Ausgefressen

Eine dramatische Wendung

Alles änderte sich schlagartig vor 25 Jahren. Gerade hatte ich erwartungsvoll zu studieren begonnen, als mein Heimatland der Europäischen Union beitrat. Am ersten Jänner 1995 fluteten europäische Lebensmittelkonzerne den Markt. Die Preise für Essen fielen dramatisch. Die Politik feierte diesen Umstand als grossen Erfolg. Der damalige Präsident Thomas Klestil hielt seine Neujahrsansprache mit einem Becher Schlagsahne in der Hand und hielt fest, dieser koste fortan nur noch die Hälfte. Tatsächlich passierte in Österreich der Übergang zum Wirtschaftslibera­lismus, der in Westeuropa über Jahrzehnte schleichend und bei­nahe unbemerkt vorangegangen war, an einem einzigen Tag. Die Flutung des Alltags mit Massenware kam über Nacht. Essen wurde augenblicklich industrialisiert.

Während meiner Kindheit war frisches Weissgebäck ein Sonntags­frühstück und der Festtagsbraten Realität im wörtlichen Sinn. Steak wurde nur zu Weihnachten gereicht, und Sekt tranken Er­wachsene ausschliesslich an Silvester, Hochzeiten und runden Geburtstagen. Der Besuch eines Restaurants war in jeder Hin­sicht etwas Besonderes, das ich stets sehr genoss. Überfüllte Buffets, riesige Fleischportionen mit Wegwerfgarantie und bil­ligste Fertiggerichte existierten nicht.

Food Waste war kein Thema. Den konnte man sich gar nicht leisten. Ein Überangebot war undenkbar. Grosseltern und Eltern betrachteten das Essen mit Sorgfalt und umspielten es mit einer Aura der Heiligkeit. Ihm wurden als Objekt und als Handlung allerhöchste kulturelle (und monetäre) Werte zugedacht. Viel­leicht lag das an der einstigen, unvergessenen Knappheit, an jahr­tausendealten Traditionen – oder beidem. Für uns Kinder war dieser Zugang auch lästig. Permanent wurden wir zum Aufessen angehalten. Das verhasste weisse Schweinefett, das zerkochte Ge­müse, die Innereien mussten verzehrt werden. Jedem Versuch der Verweigerung wurde der erlebte Mangel der Elterngeneration oder der Hunger in der sogenannten Dritten Welt entgegen­gesetzt. Ewig gleiche Predigten hagelten dem kindlichen Ekel entgegen. Nicht selten erlebten wir den Familientisch als Qual.

Während ich erwachsen wurde, änderte sich das. Essen verlor seinen Status als Besonderheit. Fleisch, sogar Filets wurden er­schwinglich und alltäglich wie Kuchen, Weissbrot oder Sekt. Das überfüllte Paradies Supermarkt und ein Grossteil der Gaststätten verwandelten das einst hochgehandelte Essen in ein fast kosten­loses Alltagsprodukt. Qualität wurde durch Quantität ersetzt.

Es ist inzwischen egal, ob zu viel oder das Falsche eingekauft oder bestellt wird, denn für billigen Nachschub ist gesorgt. Die Pro­duktion von Food­ und Verpackungsmüll gehört zum Konsum dazu. Das Überangebot provoziert Gleichgültigkeit. Dem Essen, wie jedem anderen industriell hergestellten Designprodukt auch, wurde jeglicher kultureller Wert entzogen. Es ist die wichtigste und schwerste Aufgabe der Gastronomie, dem Essen wieder Wert einzuhauchen. Deshalb an dieser Stelle die dringliche Bitte, zu­allererst mit diesen furchtbaren Frühstücksbuffets aufzuhören!

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: 1/2020 / Datum: 03.02.2020


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