Ausgetrunken

Lukrative Flaschenpost

Früher, also B.C., als wir in unseren Lieblingsbars sassen, wĂ€re niemand auf die Idee gekommen, über Drinks in Flaschen mit Bügelverschluss nachzudenken. Aber besondere Zeiten erfordern bekanntlich besondere Massnahmen.

Als die Lieblingsbar geschlossen war, ein guter Drink aber trotzdem her musste (da gibts einen aus dem Barbuch von Harry Schraemli!) – und dann doch wieder diese Zutat fehlte, die nur online erhĂ€ltlich ist. Ja, da schĂ€tzte sich glücklich, wer eine gute Bar in der NĂ€he wusste, in der viele Drinks vom Menü in Flaschen abgefüllt wurden, sodass der Home-Bartender nur ein Glas und Eiswürfel brauchte. Gute Bars brachten ihre Drinks grammgenau abgemessen – inklusive Schmelzwasserberechnung – in die Flasche, deren Inhalt oft gleich für mehrere Drinks reichte. So nutzten sie Arbeitsstunden effektiv und konnten den Einsatz von Personal optimieren. Im Glas war alles wie früher, für das Ambiente und die Musik jeder selber zustĂ€ndig (für Nerds: Perfekte Barvibes liegen bei 90 Beats per minute). Viele Bars organisierten ausserdem einen Lieferservice mit perfekt gekühlten Drinks zum Sofort-Trinken. Und besonders smarte Bars verkauften schöne GlĂ€ser sowie nachhaltige Glashalme gleich dazu.

Für nicht-urbane Barflys gibt es die Drinkboxen. Das Prinzip ist einfach: Alle Zutaten für Drinks mit und ohne Alkohol kommen in einzelnen kleinen FlĂ€schchen, mit begleitendem Booklet und Infos über die Zutaten und Produzenten in schön gestalteten Boxen direkt nach Hause. Die Vorteile liegen auf der Hand: Home-Bartender können mehrere Drinks probieren, brauchen dazu oft nur noch eine Zitrone, Eis und einen Messbecher. Plus: Die Zutaten sind mindestens ein Jahr haltbar. In der Regel beinhaltet das Paket zwei bis drei Drinks für je zwei Personen, keiner muss also alleine trinken. Produzenten richtig durchdachter Boxen haben ausserdem eine Playlist zusammengestellt. Wenn es also gut lĂ€uft, haben die Kunden mit den Drinks eine gute Zeit, neue Zutaten kennen gelernt und vor allem: keine Reste.

Robert Schröter, als Bartender, Berater und GetrĂ€nkeentwickler in Deutschland und der Schweiz unterwegs, sieht die Bottled Cocktails für viele Bars in Lockdown-Phasen nicht nur als Erste Hilfe und BeschĂ€ftigung für die Mitarbeiter, sondern vor allem auch als Möglichkeit, mit den (Stamm-)Kunden in Kontakt zu bleiben. Vielen Bars gelang es damit, das Personal weiter zu beschĂ€ftigen, das Menü endlich einmal wieder zu überarbeiten und neue Drinks auszuprobieren. Abgefüllte Drinks seien, so Schröter, möglicherweise aber auch ausserhalb von Zwangspausen ein ZusatzgeschĂ€ft, ein zweites finanzielles Standbein, das gut parallel laufen könne. Die Cocktails seien ja bereits konzipiert, die Etiketten gestaltet, die Infrastruktur vorhanden.

So wird sich A.C., so es denn jemals ein «nach Corona» geben wird, diese hybride Form des Trinkens etablieren. Klar, es trinkt sich lĂ€ssiger in der Bar – aber wenn der nĂ€chste Lockdown kommt, bleibt es wenigstens im Glas spannend. Mit oder ohne Alkohol: bottled, not stirred.

Nicole Klauss

Kulinarische Autorin und Gastronomieberaterin, neuetrinkkultur.de
Ausgabe: Salz & Pfeffer 4/2021 / Datum: 31.08.2021


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