Wir erwischen das Weingut Clos Vert in einem hitzigen Moment, wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Wortwörtlich, weil es zu diesem Zeitpunkt seit Wochen heiss und trocken ist, am Bielersee noch trockener als anderswo, mit spürbaren Auswirkungen auf die Arbeit im Rebberg. «Pflanzenschutzmittel mussten wir viel weniger ausbringen als in anderen Jahren. Die Trockenheit reduziert Pilzkrankheiten, es gibt also durchaus Vorteile», sagt Noel Urwyler, der das Weingut zusammen mit Helena Hebing und Thomas Wehrlin führt. Die Kehrseite allerdings werfe viele Fragen auf: «Bis anhin brachten unsere Zwischenbegrünungen eine rege Biodiversität mit sich. Schaue ich jetzt in die Reben, ist es einfach braun, folglich hat es null Insekten.»
Sorgen bereitet ihm auch der hohe Bewässerungsbedarf. «Natürlich könnten wir uns dafür einrichten, mehr Leitungen legen beispielsweise, um im nächsten solchen Sommer vermehrt Wasser aus dem See zu pumpen. Bloss zeigt sich da gleich die nächste Herausforderung: Wasser ist keine unendliche Ressource. Es ist darum auch hier ein stetes Abwägen.» Dass der Hitzesommer 2026 die Zukunft ist, steht für Urwyler ausser Frage, «die Forschungslage ist eindeutig». Er hofft darum, dass die Dringlichkeit endlich im allgemeinen Bewusstsein ankommt, die Politik Verantwortung übernimmt und vermehrt Gelder spricht statt welche streicht. «Die geopolitische Lage ist angespannt, keine Frage. Trotzdem braucht es Lösungen, wir müssen uns neu orientieren, an die veränderten klimatischen Bedingungen adaptieren. Dafür braucht es ein offenes Denken und uns alle.»
Innovation statt Protektionismus
Ähnlich verhält es sich für Urwyler mit der aktuellen Importkontroverse. Künftig sollen günstige Importkonditionen nur noch für jene Importeure gelten, die auch Schweizer Trauben kaufen und keltern. Eine Regelung, die es schon einmal gab und die als Förderung von Schweizer Weinen verkauft wird, in der Branche jedoch auf regen Widerstand stösst. «Wir wären mit unserem kleinen Betrieb davon ausgenommen, trotzdem haben wir natürlich eine Meinung dazu», sagt Noel Urwyler und lacht. «Wir sind überzeugte Verfechter von Qualität und genauso überzeugt davon, dass die neue Handhabung diesbezüglich nicht förderlich wäre, im Gegenteil.» Zielführender fände er, das eigene Schaffen zu hinterfragen und, wo nötig, Anpassungen vorzunehmen.
Severin Aegerter, Inhaber der Weinhandlung Cultivino und Vertriebspartner von Clos Vert, nickt zustimmend. «Protektionismus war noch nie ein probates Mittel. Lieber sollten wir die Landwirtschaft darin unterstützen, sich zu reflektieren und zu entwickeln, und ihre Innovationsfähigkeit fördern.» Als Vergleich zieht er Cultivino-Partner aus dem Ausland heran: «Viele von ihnen besinnen sich auf Mischkulturen, was ökologisch und wirtschaftlich gleichermassen fantastisch ist. Aber: Nichts davon passiert über wirtschaftlichen Druck. Die Treiber sind Innovation und Bewusstsein.» Das zeige: «Wer etwas Einzigartiges macht, hat keine Absatzprobleme. Schwierig wird es dort, wo austauschbar und industriell gearbeitet wird.»