Ausgefressen

Wir sind, was wir essen

Dieses unsägliche Coronavirus lässt uns immer wieder an Krankheit und Pflege denken. Das ist naturgemäss unangenehm. Niemand ist gerne krank; allein die Appetitlosigkeit ist ein Alptraum. Dass das Essen nicht mehr wirklich schmeckt, ist grauenhaft. Und dann kommt noch die Vorstellung hinzu, vielleicht ein Krankenhaus zu benötigen. Schrecklich. Allein der Gedanke, ein Spital betreten zu müssen, löst bestenfalls Unmut aus. Jaja, da kommen Ängste vor Schmerzen, Medikamenten und Einsamkeit auf. Aber das ist nicht alles: Als Ex-Architekt muss ich mich jedes Mal für meine Zunft fremdschämen, wenn ich an Spitälern vorbeikomme. Zweckarchitektur ist grundsätzlich zum Heulen. Dass man aber ausgerechnet Menschen, die gesund werden sollen und wollen, in winzige Zellen ohne Licht, Luft und Atmosphäre sperrt, ist mir ein Rätsel.

Noch schlimmer ist das Essen. Fassungslos betrachtete ich vor Jahren das Abendessen, das meine Frau Sonja unmittelbar nach der Geburt unseres ersten Kindes serviert bekam: eine alte Semmel, abgepackte aufgeschnittene Wurst und Käse sowie als angeschriebene Gemüsebeilage ein Essiggurkerl (also Cornichon). Alles billigste Industrieware. Nährstoffe und Vitamine vorsätzlich perfekt abgetötet. Dieses «Abendessen» war darüber hinaus wunderbar in Frischhaltefolie eingewickelt, um gleich noch eine schöne Menge Müll mitzuproduzieren. Es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn Sonja die Folie gleich mitgegessen hätte. Geschmack und Nährwert des Kunststoffs waren nicht vom eigentlichen Essen zu unterscheiden.

Das alles ist eine Weile her, geändert hat sich in der Zwischenzeit leider nichts. Es ist schlimmer geworden. Cateringunternehmen brüsten sich damit, Essen für eine ganze Woche vorproduzieren zu können. Entwicklungsbudgets werden für Tabletts, die besser in die Mikrowelle passen, ausgegeben. Die Qualität des Essens interessiert keinen. Billig muss es sein. Die Medikamente und Ärzte sind bekanntlich teuer genug.

Keine Zelle im menschlichen Körper ist älter als sieben Jahre. Wir sind also, was wir essen. Und da soll die Ernährung keine Rolle spielen? Geht es nur mir so, dass sich das Essen auf mein Wohlbefinden auswirkt? Ich bekomme verdammt schnell miese Laune, wenn ich Scheisse fressen muss. Gutes Essen hingegen hebt meine Stimmung gewaltig – und angeblich spielt die Psyche bei der Heilung von Krankheiten ja durchaus auch eine Rolle. Es wäre also höchste Zeit, dass sich die (gute) Gastronomie mit dem Gesundheitswesen zusammentut und anfängt zu überlegen. Das wäre mal Food Design.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: Salz & Pfeffer 6/2021 / Datum: 16.11.2021


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