Ausgefressen

Was wirklich fehlt

Ich gestehe: Ich habe es getan, und ich werde es wieder tun. Während der letzten Wochen habe ich Coffee to go konsumiert. Anfänglich war ich peinlich berührt. Verkrampft, verhalten, streng geheim bin ich vor «meinen» Kaffeehäusern aufgetaucht und habe dort eingekauft. Mittlerweile bin ich etwas selbstsicherer und schreite mit beinahe erhobenem Haupt zur Tat, auch wenn sich der kleine Wegwerfbecher in der Hand anfühlt wie eine öffentlich getragene Jogginghose.

Warum mache ich das bloss? Kaffee könnte ich auch im Atelier trinken. Dort wartet eine knallrote Bialetti auf mich. Das damit hergestellte Gebräu ist ziemlich okay. Und so super ist der Wiener-Kaffeehaus-Kaffee ja auch wieder nicht. Ich bin ehrlich: Der Kaffee an sich ist mir – sagen wirs auf gut Wienerisch – wurscht. Aber die Damen und Herren Kaffeehaus-Kellner will ich sehen. Mit ihnen will ich plaudern und – zumindest ein bisschen – Schmäh führen. Diese Menschen fehlen mir. Die anderen Gäste fehlen mir. Die Gastronomie fehlt mir. Und wie!

Scheiss-Pandemie. Wie ich sie hasse. Sie hat mir meine Kaffeehäuser, meine verehrten Restaurants, meine Wirtin Daria, meine Gespräche und Inspirationen, meine geglückten Augenblicke weggesperrt. Wegen ihr, wegen der daraus resultierenden Massnahmen muss ich heute vor dem Kaffeehaus stehen und vor Kälte schlotternd einen grindigen Wegwerfbecher mit lauwarmem Gebräu kaufen. Der Herr Ober trägt am Outdoortresen Zivil statt Smoking. Auch das fühlt sich an wie besagte Jogginghose.

Ich will kein to go, kein Take-away, kein Delivery. Kochen kann ich selbst. Gastronomie ist Kultur. Sie ist Schönheit, und sie ist Diversität. Jedes Kaffeehaus, jedes Beisl, jedes Restaurant ist etwas ganz Bestimmtes. Das hat nichts mit Erlebnis zu tun, sondern mit Eigenschaft. Der Besuch der Gastronomie ist ausnahmslos etwas Besonderes. Vergleichen kann ich das vielleicht mit einem Waldspaziergang, einer Bergtour oder Sex. Jeder Moment ist unvorhersehbar und kann deswegen schön sein.

Die Pandemie zeigt uns, wie wichtig Diversität ist. Monokulturen oder zu viel Ordnung sind nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich. Besonders anfällig ist die Nahrungsmittelproduktion. Das Risiko eines nicht lösbaren Pilz-oder Insektenbefalls von Weizen oder Mais oder Rindern wäre für uns Menschen absolut tödlich. Nichts wäre wichtiger als Vielfalt. Doch dieses Verlangen nach Diversität betrifft auch die Kultur. Je mehr, desto lebensfähiger. Die Gastronomie kann kulturelle und biologische Diversität bieten. Ich hoffe sehr, dass das bald wieder möglich ist. Ich freue mich darauf.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: Salz & Pfeffer 1/2021 / Datum: 23.02.2021


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