die Luzerner Firma Hug in Malters baute er das Foodservice-Marketing auf. Dabei lancierte der Luzerner unter anderem auch den noch heute erfolgreichen Creative Tartelettes Contest Schweiz. 2013 übernahm er das Marketing der Hotel und Gastro Union. Vor vier Jahren machte er sich mit seiner eigenen Marketingagentur buzz:fun GmbH selbstständig. Ab Januar 2027 verantwortet der 51-Jährige die Geschäftsleitung des SVG.